Bei uns werden die Grünen umworben, in Deutschland provozieren sie gepflegte Langeweile: Sie seien lammfromm, beamtisch, spießig.
Helmut Kohl wirkt mehr als pikiert: Neben ihm im Bundestag hat eine junge Abgeordnete mit keckem Kurzhaarschnitt und in ungebügelter Bluse Platz genommen, sie schwätzt und lacht. Und ihr Kollege ist nicht viel besser: Er trägt einen Norwegerpulli zu zerzausten langen Haaren und zu noch zerzausterem Vollbart. „Was tun die denn da?“, scheint Kohls Blick zu fragen. „Und wie schauen sie überhaupt aus?“ Unter dem Foto steht: „Beim Einzug in den Bundestag gaben sich die Grünen noch rebellisch.“
Thomas Schmid illustriert mit diesem dreißig Jahre alten Foto seine These, dass die Grünen „lammfromm“ geworden seien. Es fehle ihnen „der Versuch des kühnen Sprungs ins Unbekannte“, schreibt er in der „Welt am Sonntag“, er vermisse die „forsche Himmelsstürmerei“, von den Grünen gehe kein „Aufbruchselan“ mehr aus.
Seit FDP-Chef Rösler die Grünen als „spießig“ bezeichnet hat, kommen sie nicht mehr raus aus dem faden Eck: „Lammfromm“ ist da noch vergleichsweise harmlos, Jan Fleischhauer, Kolumnist von „Spiegel Online“, wird drastischer: „Man kennt das aus der Schule. Der Gemeinschaftskundelehrer bleibt immer Gemeinschaftskundelehrer, auch wenn er sich in zu enge Hosen zwängt und die Haare ganz wild trägt.“ Für ihn sind die Grünen Staatsdiener, die sich in der Pose des Bürgerschrecks versuchen: „20 Prozent der Beamten unterstützen inzwischen die Grünen, womit diese Berufsgruppe die stärkste Affinität zur Ökopartei hat.“ Doch Beamtenstatus und Rebellentum würden sich nicht miteinander vertragen.
Was ist passiert? Vor noch gar nicht allzu langer Zeit waren sie noch die Enfants terribles, die Haschisch liberalisieren wollten, für die Homo-Ehe eintraten und vor denen man die potenziellen Wähler darum warnen musste. Selbst wenn sie sich freundlich und/oder professoral gäben, das seien Wölfe im Schafspelz!
Heute konstatiert Jan Fleischhauer, man habe es ganz umgekehrt immer schon mit Lämmern zu tun gehabt, die sich gern als Wölfe gebärden. In Wirklichkeit schlug in der Rebellenbrust schon vor dreißig ein biederes Herz.
Diese Diagnose mag eine späte Genugtuung sein für Helmut Kohl, der sich damals wohl wunderte, wie es die Norwegerpulli- und Turnschuhträger in den Bundestag geschafft hatten. Plötzlich ist er der Rebell und die Genossen mit den Turnschuhen sind die Konformisten.
So wandelt sich, was spießig gilt, von Generation zu Generation: Erst sind es die Eltern, die ihren Kindern nicht erlauben, in Jeans zur Schule zu gehen. Dann sind es die groß gewordenen Kinder, die den eigenen Töchtern die Barbie madigmachen wollen. Die Grünen sind also angekommen. Sie können uns nicht mehr überraschen. Wir kennen sie schon. Wir haben drei Jahrzehnte Zeit gehabt, uns an sie zu gewöhnen.
E-Mails an: bettina.steiner@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.05.2013)