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Mein Geist in der Zirbeldrüse: Ein letztes Abschiedswehen...

Im Gegensatz zu meinen verhirnten Kollegen glaube ich, dass der Geist weht, wo er will – denn schön ist es auch anderswo!

René Descartes hat, im dummen siebzehnten Jahrhundert, noch daran geglaubt, dass der Heilige Geist über die Zirbeldrüse ins Gehirn kommt (hahaha!). Da hat es unser deutscher Denkmeister Kant bereits besser gewusst, als er sich gegen den Geisterseher Swedenborg ins Zeug legte: „. . .wenn ein hypochondrischer Wind in den Eingeweiden tobt, so kommt es darauf an, welche Richtung er nimmt, geht er abwärts, so wird daraus ein F––, steigt er aber aufwärts, so ist es eine Erscheinung oder heilige Eingebung.“

Und fragt man unsere Science Busters, wer oder was der Heilige Geist sei, so erhält man zur Antwort: ein „flatus cerebralis“ – was angeblich feinstes Küchenlatein ist und, volkstümlich gesprochen, „Hirnfurz“ bedeutet. Wenn unsere Science Busters nicht gerade an der Popularisierung eines unpopulären Volksbegehrens gegen alle Kirchenprivilegien mitwirken, weil es kein höheres Wesen als den Hirnfurz gibt, dessen Verehrung an sich völlig unschädlich wäre, hätten seine Kultdiener nicht ganze Kathedralen der Volksverblödung auf einen derart hypochondrischen Wind gebaut. . .

. . . wenn, sagt mein Lieblingshirnforscher in unsere Plauderei hinein, indem er mir einen Helm mit einem krass elektronischen Innenleben aufsetzt, wir uns (er meint mich) jetzt einmal, bitte schön, auf den Heiligen Geist konzentrieren könnten...: Mein Lieblingshirnforscher hat mich zu seinem Lieblingsforschungsobjekt erkoren, denn im Gegensatz zu meinen verhirnten Kollegen, die wegen ihrer Lieben katholisch sind, während sie Gott für ein „Meme“ halten – das ist der Fachausdruck für das religiöse „Hirnfurzvirus“, das sich weltweit milliardenfach ausgebreitet hat –, glaube ich nämlich an den Heiligen Geist. Jawohl. Übrigens ist mein Lieblingshirnforscher katholisch – wegen, wie er sagt, seiner Kinder, die er alle wegen seiner Frau auf katholische Privatschulen schickt –, indes sein Projekt zur exakten Hirnlokalisierung des Heiligen Geistes Unmengen an Forschungsmitteln verschlingt, die aus meinen Steuergeldern berappt werden, nicht wahr?

Anordnungsgemäß versuche ich mich also auf den Heiligen Geist zu konzentrieren. Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung, wie ich das machen soll. Denn wenn mich der Heilige Geist durchweht, dann weht er, wann er will, und dabei weht er sowieso allüberall. Wie anders wäre es denkbar, dass, noch unterm grausigsten Morgengrausen, die in meinem lauwarmen Morgenmilchmalzkaffe lustlos-aufgequollen herumkreiselnden Reste meines Biodinkelkipferls mir als Inbild einer höheren geistigen Ordnung vors innerpfingstliche Auge treten? – Sie wissen schon, jenes Auge, das laut Goethe die Sonne nicht schauen könnte, wär es nicht selber sonnenhaft.

Inzwischen umschwirrt mein Lieblingshirnforscher seine Instrumente, die ihm bedeuten, wo's in meinem Gehirn zu flackern beginnt. Es flackert in meiner Zirbeldrüse, das ist kurios, weil – so die Expertise – der Heilige Geist dort nichts verloren hat, besonders vor Pfingsten. Nicht das Geringste! Worauf ich, mit der Vulgata (Johannes 3,8), nur laienhaft erwidern kann: „Spiritus ubi vult spirat.“

Der Geist weht eben, wo er will! Ja, der Geist der Vorletzten Dinge wird künftig weiterwehen – wenn auch nicht mehr an dieser Stelle, so doch in der Zirbel- und anderen Drüsen meiner treuen Leser und Leserinnen, sei's im Morgengrausen, sei's beim Abendbrausen. Oder, um einen unserer geistvollsten Dichter zu variieren: „Schön ist es auch anderswo, und hier – da war ich sowieso.“ Valete, amici mei!


E-Mails an: peter.strasser@uni-graz.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.05.2013)