Avrig, RumäniensÖko-Pionierstadt, strebt die Energieunabhängigkeit an. Ausländische Delegationen geben sich Klinke in die Hand.
Von der angestrebten Energie-Unabhängigkeit künden im zentralrumänischen Avrig (Freck) nicht nur auf über die Straßen gespannte Werbebanner. Immer mehr Solarzellen pflastern die Dächer der 14800-Einwohner-Stadt östlich der Universitätsstadt Sibiu. Im Vorort Marsa hat die Kommune ein Biomasse-Heizkraftwerk geschaffen. Ein deutscher Investor legt einen neuen Solarpark an. Die geplante Biogas-Anlage will die Kommune in Eigenregie verwirklichen. Für das Projekt eines „Bio-Reaktors“ gewann man einen heimischer Energieversorger.
Einst galt Avrig als einer der größten Rüstungsschmieden des Landes. In Marsa fertigten bis zu 11.000 Menschen Munition und Militärtransporter. Nach der Wende folgte der Niedergang. Viele wanderten ab. Es war vor allem die Verzweiflung über das lokale Politik-Establishment, die die Bürger von Avrig vor fünf Jahren ausgerechnet einen Deutschen zum Bürgermeister wählen ließen: Denn die Minderheit der Siebenbürger Sachsen zählt in der Stadt nicht einmal 70 Seelen.
Koch als Bürgermeister. Als der gelernte Koch 2008 im Alter von 29 Jahren die Rathaus-Geschäfte übernahm, wusste er nur, „dass wir etwas ganz anderes schaffen müssen“. Ihm sei klar gewesen, dass sich nur mit einem neuen Industriegebiet kaum neue Investitionen in die Stadt locken ließen, so Klingeis: „Man muss sich unterscheiden, um wahr genommen zu werden.“ Bis 2020 sollte Avrig zu Rumäniens Zentrum für erneuerbare Energien werden, bis 2030 das Ziel der Energieunabhängigkeit der Gemeinde verwirklicht werden, lautete die Zielvorgabe des ehrgeizigen Bürgermeisters.
Die begrenzten kommunalen Mittel investierte er zunächst in die Ausarbeitung seiner Energiepläne durch in- und ausländische Wissenschaftler. Erfolgreich bewarb sich die Kommune hernach um EU-Fördergelder: bei einem halben Dutzend von EU-Projekten zur Entwicklung eines kommunalen Energiekonzepts und von Strategien zur Revitalisierung des früheren Militär-Geländes in Marsa.
Delegationen aus ganz Europa und China drücken sich mittlerweile in Rumäniens Öko-Pionierstadt die Klinke in die Hand. Die Visionen des Bürgermeisters mögen zwar manchen wie „Science Fiction“ vorkommen, doch seien sie für das ganze Land ein „Modell“, würdigt Klaus Johannis, der Bürgermeister von Sibiu.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.05.2013)