Wahrzeichen des Weinviertels

(c) Clemens Fabry
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In fast jeder Ortschaft des niederösterreichischen Agrarlandes machen LagerhaussilosKirchtürmen als Landschaftsmerkmal Konkurrenz - wie viele es sind, weiß keiner. Drei Architekten haben sich jetzt an eine Bestandsaufnahme gemacht.

Die Vermessung der Welt ist weit fortgeschritten – in Tulln an der Donau ist sie aber noch nicht angekommen. Als die Wiener Architekten Heidi Pretterhofer, Dieter Spath und Jan Tabor durch die Straßen den Bezirkshauptstadt zu jener Adresse kurvten, an der ihrer Liste zufolge ein Lagerhaussilo stehen sollte, fanden sie dort stattdessen – einen Merkur-Markt und eine Wohnanlage für Pensionisten.

Rund 150 Getreidesilotürme – der Großteil davon ist Teil des Raiffeisen-Lagerhausimperiums – gibt es in Niederösterreich heute. So genau kann das allerdings niemand sagen, noch nicht einmal die Dachgesellschaft der Lagerhäuser, die Raiffeisen Ware Austria (RWA), die den Architekten die Liste mit den Silostandorten gegeben hat. Denn dass zum Beispiel eben der Turm in Tulln bereits 2009 abgerissen worden ist – in den Jahrzehnten seines Bestehens ist die Stadt um ihn herumgewachsen, das Grundstück im Wert gestiegen, sodass der Standort sich für die gewinnbringende Verwertung als Markt- und Wohngebiet geeignet hat –, hat sich bis in die Wiener Twin Towers, wo die RWA-Zentrale sitzt, nicht durchgesprochen.

Das sei aber auch nicht überraschend, heißt es von dort: Die Silos werden nämlich nicht zentral verwaltet, sondern sind Sache der einzelnen Lagerhaus-Genossenschaften, jeweils an Ort und Stelle. Ein zentrales Register, in dem die auffälligen Bauten – die im Gegensatz zu dem Neubau von Windkraftanlagen kaum auf organisierten Widerstand stoßen (siehe Artikel rechts) – erfasst würden, gebe es bisher nicht.


Die Vermessung der Silowelt. Genau an diesem Punkt setzt die Arbeit der drei genannten Architekten nun an: Seit rund einem Jahr durchkämmt das Trio unter anderem im Auftrag der niederösterreichischen Kulturvernetzung das Land (geplant sind auch noch Exkursionen in die vergleichbaren Regionen jenseits der Staatsgrenze) mit dem Auftrag, die markanten Silotürme – gleich, ob von Lagerhäusern oder einzelnen Mühl- oder anderen Unternehmen – zu finden und architektur- und kunsthistorisch zu dokumentieren.

Jetzt könnte man fragen, ob das bei bloßen Zweckbauten wie diesen betonernen Symbolen der Agrarindustrie denn überhaupt Sinn ergibt – so könnte man als Laie bei der Fahrt durch die Weinviertler Ortschaften doch meinen, Silo sei gleich Silo, sowohl ästhetisch als auch kunsthistorisch vollkommen uninteressant. Ein Gedanke, dem Pretterhofer im Gespräch mit der „Presse am Sonntag“ eine Abfuhr erteilt: Jeder einzelne Silo sei ein individuelles Bauwerk; ein 08/15-Schema, nach dem sie alle errichtet worden wären, gebe es nicht: Das hängt unter anderem mit der genossenschaftlichen Struktur der Lagerhäuser zusammen – jeder Silo sei zwar mit zentralem technischen Know-how errichtet worden, geplant und gebaut wurde er aber meist von Bauunternehmen an Ort und Stelle im Auftrag der örtlichen Genossenschaft.

Daraus wiederum leitet sich eine Vielzahl individueller Merkmale ab, in denen sich die Türme voneinander unterscheiden, erklärt die Architektin, die gemeinsam mit Dieter Spath das Büro Arquitectos in Wien Neubau betreibt: Manche Silos hätten sich etwa ein Giebeldach geleistet, manche hätten zeitgenössische Künstler engagiert, um die Lagerhäuser mit Sgraffiti zu verzieren; in Waidhofen an der Thaya schmückt sogar eine acht Tonnen schwere Statue eines Sämanns die Front des Lagerhaussilos – und auch die Größe variiere von Ortschaft zu Ortschaft.

„Man kann aus dem Volumen der Silos fast schon mathematisch Rückschlüsse darauf ziehen, wie viel Ackerland es in der betreffenden Region zum Zeitpunkt seiner Errichtung gegeben hat“, sagt Pretterhofer. Der wichtigste Grund für die Dokumentation sei aber die prägende Wirkung der Silos vor allem für die niederösterreichische Landschaft: Schon in dem Buch „Land“, in dem Pretterhofer, Spath und der deutsche Urbanist die Umlegung städtisch-raumordnerischer Theorien auf den ländlichen Raum erkundeten, wiesen die Architekten auf die landschaftliche Wirkung der Lagerhaustürme hin, gemeinsam mit den Kirchtürmen die einzigen weithin sichtbaren. Pretterhofer spricht im Zusammenhang mit Getreidesilos vom „schönen Typus einer Landkirche“, die die Landschaft zwischen Wien und der Staatsgrenze präge.


Bestandsaufnahme der Moderne. In dem aktuellen Projekt geht es konkret darum, einerseits eine Bestandsaufnahme aller bestehenden Getreidesilos des Landes vorzunehmen – und diese andererseits in eine architekturtheoretische und kunsthistorische Betrachtung zu integrieren. Eine solche habe es bisher noch nicht gegeben, erklären die Architekten – was bedauerlich sei, denn die Silos könne man durchaus als „Prototypen der Moderne“ interpretieren, sagt Pretterhofer: Bloße Zweckbauten, die durch und durch vom Funktionalismus geprägt seien.

Historisch interessant – und mitverantwortlich für die große Vielfalt der Silobauten – ist, wie sich der Stil der Silobauten im Lauf der fortschreitenden Bautechnologie des 20.Jahrhunderts verändert hat: Zu dessen Anfang waren Lagerhäuser meistens noch als Schüttkästen angelegt – mehrgeschoßige, rechteckige Wirtschaftsgebäude –, in der Folge entwickelte sich die Form der Speicher zu einer hausartigen, dann zu einer, die das Architektenteam heute als „Torte“ bezeichnet. Aus der Horizontale in die Vertikale, zu der Turmform, die heute ikonisch für Lagerhausbauten steht, haben sich die Getreidesilos erst in den 1960er- und 1970er-Jahren entwickelt. Der Schlüssel zu dieser Evolutionsstufe war die Entwicklung der sogenannten Gleitschalung – einer Technik, bei der ein Betonsilo Stück für Stück hochgezogen wird, indem die Schalung jeweils auf dem letzten gerade eben betonierten Wandteil „hochfährt“. In dieser Zeit entstanden die meisten Silos, die Pretterhofer, Spath und Tabor dieser Tage dokumentieren.

Mit Ende der 1970er-Jahre war aber Schluss mit der großen Bautätigkeit der weithin sichtbaren Türmen – anstelle von Betonsilos werden heute sogenannte Tonnenlager verwendet: Schnell errichtete (und bei Bedarf wieder abbaubare) Metallzylinder, die noch dazu steuerlich günstiger sind als fixe Silos.


Immer dieser Staub. Inzwischen hat das Architektentrio bei seinen Reisen durch Niederösterreich rund zwei Drittel aller Getreidesilos erfasst. 4000 Fotos und Dutzende Skizzen hat es gesammelt, dazu Rohdaten wie Höhe, Fassungsvermögen und Daten zur Lage der einzelnen Silos – und damit jeweils auch hunderte kleine Geschichten, die die Raumentwicklung der jeweiligen Landstriche erahnen lässt: Wo gab es einst wesentlich mehr Landwirtschaft als heute? Wo ist die Stadt inzwischen um das Lagerhaus herumgewachsen? Wo werden die Türme heute auch anderweitig genutzt – etwa als Standort für Mobilfunksender, als Aussichtsplattform, Schwimmbad oder Bankfiliale?

„Nachnutzungen für nicht mehr gebrauchte Silos zu finden ist nicht unser primäres Anliegen“, sagt Pretterhofer, die in „Land“ noch die Vision beschrieben hat, die Türme – viele davon stehen ja an Bahnlinien – eines Tages zu Park-and-ride-Garagen umzubauen. Das sei derzeit auch kaum eine Frage, sind praktisch alle Silos nach wie vor als solche genutzt.

Eine Nebennutzung, zum Beispiel, indem eine Etage als Ortsmuseum freigeräumt wird, werde auch durch die laufende Nutzung erschwert. „Der Staub ist ein extremes Thema“, sagt Pretterhofer – er durchdringe die gesamte Struktur und sei unvermeidlich, wo auch immer mit Getreide gearbeitet werde.

Bis zum Sommer wollen die Architekten ihre Reisen zu allen Silotürmen abgeschlossen haben – danach steht die theoretische Aufarbeitung des gesammelten Materials an – bis Jahresende soll dann die erste Publikation vorliegen, die alle Silotürme Niederösterreichs dokumentiert. Die Vermessung der Welt schreitet voran.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.05.2013)

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