Kunstvoll verschränkt Alix Ohlin drei Lebensläufe. Wie anders wäre das Leben verlaufen, hätte man in der Sekunde bloß anders reagiert, etwa nicht diesen Weg genommen, wäre nicht diesem Menschen begegnet oder hätte sich nicht darauf eingelassen, sich gerade in diesen Menschen zu verlieben.
Wie anders wäre das Leben verlaufen, hätte man in der Sekunde bloß anders reagiert, etwa nicht diesen Weg genommen, wäre nicht diesem Menschen begegnet oder hätte sich nicht darauf eingelassen, sich gerade in diesen Menschen zu verlieben. Auch wenn das Romantiker anders sehen: Das Leben folgt wohl eher dem Zufall denn einem höheren Plan, keiner unentrinnbaren Wir-sind-füreinander-Bestimmtheit. So ist es auch nicht die Macht des Schicksals, die die Protagonisten im zweiten Roman der kanadischen Schriftstellerin Alex Ohlin zusammenbringt, sondern das tägliche Leben. „Inside“ (zu Deutsch etwas abgeschmackt „In einer anderen Haut“) lässt drei Menschen auf andere stoßen, die sie offensichtlich brauchen. Oder besser: Sie fallen dieser Projektion anheim.
Der Roman eröffnet mit einer Szene auf dem Hausberg von Montreal. Grace, allein, Mitte 30, stößt beim Langlaufen auf einen erstarrten Körper und beschließt, sich des erfolglosen Selbstmörders im Schnee anzunehmen. Sie ist Therapeutin, und es fällt ihr dennoch schwer,zu trennen, ob ihre Hingabe von der Labilität des Gegenübers entfacht wird oder aus einem selbstlosen Gefühl entspringt. Sie wird Tug, ihren tragischen Findling, wieder verlieren. Aber ein Stück Glück wird ihr bleiben.
Dann begegnet man Annie, einer Klientin von Grace, die ihren Weg kompromisslos geht, eine masochistische und manipulative, distanzierte Person. Sie wird Schauspielerin, man folgt ihr von Kanada über New York nach Kalifornien und zurück. Unwillig, sich auf menschliche Nähe einzulassen, rührt doch gerade eine junge Ausreißerin, die sich in ihrer Wohnung einnistet, an ihr Herz und lässt sie uneigennützig agieren. Annies Hilfe bleibt unbedankt, aber das macht nichts. Und schließlich wird von Mitch, Graces Exmann, erzählt. Wider besseres Wissen verlässt er seine neue Familie, um in der Tristesse der kanadischen Arktis als Therapeut zu scheitern. Seinen jungen Klienten kann er vor dem Suizid nicht retten. Mühsam bringt er sich emotional wieder in Sicherheit.
Kommt ohne Cliffhanger aus
All das könnte eine desillusionierte Geschichte, einen melancholischen Unterton ergeben. Tut es aber nicht. Frei von allem Psycho-Theater arbeitet Ohlin mit Präzision und Tiefenschärfe. Über zehn Jahre begleitet Ohlin mit Empathie ihre Figuren und greift kapitelweise in den Biografien einmal nach vor, einmal zurück. Das erzeugt Spannung, auch ohne großartige Cliffhanger. Zusammengehalten werden die Stränge subtil, durch Begegnungen von Grace und Annie, Mitch und Grace. Doch über weite Strecken dominiert ihr Alleingang.
Der Roman ist nicht auf dem Reißbrett mit Kreuzungspunkten konstruiert, sondern entwickelt sich etappenweise mit Pausen über fünf Jahre. Sein Tonfall hält sich ebenso zurück, wie die Erzählgesten dezent sind. Leicht sind die Brüche zwischen den Zeiten arrangiert, locker werden die Perspektiven gewechselt, fast unmerklich Motive eingeführt. Sorgfältig legt Ohlin sogar die Requisiten aus, nichts scheint im Alltag ihrer Figuren wie drapiert. In Schraffuren kommt das Umfeld zur Geltung, bewusst siedelte die Autorin, die in den USA als Dozentin für Literarisches Schreiben arbeitet, das Buch in ihrem Heimatland an, ohne die Orte in riesigen Landschaftstableaus aufzulösen. Und es ist das Schöne, das Entlastende, dass in diesem Roman nichts unter der Schwere und Bedeutungsfülle knarzt – und dennoch stille Größe hat. ■
Alix Ohlin
In einer anderen Haut
Roman. Aus dem Englischen von Sky Nonhoff. 352 S., geb., €20,60
(C. H. Beck Verlag, München)
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.05.2013)