Am Herd

Elternsprechtag: Die Eltern kommen nach Hause mit heruntergeklappter Kinnlade, und man kann die Sekunden zählen, bis sie losbrüllen.

Ich glaube nicht an Elternsprechtage. Schon alleine der Name ist Betrug: Bei Elternsprechtagen geht es nicht darum, dass Eltern sprechen, sondern darum, dass sie sprachlos gemacht werden. Sie kommen dann nach Hause, mit immer noch heruntergeklappter Kinnlade, und brauchen noch ein bisschen, bevor sie losdonnern – so ähnlich wie bei Kleinkindern, die sich wehgetan haben, da kann man auch mitzählen: eins, zwei, drei, Gebrüll!

Zumindest war das bei meiner Mutter so. Meine Schwiegermutter war da cooler. Vielleicht, weil ihr die Lehrer nichts Neues erzählen konnten. Dass ihr Bub faul war, wusste sie, und dass seine Aufsätze gut formuliert waren, war ihr auch klar, sie hatte sie schließlich selbst geschrieben.

Obwohl: Dass ihre Aufsätze besser waren als die von der Frau Angerer nebenan, war ihr eine Genugtuung.


Schnappatmung. Ich bin in diesem Fall eher wie meine Mutter, so ein Elternsprechtag könnte mich schnappatmen lassen, darum gehe ich erst gar nicht hin. Ich frage zwar meine 14-jährige Tochter alibihalber, ob ich nicht doch einmal vorbeischauen sollte, bei der Mathe-Plasser oder dem Zehrer-Lehrer oder der Bio-Beckmann und all den anderen, die ich mir nicht merke, weil sich ihr Name weder für Stab- noch Binnenreime eignet. Aber die Antwort kenne ich eh. „Nicht nötig“, sagt meine Tochter. Und dann erklärt sie mir, dass ein Lehrer, der, sagen wir einmal, sieben Klassen hat, in denen, sagen wir einmal, 25 Schülern sitzen, wenn er sich für je einen Elternteil jedes Schülers, sagen wir einmal, fünf Minuten Zeit nimmt... „Also rechne dir das selbst aus, liebe Mama: Besser, du bleibst zu Hause.“

Und nichts anderes wollte ich hören.


Geschwänzter Werkunterricht. Der Mensch glaubt gern, was ihm sein Leben leichter macht, also glaube ich, dass Hannahs Lehrer wirklich nicht verwundert sind über meine scheinbare Gleichgültigkeit, sondern dankbar für mein Fernbleiben – und dass sie mir jede Minute gutschreiben für den Fall, dass ich sie doch einmal brauchen sollte. Ich glaube außerdem, dass das nie der Fall sein wird, weil meine Tochter weiterhin so viel lernen wird, wie nötig ist – und zwar nicht obwohl, sondern weil ich nicht zu Elternsprechtagen gehe. Und sollte es doch einmal ernst werden? Dann bitte ich meinen Mann.

Das hat auch meine Schwiegermutter gemacht: Mein Schwiegervater hat sich dann vom Werklehrer erzählen lassen müssen, dass sein lieber Sohn ein halbes Jahr lang den Unterricht geschwänzt hat – und binnen einer Woche alle Werkstücke nachliefern muss, wenn er keinen Fünfer haben will.

Zum Glück ist meine Schwiegermutter sehr geschickt.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

diepresse.com/amherd

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.05.2013)

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