Bank Run: Es gibt mehr "Eigentümer" von Gold, als es Gold gibt

Papiergold ist kein Grund zur Sorge. Normalerweise. Aber was passiert, wenn das zugrundeliegende Gold "verschwindet" - so wie derzeit?

"I say, a travel to London will offer much education, as the “city” trades more gold than exists!" - Another, 1998

 

Schöne Grüße aus London, der Stadt aus der der Goldpreis kommt! Das einleitende Zitat stammt von "Another". Wer hinter diesem Pseudonym stecken könnte ist bis heute unklar, sicher ist nur: Ende der 90er-Jahre hat "Another" im damals einzigen Goldforum des Internet eine faszinierende (Insider)Perspektive auf den Goldmarkt eröffnet. Sollten Sie in Ihrem Leben nur einen Text zum Thema Gold oder Geld lesen, lassen Sie es "Another" sein - es wird sich lohnen. Er und seine Nachfolger "FOA" und "FOFOA" können weit mehr zum Verständnis des Goldmarktes beitragen, als die meisten anderen "da draußen" - mich selbstverständlich eingeschlossen.

Die "Schriften" von Another werden (mit gutem Grund) immer wieder auftauchen in diesem bescheidenen Goldjournal - auch weil die von ihm präsentierten Theorien heute aktueller scheinen denn je. Nehmen wir den kleinen, aber feinen Unterschied zwischen "Papiergold" und "physischem Gold". Wie in meinem letzten Eintrag erwähnt, werden "an den Märkten" heute rund 2300 Tonnen Gold gehandelt - mehr als die Minenproduktion eines Jahres und zwar täglich (davon der Großteil an der London Bullion Market Association, wo all die "bösen" Over-The-Counter-Derivatives "gecleared" werden und auch das "Goldpreisfixing" vorgenommen wird).

Nun wird da freilich nicht tonnenweise Gold hin- und hergeschoben. Der Goldmarkt ist wie die Rohstoffmärkte zuallererst ein "Papiermarkt". Und das ist kein Grund zur Sorge! Zumindest nicht in "normalen" Zeiten. Viele Leser haben mich darauf hingewiesen, dass die Existenz von "Papiergold" alleine, also die Spekulation, kein Problem darstellt. Schließlich gibt es für jeden Verkäufer auch Käufer - und das ist absolut richtig!

Die Spekulation in "Papier" hat wahrscheinlich sogar einen stabilisierenden Effekt auf den Markt - weil sie das Volumen und die Anzahl der Marktteilnehmer erhöht. (Bei Nahrungsmitteln ist das übrigens ganz ähnlich - entgegen der populären Behauptung, "Spekulanten" würden für Hunger sorgen - aber das gehört hier nicht hin.)

 

Wertspeicher - aber kein Rohstoff

Gold ist eben kein Rohstoff. Es wird kaum verbraucht - und was verbraucht wurde, wird später wiederverwertet. Gold wird von seinen Käufern oft als Geld, in allen Fällen aber als transportabler, beständiger, teilbarer und universell akzeptierter Wertspeicher gesehen - es steht auf einer Stufe mit Kunst, Antiquitäten und teuren Immobilien (nicht etwa mit Fonds, Bausparern oder Anleihen) - mit dem wichtigen Unterschied, dass es für jeden erschwinglich ist. So ein (nachgeprägter) Dukat aus der Kaiserzeit kostet derzeit keine 150 Euro.

Aber warum erzähle ich das alles? Es geht, wie erwähnt, um den Unterschied zwischen "echtem" Gold "in der Hand" - und "Papiergold" - das immer nur eine Forderung an eine Gegenpartei darstellt. Ist das "Eigentum" vor dem Recht? Ja.

Aber dieses "Papiergold" (egal ob in der Form von Futures oder als Investment in einen der beliebten ETFs) ist heute nichts anderes, als eine Papierwährung - die (und das ist der springende Punkt) zu vielen verschiedenen Preisen an Gold gebunden ist - zu so vielen Preisen, wie es eben Kontrakte gibt. In anderen Worten: es gibt mehr "Eigentümer" von Gold, als es Gold gibt!

Auch das ist weder neu noch schockierend, "Goldzertifikate" waren ja der Ursprung des heutigen Papiergeldes (das bis 1971 mehr oder weniger an Gold gebunden war). Bei den "Bank Runs" des 19. Jahrhunderts (deren Häufigkeit zur "Erfindung" der Zentralbanken beigetragen hat) ging es genau darum: hatte eine Bank zu viele "Goldzertifikate" (Papiergeld bzw. Papiergold) ausgegeben und war in Verruf geraten, stürmten die Halter dieser Zertifikate die betreffende Bank - aber nur die glücklichsten bekamen noch ihr "echtes" Gold.

Und das ist sehr wohl Grund zur Sorge. Wir haben in den letzten Jahren viel von "Bank Runs" und "schleichenden Bank Runs" gehört. Dabei ging es meist um griechische, spanische oder zypriotische Banken, deren Kunden aus Nervosität immer mehr ihrer Einlagen abheben. Aber bei diesen "Bank Runs" funktioniert die geschichtlich gesehen relativ neue Einrichtung "Zentralbank" problemlos. Als "Lender of last ressort" versorgen die Zentralbanken die Geschäftsbanken mit "Papiergeld" - bei einem "modernen Bank Run" muss kein Kunde fürchten, "zu spät" zu kommen.

Was wir aber derzeit bei den Großkunden der Bullionbanken (jenen Großbanken, die das internationale Goldgeschäft dominieren) sehen, kommt einem "klassischen Bankrun" gleich - physisches Gold wird in noch nie da gewesenem Ausmaß abgezogen. Und zwar nicht erst seit gestern, sondern seit mehr als zehn Jahren (in denen wir den Goldpreis haben langsam steigen sehen). 

Vieles spricht jedoch dafür, dass der "Goldpreiscrash" von vor drei Wochen das letzte Kapitel dieses "Bank Runs" eingeleitet hat. Und dass die Münz- und Barrenhersteller weltweit von stark angezogener Nachfrage berichten (und sogar von Lieferschwierigkeiten) ist nur die "Spitze des Eisbergs". Die entscheidende Front ist an "den Märkten" - wo die "dicken Fische" sitzen. Und dort wird der Unterschied zwischen "Papiergold" und "physischem Gold" jetzt plötzlich in aller Offen- und Gelassenheit in den debattiert.

 

OH NO, where does teh Gold go?

Nehmen Sie dieses Bloomberg-Interview mit CME-Chairman Terry Duffy, dessen Firma immerhin die New Yorker Edelmetall-Börse Comex betreibt, aus der (Sie haben es erraten) zunehmend physisches Metall abgezogen wird. 

"Als wir den Crash hatten, haben wir einen Abverkauf bei allen Gold-Papieren und Gold-Produkten gesehen. Aber was nicht abverkauft wurde waren Goldmünzen, echtes greifbares Gold. Das zeigt Ihnen, dass die Leute keine Zertifikate wollen - oder irgend was anderes. Sie wollen das echte Produkt", so Duffy (übersetzt).

Und weiter: "Ich glaube Münzen haben wahrscheinlich mehr Wert als irgendwas anderes."

Die zweite entscheidende Front in der Schlacht Papiergold gegen physisches Gold ist der GLD-Fonds, ein "Exchange Traded Fund", der es (westlichen) Investoren ermöglicht "eine Position" in Gold per Mausklick zu eröffnen. Es ist anzunehmen, dass zumindest ein Teil der GLD-Käufer in der Annahme sind, Gold "zu besitzen" wie sie Anteile an Apple besitzen wenn sie Aktien halten. Auch aus diesem Fonds "verschwinden" derzeit große Mengen physischen Goldes.

Die dritte (und letzte) Front in dieser Schlacht wird wohl die LBMA in London sein, wo der Großteil des "Papiergoldes" gehandelt wird. Nochmal zum Abschluss: Dass "Papiergold" existiert ist kein Grund zur Sorge und dass es in großem Volumen gehandelt wird auch nicht. Was aber Grund zur Sorge ist: wenn das Volumen kleiner wird. Und wenn physisches Gold vom Markt verschwindet.

"You see, when paper trading ( of anything ) volume dries up it's a bearish sign but when real physical gold volume drops it's bullish! Thats because gold is being cornered on a scale never seen in history." - Another, 1997

 

PS.: "A good read" zum Thema Papiergold bei FOFOA: "Fallacies - 1. Paper Gold Is Just Like Paper Anything"

PPS: User "iason" hat geschrieben:

"Handelbar ist alles Gold dieser Welt, also 174.000 to. Ist nur eine Frage des Preises!"

Ich würde sagen: das stimmt! Wobei jene 20 Prozent des "Goldstocks", die allgemein als "Investmentgold" klassifiziert werden, wahrscheinlich (derzeit) der Bereich mit der "höchsten Liquidität" am physischen Markt sind.

Und weiter: "Nicht einmal 1,5% des existierenden Goldes werden täglich gehandelt. Da sehe ich nichts Ungewöhnliches. Wie viele Papier- Währungen werden täglich gehandelt?"

Genau! Ich hoffe dieser Eintrag konnte ein wenig Licht auf die "Papiergold-Sache" werfen. Dass es existiert ist kein Problem. Aber wenn die Verlässlichkeit des Marktes "in Frage" gestellt wird - das ist "ein Problem".