Der neue Direktor eröffnet mit dem Festival „What Would Thomas Bernhard Do?“. Das Konzept scheiterte schon am ersten Abend. Naturgemäß.
„Nichts.“ So einfach beantwortete ein gewitzter Kollege nach der einstündigen Diskussion, mit der das Festival „What Would Thomas Bernhard Do?“ eröffnet wurde, die in dessen Titel gestellte Frage.
Richtig: Nichts würde er tun. Bernhard war kein Aktivist, schon gar kein politischer; und er eignet sich auch nicht als Galionsfigur für kritische Künstler. Bestenfalls für „Wutbürger“ à la Roland Düringer.
Dass Thomas Bernhard mit seinen virtuosen Schimpfkanonaden, mit seinen rhythmischen Rundumschlägen eine „Tradition des kritischen wie unbequemen Denkens“ begründet hätte, wie Nicolaus Schafhausen, der neue Direktor der Kunsthalle, meint, ist eine naturgemäß völlig absurde Idee, um es auf Bernhardianisch zu sagen. Es sei denn, man sieht Sätze wie „Die viel gerühmte österreichische Küche ist nichts anderes als eine Zumutung. Eine Vergewaltigung des Magens wie des ganzen Körpers“ (aus „Auslöschung“) als Ausfluss kritischen Denkens.
Auch die Bernhardianer auf dem Podium – Dramaturgin Vanessa Joan Müller, Literaturwissenschaftler Manfred Mittermayer und Barbara Marković, die aus Bernhards „Gehen“ den Roman „Ausgehen“ gemacht hat – zeigten keine Lust, Bernhard zum Diskurs-Guru zu erklären. Man sehe in seinem Werk heute mehr die Form, den „Sprachfluss“, als den Inhalt seiner „Übertreibungsrhetorik“, sagte Müller; und auch Mittermayer glaubt nicht, dass sich Bernhard heute der Kritik des Finanzkapitalismus widmen würde...
Wie soll man heute provozieren?
Fast wehmütig erinnerte Doron Rabinovici daran, welche Aufregung Bernhard einst z.B. mit „Heldenplatz“ ausgelöst hatte. Und er klagte, dass es heute so viel schwieriger sei zu provozieren: „Wie soll heute Wiener Aktionismus funktionieren, wenn man im Fernsehen das ,Dschungelcamp‘ sehen kann?“
Ein wirres Stück Aktionismus, nämlich ein öffentliches Beuschel-und-Punschkrapfen-Essen mit Störaktionen von Julius Deutschbauer und seinem „Theater des Verhinderns“, beschloss den schwach besuchten Abend.
Bis 26.Mai würden hundert Veranstaltungen folgen, erklärte Direktor Schafhausen stolz, es sollen „orchestrale Vielstimmigkeit“ und das „Durcheinander eines Marathons ohne vorgezeichnete Ziellinie“ herrschen, jedenfalls werde man sich „zentralen Fragen unserer Gesellschaft“ widmen, „im Sinne einer prägnanten Gegenwartsanalyse“. Nicht gerade das konziseste Konzept, originell schon gar nicht. Abgesehen davon, dass in Wiens Kunstszene nicht, wie von Schafhausen insinuiert, ein Mangel an Diskurs herrscht – ein derartiges Kraut-und-Rüben-Festival wird ihn nicht fördern.
Was würde Thomas Bernhard tun? Wir vermuten: Er würde sich dem Durcheinander verweigern oder kräftig darüber schimpfen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.05.2013)