Die aufrechten Helden der vierten Gewalt

„Blattkritik“: In seiner Analyse der Krise der Zeitungsbranche entdeckt der deutsche Journalist und Soziologe Anton Hunger viele hausgemachte Probleme.

Die Krise: etwas, wovon Medien leben, solange sie nicht selbst davon betroffen sind. Nun sind sie es. Allenthalben wird darüber geklagt, dass das Publikum und in der Folge Inserenten ins Netz gehen, sprich dass das Gratismedium Internet mit seinen interaktiven Möglichkeiten das Geschäftsmodell der Zeitungen obsolet macht. Es mag schon sein, dass sich die Mediengewohnheiten, insbesondere der Jugend, ändern. Aber dieser Wandel ist eine schwache Ausrede für die hausgemachten Probleme der Printmedien.

Davon listet der prominente deutsche Journalist und Mitgesellschafter des Wirtschaftsmagazins „brand eins“, Anton Hunger, in seiner „Blattkritik“ eine Menge auf. Die Blattkritik ist eine traditionsreiche Einrichtung in Redaktionen, blickt aber oft nicht über den Blattrand auf den großen Horizont hinaus. Daher versucht man in immer kürzeren Abständen mit kosmetischen Retuschen, genannt Layout-Reform, das schwindende Publikum in den Zeitungskiosk zu locken und ignoriert den „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (Habermas, 1962). Von dort aber dräut das Ungemach.

Es ist, so zitiert Hunger einen PR-Berater, als ob „auf der sinkenden Titanic die Bar neu renoviert wird“. Dabei ist vielmehr der „Umstand, dass Controller die Macht in den Verlagshäusern übernommen“ haben, dafür verantwortlich, dass die Presse heutzutage allzu oft „PR-Senf nachdruckt“. Fast könnte man den Eindruck bekommen, als wäre es erwünscht, dass die Torwächterfunktion der Redakteure verloren geht. „Sortieren, filtern, gewichten, kommentieren“, so lautete einst der Auftrag von Chefredakteuren. Heute sind daraus Redaktionsmanager geworden, deren Devise „Sparen, schließen, streichen“ heißt. Konsequenz daraus: weniger Zeit für Recherche und damit Verflachung.

Aber vielleicht will man ja genau das. Wie sonst ist die schleichende Angleichung der in Schuluniform gewandeten an die Schmuddelkinder der Branche zu erklären? Offenbar glauben die Qualitätszeitungen im Kampf um den letzten Leser, boulevardesker werden zu müssen, während sich die „Yellow Press“ verstärkt den Anschein von Seriosität gibt. Doch „sauberer Journalismus“ ist sowieso eine Contradictio in Adjecto, gehört es doch zum Job von Medien, (politische) Missstände, Verfehlungen aller Art bis hin zu Verbrechen aufzudecken. Diejenigen, die gern im Schmutz (anderer) wühlen, sind die investigativen Journalisten. Sie gelten gemeinhin als die „aufrechten Helden der vierten Gewalt“. Nicht selten aber lassen sie sich für Interessen instrumentalisieren, die sie mitunter selbst nicht durchschauen, geschweige denn das Publikum. Es empfiehlt sich dem kritischen Medienkonsumenten deshalb, gelegentlich danach zu fragen, wem eine Aufdeckung dient.

Mit dem Aufdecken ist es auch aus anderer Perspektive so eine Sache. Frei nach Karl Kraus könnte man sagen: Der Skandal fängt an, wenn Boulevardzeitungen ihn aufgreifen. Um an Informationen zu kommen, darf man nicht zimperlich sein. Da sind Mittel wie Drohung, Erpressung, Bestechung keine Seltenheit. Anton Hunger hat eine beträchtliche Anzahl an Beispielen parat, die man nur unzulänglich unter Medienversagen subsumieren kann. Sicher ändern Unzulänglichkeiten, Fehler bis hin zu moralischem Totalversagen nichts am Prinzip der Kontrollfunktion von Medien. Doch brancheneigene Schweinereien öffentlich zu machen ist nicht Teil des Aufdeckerjournalismus. Gegenüber dem „Brother in Arms“ herrscht noble Zurückhaltung.

Dabei wäre es der (selbst-)kritische Journalismus, der im Zeitalter des Internets an Bedeutung beträchtlich gewonnen hätte. Wollen wir denn all den Meinungsschmus, der in Blogs und Postings und Social Networks abgesondert wird, wirklich lesen? Oder wollen wir uns auf der Basis gesicherter Fakten und fundierter Information eine eigene qualifizierte Meinung bilden? ■

Anton Hunger
Blattkritik
Vom Glanz und Elend der Journaille. 246 S., geb., € 20,10 (Edition Hubert Klöpfer, Tübingen)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.05.2013)


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