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Aussteiger Roland Düringer sucht das gute Leben

Aussteiger Roland Dueringer sucht
Düringer(c) APA/HERBERT NEUBAUER (HERBERT NEUBAUER)
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Seit Jänner probt Roland Düringer den „Ausstieg aus den Systemen“. Und denkt in der „philosophischen Küche“ über Erziehung nach.

Muss man Aussteigertum eigentlich auch immer optisch signalisieren? Immerhin, Roland Düringers Perlenketten im Bart sind seit Jänner etwas weniger geworden, aber sie sind immer noch da und wippen fröhlich auf und ab, wenn er seinen Laptop öffnet, in die Webcam blickt, seinen Namen und das Datum verkündet, sich in die verbliebenen Haarwuschel fährt und dann loslegt und erzählt, was ihm jüngst wieder widerfahren ist.

Wobei, als klassischen Aussteiger sieht sich Düringer nicht. Er arbeitet weiter, haust auch nicht ohne Strom. Vielmehr verzichtet der Kabarettist seit 2. Jänner 2013 „nur“ auf alles, was es in seiner Kindheit in den Siebzigern auch nicht gegeben hat. Das Handy und das Internet etwa, das Einkaufen im Supermarkt, die Bankomatkarte und, und das überrascht beim Benzinbruder vielleicht am meisten, auf das Auto.

So verfolgt man in seinen Videotagebüchern, wie Düringer erstmals samt Equipment per Bahn von seinem niederösterreichischen Domizil zu Auftritten reist, sich an seinem schon länger sehr geliebten Gemüsegarten erfreut, wegen Kupferdiebstahl im Zug festsitzt, die Tauschwirtschaft entdeckt (Rhabarber gegen Eier), über Wollen oder Brauchen philosophiert (ein neues Motorrad nämlich, dieses Hobby pflegt er weiter). Freilich, und das ist angenehm, immer mit Pragmatismus.

Wird es anstrengend, wird es besser?

An jenem Abend in einer Wiener Buchhandlung ist er zum Beispiel mit dem Auto da, „weil er etwas transportieren musste“. Da Düringer auch „aktiv wie passiv“ auf Radio, Zeitungen und Fernsehen verzichtet (und somit kaum Interviews gibt), liegt hier die naheliegendste Möglichkeit, ihn zu treffen. Düringer ist gekommen, um seinem Freund, dem Verkehrsplaner Hermann Knoflacher, zu helfen, dessen neues Buch („Zurück zur Mobilität“) vorzustellen. Nicht, dass der pointiert-wortgewandte Knoflacher Hilfe nötig hätte, aber ein prominenter Gast, der seine Theorien von der autobefreiten Gesellschaft gerade praktisch umzusetzen versucht, schadet wohl nicht. Also werfen sich die beiden die Bälle zu, über die nur vermeintliche Freiheit des Autofahrers, über die kleinteiligen Strukturen, die verloren gegangen sind, und, wenn man schon dabei ist, auch über holländische Tomaten, die Macht des Konsumenten und „den Heini Staudinger“, den „Waldviertler“-Hersteller und seinen Kampf mit der Bank und der Finanzmarktmarktaufsicht.

Am Auto selbst zweifle er dabei gar nicht, versichert Düringer schließlich im Gespräch nach der Veranstaltung. „Weil das Auto eine schöne Sache ist. Aber an der Form, wie wir es benützen, ist zu zweifeln.“ Einen konkreten Anlass für seinen Selbstversuch habe es nicht gegeben. „Irgendwann voriges Jahr hab ich mir gedacht, das wär eigentlich eine Idee, das auszuprobieren: Was passiert mit mir, wenn ich diese Dinge weglasse? Wie verändert sich mein Leben? Wird es anstrengend, wird es besser, wird es schlechter?“ Resümee bisher: Eine aufregende erste Zeit, „jetzt ist es für mich Normalität. Wenn ich mich jetzt in ein Auto setze, habe ich ein ganz seltsames Gefühl, was ich da eigentlich mache.“

Auf seinem Blog hält Düringer bei 83 Einträgen. Ob er das Gefühl habe, damit etwas zu bewirken? Der 49-Jährige winkt ab. „Die Leute, die sich den Blog anschauen, die sind eh schon anders. Man erreicht ja nicht die, die man erreichen sollte.“ Ablaufdatum habe sein Versuch jedenfalls keines. „Ich hab das wirklich für mich gemacht, weil es mir guttut, weil ich auf der Suche nach einem guten Leben bin.“

Daneben hat sich Düringer auch wieder mit den beiden Philosophen Eugen Maria Schulak und Rahim Taghizadegan zusammengetan. Die beiden haben das Buch „Vom Systemtrottel zum Wutbürger“ geschrieben, später mit „Wutbürgerredner“ Düringer in der philosophischen Küche über „Das Ende der Wut“ nachgedacht. Nun philosophiert man gemeinsam „Über die Erziehung“ – heute Abend wird das Buch im Wiener Institut für Wertewirtschaft präsentiert.

Info

Das Interview wurde im Mai geführt. Roland Düringers Buch "Leb wohl, Schlaraffenland: Die Kunst des Weglassens" ist am 11. November 2013 erschienen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.05.2013)