Mit der Plattform "Zukunftsorte" verbinden sich österreichische Gemeinden, die ähnlich ticken und dasselbe wollen: Innovationen und Impulse aus der Kreativwirtschaft.
Dann und wann ein Feuerwehrfest. Dazwischen viel Ruhe und Pelargonien. Und Gehsteige, die sich pünktlich wie von selbst hochzuklappen scheinen, kaum geht die Sonne unter. Aber kreativ? Das traut man nicht einmal den Witzen zu, die am Dorfstammtisch zum zehnten Mal die Runde machen. Alles jenseits der U-Bahn-Endstationen der Hauptstadt könnte so schön in eine vorgefertigte Erwartungshaltung passen, wenn da nicht noch etwas gewesen wäre: Potenzial, das auch aus Tradition und Erfahrung wächst. Und der unbedingte Wille zur Innovation. Ein paar Gemeinden in Österreich haben so viel davon, dass sie sich selbstbewusst ein programmatisches Präfix verpasst haben, mit dem sie zu den „Zukunftsorten“ geworden sind.
Smaragdeidechsen zwischen Trockenmauern und Wein, viel Wein, das ist etwa auch für Neckenmarkt im Burgenland nur eine Möglichkeit, sich selbst zu sehen. Bei genauerer Introspektion entdeckte der Ort, dass sich seine individuellen kommunalen Interessen nicht gar so leicht einspannen lassen in das Format einer „Region“, wie man sie aus Nachbargemeinden gern zusammenschnürt. Und manch anderen Gemeinden, bis nach Nenzing Vorarlberg, geht es genauso. Deshalb gründeten sie ihre eigene Region, die keine geografische sein kann, sondern eine, bei der Nähe die Ähnlichkeit der Haltung bedeutet.
„Wir wollten eine Region gründen mit Gemeinden, die gleich ticken und das Gleiche wollen“, erzählt Christoph Isopp, Architekt und Mediator. Um miteinander zu kooperieren, voneinander zu profitieren und zu lernen, auch wie man die Kreativwirtschaft nützt, um kommunale Probleme zu lösen. Gemeinsam mit dem Architekten Roland Gruber hat Isopp die Initiative und die Idee an die Gemeinden herangetragen. Einige kannten sie ja schon ganz gut, schließlich waren sie bei ihnen mit der Vor-Ort-Ideenwerkstatt, einem innovativen Partizipationsmodell für kommunale Architekturprojekte, schon vorgefahren. „Doch die Architektur ist ja nur eine Art, wie sich die Probleme in den Gemeinden manifestieren können“, meint Isopp. Viele seien tatsächlich schwieriger zu lösen als etwa ein Dorfplatz, der als Dorfplatz nicht mehr taugt. Denn was viele Gemeinden deutlich stärker spüren als das, was noch da ist, ist das, was oft nicht wiederkommmt.
Braindrain. Die Städte sind die Auffangbecken: Dorthin fließt die junge Brainpower. Aber irgendwo sind diese Gehirne auch aufgewachsen und haben sich mit Erfahrungen gefüllt. „Die Gemeinden verlieren die Leute, die sie am notwendigsten brauchen“, sagt Isopp. Und eine der Aufgabe der Zukunftsorte sei es auch, dafür zu sorgen, „dass die Nabelschnur nicht ganz abreißt“. Dass der Innovationsgeist, die Expertise, das Know-how und die Ideen jener Menschen, die die Zukunftsorte verlassen haben, zurückwirken können. Und die Kreativen vielleicht sogar selbst zurückkommen, wenn sie finden, was sie brauchen: günstige Räume, in denen sie ihren Laptop und ihre Geschäftsmodelle aufstellen können – die Zukunftsorte wollen auch kreative Zentren sein. Und sich selbst in Wien bemerkbar machen: „Mit einer Vertretung der Gemeinden in der Stadt“, wie Isopp erzählt.
Kommunalkonsulate sollen in Wien der freundlich verlängerte und ausgestreckte Arm sein. Dort können Unternehmen und Kreative andocken oder auch Produkte und Dienstleistungen sowie die Zukunftsorte selbst ein Schaufenster und Aufmerksamkeit bekommen, in verschiedenen Erdgeschoßlokalen in der Stadt.
Christoph Isopp und Roland Gruber, die Gründer der Initiative, verstehen sich als „Knüpfer“, die das Netz aufspannen, über die auch die kommunalen Lernprozesse laufen. Etwa auch durch die Creative Villages Conferences. Sie sind Teil des EU-Projektes „Bürgerbeteiligung bei Innovationsprozessen in ländlichen Kommunen“. Sechs Gemeinden setzen sich damit auseinander, vier Zukunftsorte aus Österreich, sowie Bled aus Slowenien, Illingen aus Deutschland und Marianka aus der Slowakei. Zuletzt hatten die teilnehmenden Gemeinden Gelegenheit, dem Obmann des Vereins Zukunftsorte, Josef Mathis, zuzuhören. In Zwischenwasser in Vorarlberg ist er Bürgermeister. Und dort erzählte er von der baukulturellen Entwicklung des Ortes und davon, was es bewirken kann, wenn man sich auch einmal etwas sagen lässt, von einem Gestaltungsbeirat etwa, der seit 20 Jahren in der Gemeinde mitredet. Den Landluft-Baukulturgemeinde-Preis hat man mit solchem Engagement schon einmal gewonnen.
Innovative Ziele. Jedes der sieben Mitglieder – mehr als 20 sollen es nicht werden – setzt sich individuelle Ziele: Moosburg in Kärnten etwa will sich als Bildungsgemeinde profilieren und positionieren. Eine Creative Village Conference im Herbst wird das dort zum Thema haben. Nenzing in Vorarlberg wiederum hat die Mehrsprachigkeit für sich entdeckt und will sie in Projekten weiter fördern und ausbauen. Mit dem Konzept sanfter Mobilität will Werfenweng in Salzburg den Anschluss an die Zukunft schaffen. Hinterstoder macht es ähnlich, setzt auf nachhaltigen Tourismus und lässt die Expertise aus der Kreativwirtschaft dabei kräftig mitwirken. Neckenmarkt im Burgenland glaubt an das Thema „Erneuerbare Energie“. Und im oberösterreichischen Munderfing ist schon der erste „Dorfschreiber“ vor Ort, auch Teil des Konzepts. Er spürt in der Gemeinde zurzeit den Kreativpotenzialen und den zukunftsweisenden Ideen nach.
Zukunfts- Orte
Sieben österreichische Gemeinden.Zwischenwasser und Nenzing in Vorarlberg, Moosburg in Kärnten, Hinterstoder in Oberösterreich, Werfenweng in Salzburg, Munderfind in Oberösterreich, Neckenmarkt im Burgenland. Das Netzwerk soll bis auf 20 Gemeinden anwachsen.
Creative Villages Conferences. Moosburg, Hinterstoder, Zwischenwasser sowie Bled (Slowenien), Illingen (Deutschland) und Marianka (Slowakei) sind bei den Konferenzen dabei. Die nächste findet von 19. bis 21.Juli in Hinterstoder statt mit dem Titel „Kreativwirtschaft im ländlichen Raum“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.05.2013)