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Paraguay und die tödliche Soja-Lobby

Paraguay toedliche Soja Lobby
Paraguay toedliche Soja Lobby(c) REUTERS (ENRIQUE MARCARIAN)
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Im südamerikanischen Paraguay verdrängen Soja-Unternehmen lokale Kleinbauern. Das geht nicht ohne Gewalt, und Pestizideinsätze fordern ihre Opfer.

Wütende Bauern demonstrieren im Zentrum von Asunción – wieder einmal, denn in dem von der Weltöffentlichkeit relativ isolierten südamerikanischen Land wurden solche Proteste über die vergangenen Monate und Jahre immer häufiger.

Viele der Bauern sind landlos, große Sojafirmen haben sie verdrängt, andere sind Campesinos, die dasselbe fürchten. Es gehe um seine Existenz, sagt etwa Gonzalo, deshalb sei er fast 400 Kilometer in die Hauptstadt gefahren, um zu kämpfen. Er ist Kleinbauer in Alto Paraná im Sojagebiet. Einst, vor der eiweißreichen Nutzpflanze, war das eine schöne Region mit sauberen Flüssen, Regenwald und vielen Bauern. Jetzt sind dort nur noch Sojafelder. Auch tausende Hektar Wald wurden von Bulldozern niedergerissen, Zäune gezogen und Verbotsschilder aufgehängt, erzählt Gonzalo. „Privateigentum, betreten verboten!“, stehe darauf, und ein Totenkopf.

Letzteres ist bitterer Ernst: Dutzende Campesinos hätten ihren Widerstand gegen die Sojafirmen mit dem Leben bezahlt, erzählt Alberto Alderete, ein Menschenrechtsanwalt. Auch er hat schon Morddrohungen erhalten.

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Paraguay(C) DiePresse

Oft regne es Gift

Gonzalo erzählt von Flugzeugen, die Gift auf die Felder sprühten, egal, ob in der Nähe Schulkinder unterwegs seien. In manchen Monaten regne es fast täglich Gift. „Die Menschen in der Umgebung werden davon krank“, sagt er. Die Flüsse und die Erde seien vergiftet. Héctor Cristaldo, Präsident des wichtigen Verbandes der Soja-Lobby „UPG“, bestreitet das: Es gebe keinen Konnex zwischen Gift und Gesundheitsproblemen. In der modernen Landwirtschaft seien Pestizide bei sachgemäßer Anwendung sicher und für gute Erträge nötig.

In Capiibary, 200 km nördlich von Asunción, haben Familien ein Stück eines riesigen Sojafeldes besetzt. Sie sind bitterarm, haben aus Planen Unterstände gebaut. Frauen bereiten gerade das dürftige Frühstück zu, es gibt, wie fast zu allen Mahlzeiten, Bohnensuppe mit Nudeln. Man fordere Land zurück, das sich die „Sojeros“ unrechtmäßig angeeignet hätten, sagt eine alte Frau. Sie habe hier ihren Boden gehabt, man rede nun mit dem Großgrundbesitzer, einem Brasilianer.

Eine Mutter zeigt auf die Hand ihres vierjährigen Buben, die Haut hat sich teils abgelöst, er hat Schmerzen. Weitere Mütter und Väter kommen mit ihren Kindern dazu, alle haben offene Stellen und Rötungen, einem Mädchen fallen die Haare aus. Die Bauern glauben, das Gift der Sojabauern sei schuld, so wie am Erbrechen und den Kopfschmerzen. In manchen Dörfern seien Menschen ganz plötzlich gestorben, heißt es.

Justine lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern am Rand des Feldes. Die meisten Nachbarn seien aus Angst vor dem Gift gegangen, sagt sie. Die Familie hat Angst vor dem Brunnenwasser und meidet die Milch ihrer Kuh, die mehrere Totgeburten hatte. Küken überlebten selten länger als 14 Tage. Sie zeigt auf einen Orangenbaum voller Früchte. Bis zur Ernte verwandelten sie sich in schwarze, trockene Kugeln, sagt sie. Das komme von einem Gift, mit dem die Sojabauern die Reife ihrer Hülsenfrüchte beschleunigten.

Drei Wochen später wurde das besetzte Feld mit Gewalt geräumt: Polizei und Militär nahmen 27 Besetzer fest. Eine Frau wurde angeschossen. Cristaldo, der Präsident des Sojaverbands, wirft Polizei und Militär indes vor, nicht konsequent genug gegen Besetzer vorzugehen. Zudem seien die meisten davon keine landlosen Campesinos, sondern „politische Gewalttäter“.

 

US-Saatgutkonzern als Feind

Maria Gamarra war vor dem Sturz von Präsident Fernando Lugo, einem Ex-Bischof, im Sommer 2012 Ärztin im Gesundheitsministerium. Ihre Studien legen einen Konnex zwischen den Pestiziden und den Missbildungen und Krankheiten nahe. Die Vermutung brachte ihr eine Anzeige von „Monsanto“ ein, einem ob seiner Geschäftspolitik umstrittenen US-Saatgutkonzern. Ihr droht gar Gefängnis.

Lugo habe den Sojafirmen Grenzen setzen wollen, das sei der Hauptgrund gewesen, warum ihn das Parlament abgesetzt habe, heißt es. Dort und in den Medien seien Soja-Lobby und Großgrundbesitzer mächtig; auch der im April gewählte neue Präsident Horacio Cartes (56) ist Großunternehmer, etwa mit Tabak. Der Rechts-Politiker tritt sein Amt im Sommer an.

Miguel Llovera, Ex-Staatssekretär im Agrarministerium, spricht von der Macht der Sojeros: Bei „störenden“ Gesetzesvorhaben streuten sie Putschgerüchte, also habe auch Lugo nicht gewagt, von ihnen angemessene Steuern einzuheben. Sie zahlten im Schnitt 1,8 Prozent Steuern, andere Agrarerzeuger drei Prozent. Paraguay, einst Agrarexporteur, muss daher wegen des Sojavormarsches seit Jahren Getreide, Obst und andere Grundnahrungsmittel einführen. Cristaldo indes will die Sojaflächen massiv ausweiten: „Das hohe Agrarpotenzial in einem Land wie unserem nicht zu nutzen, um eine hungernde Welt zu versorgen, sondern zu sagen, wir bauen nur an, was wir selbst essen, macht keinen Sinn!“

 

Wenn Biodiesel mitschuldig macht

Maggui, eine 72-jährige Bauernaktivisten, kämpft gegen die Sojamonokultur. „Wenn ihr in Europa Tiere esst, die mit Gensoja aus Paraguay gefüttert wurden, seid ihr mitschuld an der Not der vertriebenen Kleinbauern. Tankt ihr Biodiesel aus Soja, damit eure Umwelt sauber bleibt, nehmt ihr in Kauf, dass unsere Böden vergiftet werden.“

Lexikon

Paraguay (6,5 Millionen EW) ist ein international eher wenig beachtetes Land. Als es 1811 von Spanien abfiel, war es viel größer als heute, bis es durch den Krieg gegen Argentinien, Uruguay und Brasilien (1864–1870) schrumpfte. Seit sechs Jahrzehnten regierte vornehmlich die rechte „Colorado“-Partei, was Filz und Korruption schuf. Strom- und Agrarexporte sind Hauptgeldquellen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.05.2013)