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Strindberg apart: „Julia“ bei den Festwochen

Strindberg
Strindberg(C) Brut im Künstlerhaus/ Marcelo Lipiani
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Christiane Jatahy zeigt im Brut im Künstlerhaus eine multimediale Variante des ehemaligen Schockers aus Schweden.

August Strindbergs naturalistisches Trauerspiel „Fräulein Julie“ ist ein bitterböser Einakter über eine höhere Tochter, die sich mit dem Knecht Jean einlässt, ihn reizt und schließlich alles verliert. Die Machtverhältnisse werden für kurze Zeit umgedreht. Das 1889 in Kopenhagen uraufgeführte Drama konnte damals wegen seiner Schonungslosigkeit noch schockieren.

Bei den Wiener Festwochen war am Montag im Brut im Künstlerhaus eine aparte exotische Version des längst als Meisterwerk des schwedischen Autors anerkannten „Fröken Julie“ zu sehen: „Julia“, Ende 2011 in Rio de Janeiro uraufgeführt und nun erstmals auch in Österreich, wird von Regisseurin Christiane Jatahy nach Brasilien transferiert. Es funktioniert auch als Konflikt zwischen einem Mädchen aus der Oberschicht und einem Diener aus den Favelas, wirkt aber allein dadurch leichtgängig, dass das Publikum beim multimedialen Spiel von „Cia. Vértice“ einbezogen wird. Dadurch entsteht ironische Distanz, die wegführt vom bloßen Realismus.

Die 75 Minuten lange Aufführung beginnt als Film: Die Bühne ist leer, auf der Leinwand, die die Längsseite des Saales gegenüber dem Publikum einnimmt, sieht man ein kleines Mädchen Ball spielen. Vogelgezwitscher, angenehme Musik. Der Papa filmt das Kind, bis es genug von der Zurschaustellung hat. Im Hintergrund entfernt ein schwarzer Bub Blätter vom Rasen. Die Kleine füttert Fische mit Blüten. Ein Titel kündigt an: „Julia“. Nach dem reizenden Vorspann wird es also Ernst.

 

Filmisch verdoppelte Sexszene

Nun betritt eine junge Frau (Julia Bernat) die leere Bühne, zieht die Wände der Projektionsfläche auseinander, dahinter gibt es eine kleine Wohnung. Ab nun sind real gespielte Szenen zwischen ihr und dem dunkelhäutigen Diener Jelson (Rodrigo dos Santos) zu sehen, die von David Pacheco per Video gezeigt werden, aber auch aufgezeichnete Sequenzen, etwa die von einer Party, bei der das junge Mädchen mit dem noch jungen Mann tanzt, flirtet, ihn zum Sex anstachelt. Der spielt dann, lautstark angedeutet, im Hintergrund. Das Verborgene aber wird vorn als Film geboten.

Solche Brechungen entschärfen paradoxerweise die darauf folgende, vor allem verbale Gewalt, die zum Teil improvisiert zu sein scheint. Die Darsteller richten ans Publikum sogar die Frage, ob das Stück nun tatsächlich zu Ende gespielt werden soll. Es wird. Alles hat ein Ende, selbst diese artig unartige „Julia“. So wie am Beginn sieht man nun am Schluss ästhetische Filmszenen, das Sterben wird symbolisch überhöht. Es wallen die Wasser des Pools und verfärben sich. Das mag ein wenig plakativ sein, aber diese Aufführung erschöpft sich nicht in abgehobenem Symbolismus. Sie lebt vom engagierten Einsatz der beiden Darsteller und hat durch die Schnittlinien, die durch die Vermischung von Video, realem Filmen, unmittelbarer Darstellung und Durchbrechung der vierten Wand entstehen, eine interessante Struktur. Bei der Premiere in Wien gab es kräftigen Applaus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.05.2013)