Am Herd

»Das ist Politik. Sie können sich ja beschweren«, meinte der Bankberater. Über einen Freund, sein kleines Unternehmen und eine große Bank, die ihm keinen Kredit geben will.

Vor elf Jahren zog mein Lieblingsgalerist in unsere Gasse. Er und seine Frau übernahmen ein ehemaliges Antiquitätengeschäft, in guter Lage, wenn auch nicht in allerbester, die Miete war leistbar und hin und wieder verirrt sich auch ein Tourist in die Gegend. Sie nahmen also einen Kredit auf, 360.000 Schilling waren das damals, adaptierten das Geschäft und begannen zu verkaufen: Am Anfang vor allem fröhliche Zeichnungen (von ihr) und kraftvolle Gemälde (von ihm), später kamen Glückwunschkarten und Schmuckstücke aus Silber dazu. Neue Geschäftsfelder taten sich auf: Illustrationen von Sach- und Kinderbüchern etwa, und Auftragswerke für Geburtstage, Hochzeiten, für die Taufe. Mittlerweile kommen die beiden mit der Arbeit kaum mehr nach. Urlaub gemacht haben sie schon lange nicht mehr. Aber das Geschäft floriert.

Drei Tausender für Notfälle. Wie gesagt, der Anfang war schwer, sie hatten den Kredit zu niedrig kalkuliert und mussten das Girokonto überziehen, aber über elf Jahre hinweg schafften sie beides: das Minus auf dem Konto zu reduzieren und die 360.000 Schilling zurückzuzahlen. „Wir gratulieren Ihnen“, schrieb die Bank. Ein bisschen was blieb sogar über, um die Fassade der Galerie neu streichen zu lassen und um drei Tausender auf die Seite zu legen. Für Notfälle.

Und der Notfall kam: Ihr Hund hatte einen Bandscheibenvorfall. Ja, so etwas gibt es auch bei Hunden, was es für Hunde allerdings nicht gibt, ist die Wiener Gebietskrankenkasse, weshalb die Sache schnell teuer wird. Das Tier wurde untersucht, ein CT war nötig, eine Operation und dann noch zehn Tage stationärer Aufenthalt, weil er sich nicht so erholte, wie es sein sollte. Alles in allem kostete dieser Notfall meinen Lieblingsgaleristen nicht nur schlaflose Nächte und sorgenvolle Tage, sondern auch 4000 Euro.

Zu viel.

Also ging er zu seiner Bank. Tausend Euro, dachte er, werden wohl kein Problem sein, er ist seit dreißig Jahren Kunde, zehn Jahre lang hat er seinen Kredit abbezahlt, im September wird außerdem die Lebensversicherung fällig. Er hat also Sicherheiten. Es geht doch immer um Sicherheiten, oder? Kurz gesagt: Geld gab es keines. Das hängt damit zusammen, dass mein Lieblingsgalerist mit dem Abbau des Überziehungsrahmens ein paar Mal in Verzug war und deshalb auf Ramschstatus zurückgestuft wurde. „Das ist Politik“, sagte der Bankberater. „Sie können sich ja beschweren.“


Postskriptum. Im Foyer dieser Bank, bei der ich ebenfalls seit über zwanzig Jahren Kundin bin, hängt ein Plakat, auf dem steht: „Vielen Unternehmern bieten wir Unterstützung. Und das von Anfang an.“

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

diepresse.com/amherd

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.05.2013)

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