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"Letzte Tage. Ein Vorabend": Grauen und Clownerie

Letzte Tage Vorabend Grauen
Letzte Tage Vorabend Grauen(c) APA/WIENER FESTWOCHEN/WALTER MAI (WIENER FESTWOCHEN/WALTER MAIR)
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Christoph Marthaler zeigt bei den Festwochen im Parlament die Uraufführung "Letzte Tage. Ein Vorabend": Geschichtsunterricht, unheimlich, witzig, faszinierend – für Geduldige.

Nach ein paar Jahren Marthaler-Abstinenz kommt einem der Schweizer Theatermacher fast wieder so genial vor wie bei der ersten Begegnung. „Letzte Tage. Ein Vorabend“ ist seit Freitag bei den Festwochen im Parlament zu sehen. Es geht weniger um den Ersten Weltkrieg – 2014 ist es 100 Jahre her, dass er ausbrach – als um die Musik jüdischer Komponisten aus Tschechien, Polen und Wien, die von den Nazis deportiert und im KZ getötet wurden wie Pavel Haas oder Viktor Ullmann. Mit der zeitlos aktuellen Frage des Kampfs von Großmächten, die sich oft aus rein wirtschaftlichen Interessen die Welt aufteilen, Massen an Toten als Kollateralschaden betrachten, hält sich Marthaler nicht auf. Er fokussiert die Aufführung auf die Habsburgermonarchie, Österreich heute und die EU.


Babylonisches Gewirr. Die Performance ist skurril, erschreckend und gemächlich, kurz: typisch Marthaler. Einige gähnten. Trotzdem ist „Letzte Tage“ etwas Besonderes – und das kommt weniger von der Politik als von der Kunst. Das babylonische Gewirr aus Musik und Sprache, das Raunen, das Stürzen, Kriechen müder Menschen, die Clownerien, die sparsamen, einprägsamen Bilder, die Monologe, die sich aus dem Klangraum erheben wie die Soli aus dem Orchester – alles passt perfekt zusammen, wirkt gereift, entschlackt, ergibt eine Symphonie.

Eine wichtige Rolle spielt der Schauplatz, das Parlament, eine Baustelle im faktischen wie im übertragenen Sinn. Zu Beginn erscheint ein Geschwader von Putzfrauen, sie wischen ein wenig herum, setzen sich nieder, tratschen und präsentieren einander ihre Krampfadern. Dann erobern möglicherweise angeheiterte Polit-Clowns die Szene. Nach dieser unterhaltsamen Einführung geht es ans Eingemachte. Ein Abgeordneter aus dem ehemaligen k. k. Reichsrat entfaltet die bekannt krausen Argumente von der „Schuld“ der Juden am Antisemitismus, sie seien eben zu viele, so der Tenor der Rede. Die Chronologie spielt aber keine große Rolle. Marthaler blendet vor und zurück, hin und her – zwischen dem, was in der Welt vorgeht (ungeheuerliche Reden von Viktor Orbán & Co. im Ungarn von heute) – und dem Subjektiven: Zwei Frauen beklagen die Zeitläufe. Die eine sieht sich von der Überfremdung in ihrem Wohnbezirk bedroht, sie fürchtet um die Sicherheit und die Zukunft ihrer Kinder; die andere möchte, dass es keine Opfer zweiten oder dritten Grades geben möge, KZ-Tote und solche auf dem Schlachtfeld müssen gleichgestellt werden...


Desillusionierender Befund. Hier werden hochkomplexe, über Jahrzehnte intensiv geführte Diskurse auf einen schlichten Nenner gebracht und zwar jenen, wie etwaige Erkenntnisse beim Durchschnittsmenschen durchaus unterschiedlicher sozialer Schicht angekommen sind: nämlich gar nicht. Ein desillusionierender Befund, es ist unklar, ob Marthaler das sagen wollte. Erzählen wollte er jedenfalls allerhand. Die politischen Reden sind überwiegend original. Die Figuren tragen sprechende Namen: Vor allem Silvia Fenz gefällt als „Eine Wiener Dame von Welt“, aber mit geringem Weitblick.

Ueli Jäggi spielt einen „an der Auserwähltheit Leidenden skythonumerisch-etruskischen Hunnen“. Nachdem er seine unfassbaren Tiraden von der Überlegenheit des Ungarn an sich verbreitet hat, versucht er in einer nicht minder unfassbaren Slapstick-Nummer seine aus Metallrollen gezimmerte Kanzel zu verlassen, doch die gibt ihn nicht frei und er erhängt sich fast. Eine „Spitzenpolitikerin mit Jodelkenntnissen“ vom rechten Rand, Katja Holm, beendet ein Wortgefecht mit dem „integrierten Afroeuropäer“ (Nelson Etukudo) mit endlos orgelndem Gesang, der an Dauerreden, Schreiduelle echter Parlamentssitzungen erinnert. Dass Marthaler die bösesten Tiraden leise dreht, lässt ihre Pseudosachlichkeit noch gefährlicher erscheinen und ist ein Kontrast zum Lärm, der oft aus dem Hohen Haus via TV dringt.

Der schwergewichtige und hinreißende Josef Ostendorf spielt den in der „Geschichtsschleife hängen gebliebenen Europäer“, der von den angeblich wahren Ursachen des Antisemitismus faselt, passend zum „Sensibel am Wertverlust Leidenden“ (Thomas Wodianka), der mit seinen Kumpanen beim Sonnwendfeuer eine Szene liefert, die an jene im Film „Cabaret“ erinnert, als der junge Nazi „Der morgige Tag ist mein“ singt – und alle einstimmen. Die Musik, wunderbar arrangiert, perfekt einstudiert, durchdringt, umhüllt dieses Gesamtkunstwerk: Arie, Walzer, Kantate, schräge Töne; der Chor am Schluss klingt halb tröstlich, halb schaurig, wenn auf dem Rang die Menschen im Gänsemarsch in eine düstere Zukunft marschieren...


Camouflage der Jedermänner. Marthaler zeigt keine Hochglanztypen, sondern durchschnittliche Leute, die sich hinter hässlichen Brillen verstecken, bizarre oder geschniegelte Frisuren tragen, aus ihren Anzügen, Kostümen platzen und immer so mürrisch, grämlich wirken, als würde ihr Leben ihnen so wenig passen wie ihre Kleider.

Man könnte einwenden: Der ständige Hinweis auf die angeblich bevorstehende nächste Katastrophe (Alarmismus) verdirbt jede Lebensfreude. Die Politik, aber auch das Theater zelebrieren Kulturpessimismus, die Politik oft mit durchsichtiger Absicht („Wählt nicht die anderen, wählt mich!“). „Für Letzte Tage“ stimmt der Vorwurf nicht. Das ist einfach tolles Spiel, das sich ernsthaft mit Karl Kraus' „Letzten Tagen der Menschheit“ messen kann, es ist reichhaltig, anregend, auch wenn Marthalers Mittel nun einmal immer die gleichen sind: ein echtes Erlebnis, wenn man sich auf Entschleunigung, die ja heute allerorten gepriesen wird einlassen will – und kann.

FESTWOCHEN

„In Agonie“. Martin Kušej widmet sich dem I. Weltkrieg ab 23. Mai, Volkstheater

„Letzte Tage“. Die Performance von Christoph Marthaler läuft bis 28. Mai

„Swamp Club“. Der Franzose Philipp Quesne lockt mit Special Effects ans Ende der Welt, ab 4. Juni, MQ.

„Die Schwarze Botin“.Feministischer Diskurs mit der renommierten Bühnenbildnerin Barbara Ehnes, ab 5. Juni, Schauspielhaus

„Playing Cards“.Ro-
bert Lepage über das Spiel und Las Vegas, ab 11. 6., Messe Wien

„Ich mach die Welt“.Iranische Künstler treffen auf junge Wutbürger, Schüler. Premiere war schon, Vorstellungen noch am 22., 23., 24. Mai, BRG/ORG, 23. Anton-Krieger-Gasse 25

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.05.2013)