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Es war einmal der Klassenkampf

Platters grosses Glueck viele
Platter(c) REUTERS (DOMINIC EBENBICHLER)
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Der 1. Mai – ein Folklore-Event mit angeschlossener Wahlkampfrhetorik. Einfache Antworten gibt es nicht mehr. Und das Prekariat ist kein Spezifikum des Proletariats.

Am 1. Mai 1890 schrieb die „Neue Freie Presse“, adressiert an ihre verängstigte Leserschaft: „Soldaten stehen in Bereitschaft, die Tore der Häuser werden geschlossen, in den Wohnungen wird Proviant vorbereitet wie vor einer Belagerung, die Geschäfte sind verödet. Frauen und Kinder wagen sich nicht mehr auf die Gasse. Auf allen Gemütern lastet der Druck einer schweren Sorge.“ Im Prater, bislang dem Bürgertum zum Flanieren vorbehalten, sollte an diesem Tag die erste große Kundgebung der Sozialdemokratischen Partei zum Tag der Arbeit, damals noch als „Spaziergang“ getarnt, stattfinden.

Die Sorge des Bürgertums angesichts des Aufmarschs von 100.000 Arbeitern für die Einführung des Acht-Stunden-Tages und ein allgemeines Wahlrecht sollte sich als unbegründet erweisen. Tags darauf konzedierte auch die „Neue Freie Presse“ in ihrem Leitartikel: „Der mit ängstlicher Spannung erwartete Feiertag der Arbeiter ist nun vorüber, und er hat die Unglücksprophezeiungen der Pessimisten glänzend widerlegt [. . .]. Die Arbeiterschaft hat sich musterhaft benommen, und wir wüssten Leute genug, die mit einem gewissen Hochmuth auf das Proletariat hinabschauen und doch von diesen Männern der Arbeit lernen könnten, wie man eine politische Demonstration mit Würde, Anstand und Achtung vor dem Gesetz vollführt.“

Heute ist der 1.-Mai-Aufmarsch Teil der politischen Folklore. Der Siebeneinhalb-Stunden-Tag ist Standard, das allgemeine Wahlrecht auch. Aus Arbeitern sind Angestellte geworden. Und diese haben andere Bedürfnisse und andere Vorstellungen – auch politische. Sie wählen nicht mehr ausschließlich Rot, sondern auch Grün oder Schwarz. Und manche können sich sogar vorstellen, am Sonntag zu arbeiten. Würde es der rot-schwarze Gesetzgeber denn erlauben.
Und selbst unter jenen, die Arbeiter geblieben sind, einer Gruppe, die seit den Anfängen der Arbeiterbewegung immer kleiner wurde – der soziale Aufstieg ist auch ihr Verdienst –, gibt es kein homogenes, sozialdemokratisches Elektorat mehr. Arbeiter wählen heute vielfach die FPÖ und möglicherweise auch Frank Stronach, den (ehemaligen) Konzernherrn, dessen Charme darin besteht, einer aus ihrer Mitte zu sein, der mit Fleiß, Geschick und auch viel Glück seinen Weg gemacht hat.

Die Arbeiterbewegung gibt es in dieser Form nicht mehr. Sie existiert noch in Büchern, wissenschaftlichen Publikationen und in Museumsstücken. Und sie kehrt auch nicht mehr wieder – als kollektive Massenbewegung. Was von ihr blieb, ist eine 30-Prozent-Partei: die SPÖ.
Die Arbeiter und Angestellten haben heute unterschiedliche, man könnte sagen individuelle Interessen, die von unterschiedlichen Interessenvertretern wahrgenommen werden. Und der selbstständige Ein-Personen-Unternehmer ist heute nicht selten ebenso gefährdet, Teil des Prekariats zu werden, wie es seinerzeit der Proletarier war.

Die einfache Antwort auf die Schattenseiten, die auch ein in Summe höchst erfolgreiches Modell wie der Kapitalismus hat, gibt es nicht (mehr). Jobverlust und Arbeitslosigkeit wird man nicht mit Massenaufmärschen bekämpfen können. Auch dem unselbstständig Tätigen ist heute klar, dass die Welt nicht zwingend gerechter wird, wenn man nur geschlossen gegen den Arbeitgeber Position bezieht. Der Klassenkampf ist zwar ein interessantes geschichtsphilosophisches Konstrukt, bringt eine Gesellschaft, die Prosperität und Wohlstand zum Ziel haben will, aber keinen Schritt weiter. Was zudem auch hinreichend bewiesen ist.

Wenn die Genossen an diesem 1. Mai also wieder marschieren, dann dürfen sie sich ihrer Erfolge rühmen – der rechtlichen Besserstellung einer ausgebeuteten Arbeiterschaft, die jedoch vielfach in Überreglementierungen gemündet ist. Und das Bürgertum braucht sich nicht mehr zu fürchten. Nicht einmal vor der Wahlkampfrhetorik, die in diesem Jahr den Großteil der Ansprachen ausmachen wird.
Der Rest ist Folklore. Die wirkliche Musik, was Fortschritt, Arbeitsplätze und die Zukunft betrifft, spielt ohnehin woanders. ? Das Ende der Arbeiterbewegung, Seite 1

E-Mails an: oliver.pink@diepresse.com

 

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.04.2013)