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Australien: Vom Didgeridoo zum „lachenden Hans“

Australien entführt uns in Zeiten, in denen Krokodile und Dinosaurier noch Nachbarn waren. Und zu Menschen, die bemerkenswert gut drauf sind.

Er heißt Kookaburra, und sein Schrei klingt wie sein Name, schräg und ein bisschen verrückt. Die ersten Töne leise, kaum hörbar, dann geht der Ruf in hysterisches Gelächter über . . . Verhöhnt er mich, fragt man sich unwillkürlich.  Nein, er verteidigt nur sein Revier.

Neben dem Kookaburra, zu Deutsch „Lachender Hans“, wirkt das Känguru geradezu blass. Der Vogel hat Persönlichkeit und hätte einen Platz ganz vorn auf der Liste des Einzigartigen, Unvergleichbaren, Unverwechselbaren der Terra Australis verdient. Doch als Wappentier ist er zu klein und die Konkurrenz der kuscheligen Vierbeiner zu groß. Allen voran des Koalas, der viele Menschen so sehr berührt, dass sie die weite Reise allein seinetwegen in Angriff nehmen. Verglichen mit diesem Darling haben der Wombat (kleiner Bulldozer mit dem Körper eines Ferkels und dem Kopf eines Bären), das Possum (Wollknäuel mit treuem Blick) oder der Platypus (Eier legendes Säugetier) schlechte Karten.

Im dünn besiedelten Australien, das so groß ist wie die USA, sind die Tiere überall präsent und machen sich auch außerhalb der Wildlife Parks bemerkbar. Manche, wie das Krokodil oder die Meeresschildkröte, führen uns direkt zurück in Zeiträume, als der Planet Erde samt seinen Lebewesen gerade erst Gestalt annahm. Sie erschienen gleichzeitig mit den Dinosauriern auf der Bildfläche   und sind immer noch da – während der Mensch erst vor 40.000 Jahren hier aufgetaucht ist und die offizielle Geschichtsschreibung überhaupt erst vor 200 Jahren mit der Kolonialisierung begann. Zu erleben, wie sich vor diesem archaisch anmutenden Hintergrund aus spektakulären Landschaften und skurrilen Tieren eine durch und durch moderne Gesellschaft etablierte, ist das Spannende an einer Reise nach Australien.

Expertentum, Effizienz, Ergebnis. „Expertise, Efficiency, Result“ – ein ganz banaler Werbespruch auf einem geparkten Lieferwagen ließe sich auf vieles im Land ummünzen. Auch auf eine Tour zum Great Barrier Reef. Das Riff, das James Cook während seiner ersten Südseereise 1770 rein zufällig entdeckte, weil sein Schiff dort auf Grund lief, gehört seit 1981 zum Unesco-Weltnaturerbe und ist Sehenswürdigkeit Nummer eins, absoluter Höhepunkt jeder Australienreise. Die Kette der rund dreitausend Korallenbänke verläuft parallel zur Ostküste zwischen der Stadt Bundaberg und Papua-Neuguinea.

Am nächsten dran ist man im Norden von Queensland, wo hunderte Firmen Touren mit Schiffen aller Größen anbieten. Dabei läuft alles – Shuttleservice vom Hotel, Einchecken im Hafen, an Bord gehen – meist ohne Hast und Gedränge ab. Im Bauch des Schiffes werden gleich einmal Erfrischungen serviert, dann stehen mehrere Optionen offen, sich die Zeit zu vertreiben. Etwa damit zuzuhören, wie der Meeresbiologe Fauna und Flora vorstellt und seinem Auditorium eindringlich ans Herz legt: „Die Korallen ja nicht mit den Flossen berühren! Und bitte die großen Tiere nicht erschrecken. Sonst lassen sie sich gleich für Monate nicht mehr blicken . . .“ Oder mit einem Schnellkurs in Scuba-Diving. Selbst wer noch nie in seinem Leben eine Sauerstoffflasche umgeschnallt hat, kann auf der Fahrt von Port Douglas zum Tauchgrund das Wichtigste erlernen. Oder mit den Mitgliedern der Crew, die von Tisch zu Tisch gehen, den Ablauf des Tages genau durchbesprechen.

Und dann geht’s plötzlich los. Die schwimmende Tauchbasis mitten im Ozean ist erreicht, alle 400 Passagiere wollen so schnell wie möglich vom Schiff auf die Plattform am Wasser überwechseln, alle wollen gleichzeitig Flossen, Schnorchel und Taucherbrille ausgehändigt bekommen und den Lycra-Anzug in Empfang nehmen, der sie vor der starken Sonnenbestrahlung schützt. Nur ja keine Minute kostbarer Zeit verlieren und die Chance verpassen, einen Rochen, einen Hai oder eine Meeresschildkröte aus unmittelbarer Nähe zu sehen.

Und wirklich, das logistische Kunststück gelingt: Die einen schnorcheln unter Aufsicht der mit Feldstechern über sie wachenden Lifeguards, die anderen gehen mit einem Meeresbiologen auf Tour, wieder andere sitzen im Glasbodenboot, das alle 20 Minuten ablegt. Auch beim  Mittagsbüffet kommt niemand zu kurz. Am Ende des Ausflugs sitzen die durchnässten Gestalten mit Spuren von Sunblocker im Gesicht zufrieden da – manche vor einem Bier, andere vor einer gut gekühlten Flasche Chardonnay – und lassen vor ihrem geistigen Auge noch einmal Revue passieren, was sie gesehen haben – riesige grüne oder lilafarbene Steinkorallen, manche gut tausend Jahre alt, Papageienfische, die wirken, als würden sie durchs Wasser fliegen, Schmetterlingsfische, die immer mit ihrer Partnerin auftreten, „Sweet Lips“, bekannt als nächtliche Jäger, und Nemo, den kleinen  Fernsehstar.

Ein perfekter Tag, zu dem sicher auch beigetragen hat, dass die meisten, die hier ihren Job tun, einfach gut drauf sind. Der Aussie-Lifestyle, im Rest der Welt durch die Surfindustrie und ihre kultigen Modelabels zelebriert, besteht eben nicht nur aus Coolness. Auch so etwas wie Haltung gehört dazu. Dass die Bürger mitten im Central Business District von Sydney diszipliniert Schlange stehen und ohne zu drängeln den Bus besteigen, mag noch als selbstverständlich durchgehen, schließlich wacht die Büste von Queen Victoria in der George Street über sie. Aber was ist mit dem Angestellten der Müllabfuhr, der früh am Morgen um sieben die Gehsteige von den Blättern der Ficusbäume befreit und der Reisenden anbietet, ihr dabei zu helfen, den Koffer über die Bordsteinkante zu hieven? Oder dem jungen Kellner, der gesteht, sich beim Herausgeben des Wechselgeldes geirrt zu haben, und dem erstaunten Gast 50 Cent an den Tisch bringt? Oder der Verkäuferin am Airport, die der Touristin ein Haarband im Aborigine-Design verkauft und sich dafür entschuldigt, dass sie die Symbole darauf nicht zu entschlüsseln weiß. „Ich muss sie irgendwann einmal lernen“, murmelt sie und holt ein A4-Blatt mit dem Basisalphabet der Ureinwohner aus der Lade, reicht es der Europäerin und bietet ihr auch noch an, es für sie zu fotokopieren.

Sieht man von dem Didgeridoo spielenden Weißhaarigen in der Nähe der Oper ab, fehlt von der indigenen Bevölkerung im Stadtbild von Sydney jede Spur. Kaum betritt man eine Galerie oder ein Museum, ändert sich das schlagartig. Im Museum of Contemporary Art  hängt ein ganzes Stockwerk voll pointillistischer, auf Baumrinde gemalter Bilder, und man hört es förmlich schlagen, das rote Herz Australiens. In Brisbane gab die Stadtverwaltung bei einer über 80-jährigen Aborigine-Autodidaktin kürzlich ein hoch dotiertes Werk in Auftrag, das nun den Obersten Gerichtshof ziert. Späte Wiedergutmachung? Ja. Und man denkt unwillkürlich an die Galeristin, die Bruce Chatwin in seinen „Traumpfaden“ beschreibt. Sie brachte Leinwand und Farben zu den Ureinwohnern ins Outback, sammelte für wenige Dollar ihre Bilder ein und verkaufte sie dann um das Zwanzigfache  weiter.

„Ein senkrechter Strich“, erfahren Besucher des Mossman Gorge Center nördlich von Cairns, „ist der Mann, ein nach unten geöffnetes Ei die Frau und ein dicker schwarzer Punkt inmitten vieler kleiner Punkte ein Emu, Symbol für die Mutter Erde.“ Das selbst verwaltete Zentrum am Eingang zum Weltnaturerbe Daintree Forest vertreibt Aborigine-Kunst zu fairen Preisen. Auch Dreamtime Legend Walks durch den Regenwald werden organisiert. Manches, wie die Behausung aus getrockneten Blättern, ist konstruiert, anderes wie der Stein, auf dem die Nüsse geknackt werden, original. Anthropologen hatten ihn im 18. Jahrhundert ins Museum nach Brisbane gebracht, von dort kehrte er bei der Gründung des Zentrums wieder hierher zurück. Über rund ein Dutzend Pflanzen und ihre Verwendung hat Rodney, der Tour Guide, Informationen vorbereitet, die er nun an seine Zuhörer weitergibt. „Die hier ist giftig . . . die kann als Seife verwendet werden . . . die wiederum dient dazu, die Farbe für die Gesichstbemalungen herzustellen.“ Als dramaturgischer Höhepunkt tritt Zaman, der Storyteller, auf. Im Halbdunkel des Blätterdickichts steht er da und erzählt über den Kampf von Gut und Böse, über die Regenbogenschlange und die Entstehung der Welt. Er selbst ist hier in der Gegend aufgewachsen, gehört dem Stamm der Gugu Jan an und würde – so man sich etwas Zeit nimmt – noch einiges mehr zu erzählen haben als alte Mythen. Von Großvater und Großmutter, denen es verboten war, ihre Sprache zu sprechen, von den Kindern der „Stolen Generation“ und den dunklen Seiten der Kolonialisierung. Doch schon übernimmt Rodney wieder die Führung.

 „Unter diesem 400 Jahre alten Baum fanden die Initiationsriten junger Männer  statt“, erzählt er. „Und hier versammelten sich die Frauen.“ Nichts will darüber hinwegtäuschen, dass die Tour für Touristen arrangiert ist, dennoch handelt es sich nicht um eine Show. Was die Dreamtime Walks authentisch macht, ist das Engagement der Mitarbeiter. Sie vermitteln: „Wir sind froh, hier Arbeit zu haben, wir schätzen euer Interesse an unserer Kultur. Wenn ihr Fragen habt, beantworten wir sie.“ Doch die meisten der Wanderer sind nach zweieinhalb Stunden müde und stürzen sich lieber in ein kühles Bad in der Canyon-Landschaft der Mossman-Schlucht.

TIPPS

Köstlich. The Taste of Australia: Vegemite – konzentrierter, ziemlich salziger, aber vitaminreicher Hefeextrakt, den sich die Aussies auf Toast und Crackers schmieren. www.vegemite.com.au/

Wächsern. Balsam für die Lippen in der Sonne Australiens: Lanolin oder Wollwachs, ein Sekret aus den Talgdrüsen von Schafen. www.lanolips.com/

Anreise. Angesichts einer Flugzeit von 24 Stunden sollte man mit dem Ticket nicht knausern. Emirates fliegen mit Zwischenstopp in Dubai täglich ab Wien nach Brisbane, Melbourne, Perth und Sydney. Der Vorteil: Man ist bei der Ankunft ausgeruht und voll in Form. www.emirates.com/ Reiseplanung: Coco Weltweit Reisen, www.coco-tours.at

Die Autorin wurde von Emirates, Queensland Tourism und Coco Tours unterstützt.