Am Herd

Sexismus: Soll ich oder soll ich nicht darüber schreiben? Es geht doch nur um eine Disney-Prinzessin! Ich tue es trotzdem. Für meine beiden Töchter.

Es war einer von den schönen Kinderfilmen: Merida, die lieber mit Pfeil und Bogen durch die Wälder raste, als in engen Roben Brautwerber zu begrüßen, und die am Ende Seite an Seite mit ihrer Mutter gegen einen Bären kämpfte. So ein Wildfang! Ein wenig wie Marlene, unsere Jüngere: Die trägt Skater-Look, alles drei Nummern zu groß, spielt Minecraft und Fußball, und wenn ich sie bewundere, weil sie für die Jazz-Aufführung ein Kleid und eine Hochsteckfrisur trägt, ist ihr das peinlich. Merida war also eine Heldin ganz nach Marlenes Geschmack.

War. Denn Disney hat Merida offiziell in die Liste der Disney-Prinzessinnen aufgenommen, und dafür reicht es nicht, von königlichem Geblüt zu sein, man muss auch so aussehen. Also bekam Merida eine Rundumerneuerung verpasst: Statt Pfeil und Bogen – Glitzer und Schärpe. Statt wildem Rotschopf – eine Mähne wie frisch vom Lockenstab. Der Blick ist nicht mehr neugierig, sondern verführerisch, die Taille super-slim, der Ausschnitt gewagt. Diese Merida ist nicht mehr cool, sie ist sexy.

Ich habe mich schon oft geärgert: Über die Plakat-Schönen, die nebeneinander aufgereiht für Strumpfhosen werben und alle genau gleich geformte Pos und genau gleich lange Beine haben. Über Spots, in denen Mütter sich die Liebe ihrer Kinder mit Süßigkeiten erkaufen. Über Serien, in denen Frauen immer die gleiche Rolle spielen, nämlich die der vernünftigen Familienmanagerin. Aber meistens schreibe ich nichts darüber: Man will ja nicht als fade Feministin dastehen, und es sind ja eh nur Strumpfhosen, sind eh nur Plakate, ist eh nur ein Film.

Was in diesem Fall anders ist? Brenda Chapman, die Autorin des Films, hat sich zu Wort gemeldet und sich darüber aufgeregt, dass man ihre Geschichte verdreht, eine Geschichte, zu der sie ihre 13-jährige Tochter inspiriert hat.

Und das ist es: Für unsere Töchter sollten wir das tun – uns aufregen über blöde Werbespots, blöde Filme, blöde Schulbücher und all den anderen sexistischen Blödsinn.

Weil Sexismus Sexismus bleibt, auch wenn wir uns daran gewöhnt haben.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.05.2013)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.