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Comic: Einsame Eigenbrötler

(c) REUTERS (RANDALL HILL)
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Mit seiner preisgekrönten »Essex County«-Trilogie setzt der kanadische Hoffnungsträger Jeff Lemire seiner Provinzheimat ein so trostloses wie bewegendes Denkmal.

Eigentlich ging Jeff Lemire auf die Filmhochschule, dann entschied er sich aber doch, Comiczeichner zu werden. Aus Gründen der eigenen Veranlagung: Er sei einfach zu eigenbrötlerisch für die Teamarbeit beim Film. Jetzt soll Lemires Weg aber zumindest am Kino vorbeiführen: John Dykstra, ein Spezialist für Spezialeffekte, der von „Star Wars“ bis zu Sam Raimis „Spider-Man“ Tricktechnikgeschichte schrieb, will einen Comic von Lemire verfilmen, allerdings ohne direkte Beteiligung des Comic-Künstlers. „Super Zero“ heißt das Projekt: Auch wenn das nach einem weiteren Superheldenfilm klingt, so entspringt es einem ganz anderen Umfeld. Als Vorlage dient „Geschichten vom Land“, der erste Band der nun auch auf Deutsch erschienenen „Essex County“-Trilogie, mit der sich Lemire endgültig als einer der gefeierten Comicautoren der Gegenwart etablierte.

Lemire selbst stammt von einer kleinen Farm in Essex County im kanadischen Ontario und ist in der Provinz nahe des Eriesees aufgewachsen. Es ist in den oft weiträumigen, charakteristisch skizzenhaften Schwarz-Weiß-Bildern seiner Trilogie zu spüren: Obwohl die Bände die Geschichten ganzer Familien verzahnen, ist die heimliche Hauptfigur doch die öde Provinzlandschaft, die durch Lemires schroffen Stil oft einen Hauch des Unheimlichen atmet. Von der Realität abgehoben – ganz buchstäblich – wird gleich zu Beginn: Mit typischen Bildern von Windrädern, Silos und Farmhäusern in einer desolaten Ebene etabliert Lemire ein starkes Gefühl ländlicher Einsamkeit. Mittendurch schreitet ein verloren wirkender kleiner Junge in Superheldenmontur, der auf Seite drei wie selbstverständlich in die Luft entschwebt.


Außerirdische Invasion?Eine Rettungsfantasie inmitten umfassender Leere: Der Bub lebt seit dem Tod seiner Mutter beim Onkel, einem Farmer, der sich schwer damit tut, Kontakt zu seinem Neffen aufzubauen. Das Kind reagiert ebenfalls abweisend und flüchtet sich lieber in Comicträume, der Tankstellenbetreiber steckt ihm gelegentlich ein Gratisheft zu: ein zweiter Eigenbrötler, früher Eishockeyspieler – doch ein böser Bodycheck mit Kopfverletzung beendete seine Sportkarriere, bevor sie überhaupt richtig beginnen konnte. Seit der Heimkehr wird er als „etwas langsam“ belächelt, nur mit dem Buben freundet er sich an: Man baut ein Fort gegen die unmittelbar bevorstehende Invasion der Außerirdischen.

Trotz diverser ungewöhnlicher Details ist „Geschichten von der Farm“ nur wie die Einstimmung auf die Themen der Trilogie, wenn auch serviert in Lemires speziellem, kantigem, bewusst detailarmem Stil – es geht mehr um den manchmal verblüffenden Effekt, den das steile Ineinandergreifen zackiger Konturen produziert. Prinzipiell ist die Geschichte vom Buben, der sich in ein alternatives Comicuniversum flüchtet, nicht sehr originell, sie verdeutlicht aber die Verbindungslinie zu Lemires Mainstreamwerk beim Verlagsriesen „DC Comics“: Dort hat er etwa den Klassiker „Superboy“ revitalisiert und zur „Justice League“-Serie beigetragen.

Lemires Herz scheint aber für unkonventionellere Produkten zu schlagen: Etwa in der in ihrer Langsamkeit gegen den Strich gebürsteten Graphic Novel „The Nobody“, die (sehr frei nach H.G. Wells' „Der Unsichtbare“) von einem bandagierten Landstreicher erzählt, der Misstrauen in einer Kleinstadt auslöst, oder in der postapokalyptischen Reihe „Sweet Tooth“, die schon mit der knappen Formel „Mad Max trifft Bambi“ beschrieben wurde. Da zeigt sich auch, warum Lemire als Hoffnungsträger gilt, der die Welten von unabhängiger und kommerzieller Comicproduktion aussöhnen könnte.


Für Literaturpreis nominiert. Die „Essex County“-Bücher haben Lemire dabei nicht nur Comicpreise eingetragen, die Gesamtausgabe kam 2011 sogar zu literarischen Ehren: Beim jährlichen „Canada Reads“-Radiowettstreit wurden Kanadas „wesentliche Romane der letzten Dekade“ gewählt, Lemires Trilogie war als einziges Comic unter den fünf Nominierten (und gewann den Publikumspreis). Die volle Größe des dreibändigen Werks wird spätestens mit dem meisterhaften zweiten Teil „Geister-Geschichten“ klar: Der Nationalsport Eishockey spielt darin auch wieder eine Schlüsselrolle, im Anhang erläutert Lemire sogar, wie er berühmte Sportfotos in seinem unverwechselbaren Stil nachgezeichnet hat.

Erzählt ist der Band in Schüben von Rückblenden: Ein in die Provinz zurückgekehrter Eishockeyspieler hat nur mehr gelegentlich klare Momente, zwischen verwirrten Wanderungen ziehen Wendepunkte seines Lebens an ihm vorüber. Der Ansatz zur Sportkarriere gemeinsam mit dem Bruder, die heimliche Liebesnacht mit dessen Frau und die Abkapselung von der Familie. Während der Bruder mit Gattin und neugeborener – wessen? – Tochter heimkehrt, zieht sich die Hauptfigur, obendrein von Gehörproblemen geplagt, ins Innere zurück. Kühne poetische Bilder verdichten die Themen Verlust und Einsamkeit: Als weinendes Mondgesicht sieht der Held noch einmal einen ersten Kuss, auf einer Seite scheint sich sein Körper im Straßennetz Torontos aufzulösen: „Je länger ich blieb, desto weniger fühlte ich mich wie ich selbst... mein Gehör war nicht das Einzige, was ich verlor.“

Im letzten Buch schweißt eine bisherige Nebenfigur ein Erzählgeflecht zusammen, das erst seine ganze Vielschichtigkeit offenbart: „Die Krankenschwester“ verbindet die verstreuten Geschichten und vertieft sie zurück in die Vergangenheit zur großen Saga eines Milieus und einer ländlichen Mentalität. Ein Stammbaum knapp vor Ende führt die Verflechtungen von Generationen vor Augen, dann kommt der Vogel, der leitmotivisch durch die Bände flog, und entschwebt über weiten Panoramen von Farmlandschaften: „You are now leaving Essex County.“

Jeff Lemires „Essex County“-Trilogie: „Geschichten vom Land“ (112Seiten), „Geister-Geschichten“ (224S.) und „Die Krankenschwester“ (128S.)sind vor Kurzem bei Edition 52 erschienen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.05.2013)