Den Zeigefinger nennt ein Neurologe den „Schlüssel einer neuen Kultur“. Aber auch Daumen und Mittelfinger hinterlassen ihre Spuren auf den Touchscreens.
Der Zeigefinger: Schlüssel einer neuen Kultur“, so überschreibt der Neurologe Florian Heinen einen klugen Artikel in der „FAZ“, in dem er aufzeigt, wie digital im Wortsinn die diversen Smart- und i-Geräte sind. Wie die Alten mit den Fingern (lateinisch: digiti) zählten, so befingern wir die Oberfläche der Tablets, hinterlassen dabei unsere Hautzellen, unseren Schweiß auf ihnen. Ich mag das nicht. Aber ich muss zugeben: Selten ist die Bedienung einer Maschine so sinnlich und logisch zugleich, wie wenn man auf ein „Icon“ (auf ein Bild also) zeigt, um dieses zu beleben, zu aktivieren. Das hat etwas von der Geste Gottes, mit der er auf Michelangelos Gemälde den Adam erschafft.
Aber man muss Heinen ergänzen: Nicht nur der Zeigefinger tappt auf der Benutzeroberfläche, sondern auch der Daumen. Er schüttelt nicht die Pflaumen. Nein, er wischt. Damit „scrollt“ er: Er rollt eine virtuelle Tafel auf und ab. Das Wort ist mit dem deutschen „Schrot“ verwandt, es hieß einst noch „scrowe“, das „l“ verdankt es wohl der Assoziation mit „roll“.
Diese Bewegung, die ich als (noch) Smartphone-Verweigerer selbst nicht ausübe, sieht seltsam aus: ein rundes, rhythmisches Reiben mit der Außenseite des dicken, kurzen Fingers, die bei emsigen Benutzern wohl eine Hornhaut entwickelt. Sie hat jedenfalls m.E. kein natürliches Pendant, sie ist eine ganz neue Aufgabe des Daumens, der bisher gestisch vor allem eines ausdrücken konnte: Gnade und Leben (Daumen nach oben) bzw. Ungnade und Tod (Daumen nach unten). Dazu kommt bei Abergläubischen das Verstecken des Daumens in der durch seine vier Geschwister gebildeten Höhlung. „Daumendrücken“ nennt man das, es soll Glück bringen.
Ringfinger und kleiner Finger sind (derzeit noch) kaum gefordert. Doch der Mittelfinger ist bei vielen beim Vergrößern oder Verkleinern eines Fensters aktiv: Mit Daumen und Zeigefinger bildet er ein annähernd gleichseitiges Dreieck, das repräsentativ für das Fenster verkleinert oder vergrößert wird. Diese Geste hat etwas Zauberhaftes – wie überhaupt das Fingern auf dem Schirm etwas archaisch Beschwörendes hat: wie das Auflegen der Hand zur Heilung oder das Erheben beider Hände zum Segnen. Sage niemand, dass der Fortschritt der Computer die Welt nicht (auch) griffiger, begreifbarer, sinnlicher macht! Weicher jedenfalls: Wer spricht noch von Befehlen, die er seinem Computer erteilt?
Das Wischen und Zeigen auf dem Touchscreen sind freilich nicht die ersten manuellen Fertigkeiten, die uns die Technik gelehrt hat. Manche bleiben in der Sprache, nachdem sie schon aus dem Leben verschwunden sind: Ein DJ legt Musik auf, auch wenn er keine Platten mehr auf den Teller legt, wir legen nach dem Telefonieren auf, auch wenn wir längst keinen Hörer mehr auf die Gabel legen.
Wer das Smartphone verweigert, verwendet meist auch eine archaische Art des Schreibens: das ein- bis viermalige Tippen auf eine Taste, um Buchstaben hervorzubringen. Es wird keine zehn Jahre dauern, bis keiner mehr diese SMS-Technik verwendet, aber wir werden's noch lange im Kopf haben, dass man für ein „s“ viermal auf eine Taste tippen muss, aber für ein „q“ nur einmal.
Worauf wir eigentlich wetten könnten: Wie lange wird es dauern, bis keiner mehr versteht, was eine Taste ist? Mit ihr wird eine Verkörperung des digitalen Zeitalters (jetzt nicht im Wort-, sondern im üblichen Sinn) weichen. Denn tippen ist digital, wischen ist analog.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.05.2013)