Die deutschsprachige Ausgabe von „Lettre International“ feiert 25.Geburtstag. Mit einem spektakulären 180-Seiten-Heft.
Es gab sie schon immer, die Zeitungen und Zeitschriften, die sich jemand unter den Arm klemmt, um als etwas Besseres, Wichtigeres gelten zu können. „Lettre International“ ist ein Musterbeispiel für eine solche Publikation. Schon das große Format der Zeitschrift ist außergewöhnlich, dazu das künstlerisch gestaltete Titelblatt, berühmte Autoren, tiefschürfende Texte, spektakuläre Fotografien und Grafiken. Ein Paradeorgan für alle an der Geisteswelt Interessierten – und eben auch für Möchtegernintellektuelle. Was aber das Format anbetrifft: Die Lektüre von „Lettre“ in der U-Bahn oder auch im Bett gestaltet sich einigermaßen schwierig. Vielleicht ist das von den Zeitschriftenmachern so bezweckt: dass man sich an einen Tisch setzt und sich dort in das Heft vertieft.
Ein Vierteljahrhundert alt geworden ist jetzt die deutschsprachige Ausgabe dieser 1984 vom tschechischen Publizisten Antonín Jaroslav Liehm gegründeten Zeitschrift. Liehm, ein Aktivist des Prager Frühlings, hatte die Idee eines publizistischen Forums für breite intellektuelle Debatten, das europaweit erscheinen sollte, aus seiner tschechischen Heimat ins Pariser Exil mitgebracht. Eine Zeit lang erschien Lettre tatsächlich in 13 verschiedenen Editionen, mittlerweile gibt es noch fünf. Von diesen steht die deutschsprachige Ausgabe wohl am gesündesten da, wie die 186 Seiten umfassende 100. Ausgabe aus Anlass des 25. Geburtstags beweist.
Für die anhaltend hohe Qualität sorgt seit Mai 1988 in der „Lettre“-Redaktion in Berlin Frank Berberich. Fast 3000 Texte – Essays, Reportagen, Erzählungen, Gespräche, Lyrik, Kommentare – hat er seither gedruckt, 80 Prozent davon waren Übersetzungen aus anderen Sprachen. Berberich ist auch stolz darauf, dass die Zeitschrift es in 25 Jahren geschafft hat, unabhängig zu bleiben. Dass Lettre trotz fehlender systematischer Förderungen nach wie vor erscheint, hängt vor allem auch damit zusammen, dass selbst berühmte Autoren für ziemlich ärmliche Honorare Texte abliefern.
Das Jubiläumsheft bietet umfangreichen Lesestoff – für die Liebhaber tonnenschwerer Philosophenkost (Slavoj Žižek, Boris Groys) ebenso wie für tagespolitisch Interessierte. Der Blick über reale und ideologische Mauern hinweg auf Russland und China war in „Lettre“ immer schon sehr konzentriert, auch hier wieder: Die in Weißrussland lebende Autorin ruft das Geschehen des Moskauer Putsches 1991, der zum Einsturz des Sowjetkolosses geführt hat, in einem langen Essay in Erinnerung; Michail Ryklin macht sich auf die Suche nach den Wurzeln für die Prunksucht der russischen Elite – von der Zarenzeit bis herauf in die Putin-Ära.
Fast schon brutal, wie der chinesische Lyriker Yang Lian die wilde Lust seiner Landsleute an der Spaßkultur des „Wanshi“, des „Nichts-ernst-Nehmens“, geißelt – und zu dem betrüblichen Befund kommt, heutige chinesische Befindlichkeit setze sich aus den Komponenten Egoismus, Zynismus und Gleichgültigkeit zusammen. Freilich sieht der Chinese in jüngster Zeit genauso in Deutschland die „Reduzierung des Diskurses auf Parolen und Vereinfachungen“ und „ein Abnehmen des Bemühens um ein wirkliches Verstehen“. Nur, warnt Yang Lian: „Demokratien, in denen Urteilskraft und unabhängiges Denken fehlen, ebnen den Weg für neue Diktaturen.“
Sein Landsmann Yan Lianke wiederum beschreibt, wie die chinesische Führung das kollektive Vergessen vergangenen Unheils und Unrechts zu einer Strategie zur Lenkung der Gesellschaft gemacht hat. Hingewiesen sei auch noch auf Urvashi Butalias Aufsatz über das Erwachen der Frauen im Macho-Land Indien und auf Stéphane Hessels allerletztes großes Interview vor seinem Tod.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.04.2013)