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Pop

Nouvelle Chanson: Sängerin Zaz, Opfer des Vollmonds

„Ich könnte dich einfach so schnappen und dir die Augen ausreißen“: Zaz meint es ernst – ob es um Liebe, Melancholie oder Ökologie geht.
Nouvelle Chanson: Sängerin Zaz, Opfer des Vollmonds(c) Sony
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2010 ist die französische Sängerin Zaz zu globalem Ruhm aufgestiegen. Nun stellte sie im Münchner Etablissement Freiheiz ihr neues Album "Recto Verso" vor. Und sprach über Berge und dünne Luft.

In Frankreichs Popmusik wird traditionellerweise viel gebrummelt und geflüstert, gehechelt und gestöhnt. Was für eine Erfrischung war da diese krächzend-kraftvolle Stimme, die sich 2010 geltend machte! Sie gehört Zaz, einer 33-jährigen Frau aus Tours, die ein großes Kind geblieben ist. Ein Gör, möchte man sagen. In ihren raubtierhaften Zügen sind die Zeichen der Sanftheit und der Gefährlichkeit nicht zu trennen. Auf dem Cover ihres nun erscheinenden Albums „Recto Verso“ sieht sie aus wie ein Kind, das mit reichlich Passion mit den Schminksachen der Mama gespielt hat. Gleichzeitig ist da ein entschlossener Blick, der die Bruchbudenhaftigkeit der Existenz nicht zur Kenntnis nehmen will.

Zaz ist glühende Individualistin und entschlossene Öko-Idealistin. Bei der Vorstellung ihres neuen Werkes im Münchner Etablissement Freiheiz heulte sie in „La Lune“ auch effektvoll den Mond an: Sensibel sei sie, erklärt sie, „ein regelmäßiges Opfer des Vollmonds“. Als Kind repräsentiert der Mond ihre Mutter, die Sonne ihren Vater.

Tour auf den Mont Blanc

In ihrer Widersprüchlichkeit symbolisieren die beiden Gestirne auch die unversöhnten Extreme ihrer Persönlichkeit, sagt sie mit quietschig-heiserer Stimme. Die Metaphern, die sie im Gespräch wie auch in ihrer Kunst wählt, sind oft schlicht. Einfach und schwer wie die raue Bergwelt, die sie vergangenen Oktober mit zwei ihrer Musiker aufgesucht hat. Zaz zog es auf den Mont Blanc. Ihr Bassist Ilan Abou musste seinen Kontrabass auf den Rücken schnallen und auf den 4810 Meter hohen Gipfel wuchten. Zunächst wollten die drei Musiker diese Übung in Demut im Juli durchziehen. Mehrere Lawinenunglücke hielten sie davon ab. Ende September hatten dann schon alle Hütten zu, was die Sache schwierig machte. Man ging die Sache dennoch an. Zaz wollte auf dem Gipfel unbedingt ihren Erfolgssong „Je veux“ singen.

Die Expedition gelang, der Kunstvortrag nicht zur Gänze: „Sechs Monate lang habe ich mich darauf vorbereitet, keinen Alkohol getrunken, nichts geraucht. Und doch hatte ich dann ein erstaunliches Problem mit dem Atmen. Die Luft ist da wirklich sehr dünn.“

Jahrelang in Cabarets

Wie dort, wohin sie der Erfolg ihres Debütalbums katapultiert hat, an die Spitze des internationalen Showbusiness. Davor sang sie freilich jahrelang (fast) allabendlich bis zu fünf Stunden lang in Cabarets. Das hat Stimme wie Charakter geformt. Zaz konnte sich innerlich lange auf den Erfolg vorbereiten. Jetzt nimmt sie ihn mit charmanter Beiläufigkeit zur Kenntnis. Zaz ist die rare Ausgabe einer Pop-Chansonnière, die keinerlei Allüren zeigt. Nur wenn sie in ihren Liedern die Liebe beschwört, dann hat das eine Unbedingtheit, die an Brutalität grenzt. Etwa im leicht psychedelisch verschummerten „Gamine“.
„Ich könnte dich einfach so schnappen und dir mit einem Mal die Augen ausreißen, wenn du mich nicht mehr mit der Freude des Verliebtseins anschauen würdest“, sang sie, effektvoll unterstützt von ihrer sechsköpfigen Band. Und jeder im Saal wusste: Die Frau meint es ernst.

Songs von Piaf, Gainsbourg, Aznavour

In einer unübersichtlich gewordenen Welt der Zerstreuungen und Beliebigkeiten sucht sich Zaz richtiggehend Fronten. Wenn sie die Lieder anderer singt, dann Preziosen der großen Meister. Das an diesem Abend mit viel Glut intonierte „Dans Ma Rue“ stammt aus dem Repertoire von Edith Piaf, „Ces Petits Riens“ aus der Feder Gainsbourgs, das rasante „Oublie Loulou“ von Charles Aznavour. Im Letzten scattet sie, als ginge es um ihr Leben. Warum sie sich gerade so ein altes, so ein jazziges Aznavour-Stück gewählt hat? „Weil es total erheiternd ist und mich als Sängerin total gefordert hat.“

Rasanz ist nur ein Aspekt von „Recto Verso“. Das Album ist ein Füllhorn unterschiedlichster Stimmungen, die eines gemein haben: Zaz gibt sich völlig preis. In ihrer sozialpolitischen Naivität in „On Ira“ oder in ihrer Prädisposition für haltlose Melancholie in „La Part D'Ombre“. Mit der suggestiven Kraft ihrer Stimme lockt sie auch in Sphären, die Angst machen. In „Si Je Perds“ malt sie das Schreckgespenst der Altersamnesie an die Wand. „Wenn ich ins Schleudern gerate und euch das beunruhigt, wenn ich euch zu sehr verletze oder nicht mehr weiß, wer ihr seid, und wenn ich durchdrehe, habt kein Mitleid mit mir. In meinem  Kopf ist eine Ansammlung von vergessenen Gesichtern.“

Mit solcher Lyrik ist sie auf der Höhe eines Leo Ferré, dieses Meisters für in Tragödien verborgene Ereignisse der Poesie. Und als Sängerin, so bewies sie einmal mehr an diesem Abend, beherrscht sie die Kunst, auch für Vielgesungenes jedesmal neue innere Gefühle zu finden. Reuelos demolierte sie alles Vorgeformte, adelte die Spontanität. Danach wollte man sich von allem lösen, an dem man sich festgelebt hat. Merci dafür.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.05.2013)