Dichtung und die harte Realität: Zu Tisch bei Bosniern

(C) Festwochen/Damir-Žižic

Oliver Frljićs „Ich hasse die Wahrheit“ im Künstlerhaus: ein fantastisches Gastspiel aus Zagreb bei den Wiener Festwochen.

Eine bosnische Familie sitzt zu Tisch, immer wieder: Suppe mit Nockerln, Schnitzel mit Pommes, Salat. Man redet, streitet, versöhnt sich. Sladana und Dragan wie auch deren Tochter erinnern sich unter Anleitung des Sohnes Oliver an dessen Zeugung Mitte der Siebzigerjahre, an die Flucht vor dem Krieg Mitte der Neunzigerjahre, an Kroatien, den Hausbau, die Ehekrisen, die Benachteiligung der jüngeren Tochter und die künstlerischen Ambitionen des Sohnes.

Eine ganz gewöhnliche Geschichte also, aber was der bosnische Dramatiker Oliver Frljić (*1976) daraus in einem knapp einstündigen Spiel mit angeblich autobiografischen Zügen gemacht hat, ist außergewöhnlich: „Mrzim istinu! / Ich hasse die Wahrheit!“, das am Samstag bei den Wiener Festwochen im Brut Österreich-Premiere hatte (Kroatisch mit deutschen Übertiteln), ist seit der aufsehenerregenden Uraufführung vor zwei Jahren in Zagreb eine vom Publikum gestürmte Inszenierung.

Ivana Roščić, Rakan Rushaidat, Filip Križan und Iva Visković, im Rechteck vom Publikum umgeben, bieten hier eine äußerst gelungene postdramatische Situation, die das Ringen einer Familie der unteren Mittelschicht zeigt, vor dem Hintergrund des Zerfalls Jugoslawiens, des nationalistischen Wahns und allem, was danach folgte. Das auch nicht unproblematisch ist.

 

Ungewollte Schwangerschaften in Travnik

In einem fast realistischen Set mit Mittagstisch, Sofa, einer Tür zum Zuknallen, einem Radiorekorder, der alte Schlager spielt, durchbrechen sie immer wieder die Illusion, sprechen übers Schauspielen, lehnen sich gegen die Wünsche des Regisseurs auf, entwickeln Eigenleben. „Ich mache mich nicht lustig über euch, ich mache Theater!“, protestiert Oliver. Die Darsteller der Eltern, einer Krankenschwester und eines Schlossers aus Travnik, zieren sich vor der vom Sohn geforderten Szene („Schäm dich, Oliver!“), die zur ersten Schwangerschaft führt – ungewollt wie auch die zweite, bei der nur einer der Zwillinge, das Mädchen, überlebt.

Alles kommt hier raus, in Andeutungen und Gesten, in großen Gefühlsausbrüchen – das Verklemmte am Sex wie die Notlüge gegenüber dem Nächsten. „Konntest du nicht etwas Lustiges schreiben?“, wirft die Mutter einmal ihrem Sohn vor, den sie als Kind prügelte, um dann mit dessen Talent zu prahlen. Konnte er nicht, Mama! Er sucht bei all diesen Brechungen vor allem die Wahrheit.