OÖ Landesausstellung: "Nicht nur wegen Bier und Knödel bekannt"

Bilder der Moldau
Bilder der Moldau(c) Krumau
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Grenzübergreifend: In zwei böhmischen und zwei Mühlviertler Orten erfährt man viel über die Beziehungen zwischen Tschechien und Österreich, Moldau und Donau. Und (zu) viel anderes.

Wir Böhmerwäldler sind ein Leben der Arbeit gewohnt und versprechen gern, dass wir als selbstständiger Freistaat bzw. Bundesstaat der USA mit größter Freude und gewohnter Ausdauer arbeiten und unserem Protektor jederzeit zur Ehre gereichen werden.“ Nein, das ist nicht aus einem apokryphen Werk von Herzmanovsky-Orlando, das ist ein Satz aus einem realen Schreiben, das Böhmerwäldler am 12.Juni 1945 an den US-Präsidenten Harry Truman richteten. Sie wüssten, heißt es darin, „dass wir als Teil des deutschen Volkes den Krieg verloren haben“, aber sie bäten doch um Aufnahme in die USA...

Es ist unbekannt, ob Truman den Brief erhalten hat, er hat jedenfalls nicht geantwortet. Dieses Dokument, ein (unfreiwillig) komischer Einwurf in die tragische Geschichte der Deutschböhmen, ist ein Stück der Ausstellung „Was wäre, wenn“ im Regionalmuseum von Český Krumlov (Krumau), die wiederum Teil der oberösterreichischen Landesausstellung 2013 ist.

Eine tschechische Stadt als Standort der oberösterreichischen Landesausstellung? Es ist nicht das erste Mal, dass diese Institution Grenzen überschreitet: 2004 arbeitete sie mit Passau zusammen, 2012 mit ganz Bayern. Heuer eben mit Tschechien: „Alte Spuren. Neue Wege“ hat vier Standorte, Freistadt und Bad Leonfelden in Oberösterreich, Český Krumlov und Vyšši Brod (Hohenfurth) in Südböhmen. Die Orte liegen nahe beieinander, der Ausstellungstourist muss keine Pässe herzeigen, und doch ist die Grenze sehr deutlich spürbar. Vor allem als starre Sprachgrenze: In Südböhmen wird heute (fast) genauso wenig Deutsch gesprochen wie im Mühlviertel Tschechisch.

Pläne eines Moldau-Donau-Kanals

Dieses heißt nicht nach Mühlen, sondern nach drei Flüssen: Große Mühl, Kleine Mühl, Böhmische Mühl. Sie alle münden in die Donau. Nicht in die Moldau. Die Wasserscheide zwischen diesen beiden Flüssen ist eine mögliche naturräumliche Grenze zwischen Böhmen und Oberösterreich; sie zu überwinden war Ziel etlicher nie verwirklichter Projekte. Schon zur Zeit von Karls IV. (1316 bis 1378, römisch-deutscher König, König von Böhmen und römisch-deutscher Kaiser) wurde ein Moldau-Donau-Kanal erwogen, gebaut wurde ab 1789 nur der Schwarzenbergsche Schwemmkanal, um Holz aus dem Böhmerwald nach Wien zu transportieren. 1904 entschied Franz Joseph, dem Donau-Oder-Kanal den Vorzug zu geben, aus dieser Wasserstraße wurde freilich nichts als eine kleine Schrebergartenidylle bei Wien.

Noch viel unglaublicher scheint uns heute das Projekt des Prager Technikers Karel Žlábek: Er plante ab 1948 einen 400 Kilometer langen Eisenbahntunnel, der Tschechien mit der Adria, Budweis mit Koper verbinden sollte. Ziel: Menschen aus dem „realen Sozialismus“ einen schnellen Weg zum südlichen Badeurlaub zu schaffen, unter dem Eisernen Vorhang durch. Auch das wurde bekanntlich nicht verwirklicht.

Die Ausstellung in Krumau schildert diese und andere Verkehrsprojekte detailreich und liebevoll: Sie ist eindeutig der beste Teil der Landesausstellung, einfach weil sie sich auf ein Thema konzentriert.

Bier, Fledermäuse, Medizin, Heilige...

Genau das geschieht in Freistadt und Bad Leonfelden nicht. Gewiss in bester Absicht wird alles gezeigt, was Küche und Keller, Stadtarchive und Landessammlungen zu bieten haben. So lernt man in Freistadt genauso ausführlich über die Produktion des Freistädter Biers und die zum Bier gehörigen Heiligen wie über die Sinne der Fledermäuse, über die Geologie des Raums und über seine Fauna. Natürlich gibt es viel Sehenswertes – etwa die älteste Karte von Oberösterreich (1542, von Augustin Hirschvogel), bei der verwirrenderweise der Norden unten ist –, aber die schiere Menge überfordert. Und etliche Objekte – etwa die Marchtrenker Wiege, in die zerstrittene Ehepaare gemeinsam gelegt wurden –, sind spannend, aber gar nicht aus der Gegend, um die es geht. Dass ein Bewegungsmelder in unregelmäßigen Abständen Donner und Blasmusik auslöst, muntert auch nicht wirklich auf.

Eher ein Rap „Über die Grenze“ von Freistädter Schülern: „Nicht nur wegen Bier und Knödel bekannt, wird Krumau auch Venedig des Nordens genannt“, heißt es da. Gewiss. Aber ein simpler Weg der Völkerverständigung führt doch über den Magen. So finden sich viele Besucher an der Tafel, die erklärt, dass Schinkenfleckerl auf Tschechisch „Šunkofleky“ heißen und das Beuschel zum „Pajšl“ wurde. Und fast ein bisschen enttäuscht liest man, dass eine zentrale Frage nicht geklärt ist: „Ob der Knödel in Oberösterreich oder Böhmen erfunden wurde, ist strittig.“

Fast noch überladener ist die Ausstellung in Bad Leonfelden: Medizin und Fürsorge, Heilige und Nothelfer, Jenseitsvorstellungen, Salzgewinnung... Dazu ein recht kursorischer Überblick über die Geschichte des 20.Jahrhunderts – und ein von einem privaten Sammler dicht angeräumtes Zimmer („Gedenkraum“) mit Memorabilien aus der Zeit, als Vyšši Brod noch Hohenfurth hieß. Mit einer Karte, die unter dem Titel „Heimat Sudetenland“ ganz Tschechien zeigt. Bei allem Respekt vor dem Leid der vertriebenen Deutschen, hier wäre doch eine Darstellung angebracht gewesen, die die Verbrechen der Vertreibung mit den (ärgeren und früheren) Verbrechen der Nationalsozialisten in Zusammenhang bringt.

In Vyšši Brod selbst ist die Zisterzienserabtei zu besichtigen: Zweimal wurde das Kloster zwangssäkularisiert, 1941 von den Nazis, 1950 von den Kommunisten. Heute leben, beten und arbeiten wieder Mönche dort – und behüten das goldene Zawischkreuz, dessen Aura sich auch dem nicht verschließt, der nicht glauben kann, dass es wirklich ein Stück des wahren Kreuzes, an dem Jesus starb, enthält.

„Alte Spuren, neue Wege“: Die Oberösterreichische Landesausstellung in Freistadt, Bad Leonfelden, Český Krumlov (Krumau) und Vyšši Brod (Hohenfurth) ist bis 3.November zu sehen. Täglich von 9 bis 18 Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.05.2013)

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