Borreliose: Martyrium eines Teenagers

(c) APA (Fotoreport Immuno)

Vorübergehende Lähmungen, ununterbrochen Schmerzen, Erstickungsanfälle, Fieber - 16 Jahre lang litt eine junge Schweizerin schwer an Borreliose.

Von einem Tag auf den anderen war die knapp 15-Jährige schwer krank. „Ich war unglaublich erschöpft, wollte nur noch schlafen, hatte wochenlang Durchfall, starkes Herzrasen und immer wieder hohes Fieber. Zudem taten mir Muskeln, Gelenke und Knochen weh, ich litt auch unter Atemlähmung“, erzählt die heute 35-jährige Claudia Lietha im Gespräch mit der „Presse am Sonntag“. Und das ist nur ein kleines Detail aus dem langen Leidensweg des Mädchens und später der jungen Frau – 16 Jahre dauerte das Martyrium der Schweizerin. Jahrelange fanden die Ärzte nichts, keiner konnte helfen. Ihre Geschichte hat Claudia Lietha nun in dem Buch „Borreliose – und dennoch hab' ich tausend Träume“ veröffentlicht.

Mit acht Jahren war die Volksschülerin Claudia von einer Zecke gestochen worden, daraufhin an Grippe mit Kniegelenksentzündung erkrankt und bald wieder gesund geworden. Sieben Jahre später dachten weder sie noch ihre Eltern an diesen Vorfall. „Ich bin nachts oft erwacht und habe gedacht, jetzt muss ich ersticken, die Atmung hat ausgesetzt“, schildert Lietha. Das ging über Monate, „ich konnte kaum mehr etwas essen, war nur noch erschöpft, konnte wegen einer vorübergehenden, aber wiederkehrenden Lähmung in den Beinen oft nicht mehr gehen.“ Nach vier Monaten musste das Mädchen die Schule abbrechen. „Mein Arzt hat nichts gefunden und gemeint, das würde sich schon wieder geben, das müsse man nicht so ernst nehmen.“

Auch der nächste Arzt fand nichts, Claudia kam für zwei Monate in eine Schweizer Kinderklinik. „Ich wurde unzählige Male untersucht, bin immer wieder zusammengebrochen. Zum Schluss wog ich nur noch 30 Kilo.“ Nicht nur ihr Körper, auch ihre Seele war einem Höllental ausgesetzt. „Man hat mich und meine Krankheit in der Klinik nicht wirklich ernst genommen, mich auch Simulantin geschimpft.“

Dennoch brachte die Klinik eines zuwege, eine Diagnose: Borreliose. Dass es sich um eine sehr schwere Verlaufsform handelte, erkannte man nicht. Man verabreichte Antibiotika, meinte aber, dass keine weitere Behandlung erforderlich sei, das sei nicht so schlimm, und außerdem gäbe es keine adäquate Therapie, hieß es. Und Anfang der 1990er-Jahre gab es auch wirklich noch keine effektiven Maßnahmen gegen diese Krankheit.

Die Krankheit machte die Tochter einer Musikerfamilie zeitweise zum Pflegefall: Einer Herzbeutelentzündung – „Ich hatte Glück, dass ich die überlebt habe“ – folgte eine Hirnentzündung – „Zum Glück ist nichts geblieben“ – und schließlich eine Hirnhautentzündung. „Mein Immunsystem war mehr oder weniger kaputt.“ Fünf Jahre nach der Entlassung aus dem Krankenhaus, nach etlichen Behandlungsmarathons und weiteren Spitalsaufenthalten, nach zahllosen Infusionen und Spritzen, ging es dem Teenager ein klein wenig besser. „Ich war wieder halbwegs lebensfähig. Trotzdem, an Tanzen, Ausgehen, Feiern, wie es andere in meinem damaligen Alter machen, war nicht zu denken.“ Besser gehen hieß nämlich noch lange nicht gut: „Ich hatte weiterhin täglich Schmerzen, ein- bis zweimal im Monat Fieberschübe und ein chronisches Krankheitsgefühl.“

Unendliches Geschenk.Nach 16 Jahren Kampf, Qualen und Beschwerden kam dann die Wende: Liethas Schwester, die im Bundesamt für Technologie arbeitete, berichtete von einem Forschungsprojekt und neuen Behandlungsmöglichkeiten der Borreliose. „Professor Martin Sievers stellte mir seine Unterlagen zur Verfügung, und ich fand einen Arzt, der mich danach behandelte.“

Es folgte eine 18 Monate dauernde Therapie mit einer Kombination spezieller Antibiotika, mit anderen Medikamenten und komplementärmedizinischen Maßnahmen. Es kam zeitweise zu dramatischer Verschlechterung der Symptome, die Patientin wollte die Behandlung schon unterbrechen, hielt dann doch durch. „Gott sei Dank“, freut sich Claudia Lietha, denn sie ist heute beschwerdefrei – für sie ein großes Wunder, ein unendliches Geschenk. „Heute bin ich gesund und kann ohne Probleme arbeiten.“ Und zwar in ihrem Traumberuf, als Autorin. Momentan schreibt sie ein Kinderbuch. „Und jetzt“, sagt die 34-Jährige lächelnd, „wird's auch Zeit, an Familienplanung zu denken.“

Neu Erschienen

Borreliose – und dennoch hab' ich tausend Träume. Das Protokoll einer Rückkehr ins Leben.

Claudia Lietha, Brunnen Verlag,288 Seiten, 17,50 Euro


("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.05.2013)

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