Eine 48-jährige Pfadfinderführerin aus Cornwall, die eben auf Durchreise war, verwickelte die Angreifer kaltblütig in Gespräche, bis die Polizei kam.
Gerade war sie von einer Reise nach Frankreich zurückgekehrt, hatte ihre erwachsenen Kinder in London besucht und trat nun die Rückfahrt in ihre Heimat Cornwall an, als sie im Londoner Stadtteil Woolwich einen blutigen Körper auf der Straße liegen sah. Der Bus hielt, sie stieg aus, um Erste Hilfe zu leisten. Was folgte, machte Ingrid Loyau-Kennett (48) zur neuen britischen Heldin.
Die Pfadfinderführerin (für „Wölflinge“, also Acht- bis Zwölfjährige) ging zu dem Körper, dessen Kopf Passantinnen mit einer Jacke bedeckt hatten, fühlte den Puls. „Da war nichts mehr“, sagte sie später. „Dann kam ein schwarzer Kerl mit Küchenmesser, Fleischerbeil, Revolver und einer dunklen Mütze und sagte: ,Geh weg!‘ Da dachte ich: Okay, was ist hier los? Seine Hände waren voller Blut, und so fing ich an, mit ihm zu reden, bevor er andere angreifen würde. Er war weder betrunken noch auf Drogen, nur aufgebracht, aber er wusste, was er tat.“
„Ich bleibe hier und kämpfe!“
„Ich fragte, wieso er das getan habe. Er sagte, er habe den Mann getötet, weil dieser Soldat sei und in moslemischen Ländern Moslems getötet habe. ,Du stehst jetzt vielen gegenüber, und die Polizei kommt. Was willst du tun?‘“, habe sie gefragt. „Ich bleibe hier und kämpfe!“, so die Antwort.
Der Täter entfernte sich nun, worauf Loyau-Kennett ziemlich kaltblütig den zweiten Täter mit der hellen Jacke ansprach; er hielt ein Messer in der linken Hand. „Der war viel schüchterner. Ich sagte: ,Also, was ist eigentlich mit dir los? Willst du mir nicht das in deiner Hand geben?‘ Ich wollte nicht ,Waffe‘ sagen und dachte, besser er zielt damit auf eine Einzelperson wie mich als auf alle anderen.“
Die (eher einseitige) Plauderei währte noch einige Minuten. „Ich wollte sie beschäftigen.“ Als ihr Bus ganz langsam angefahren sei, habe ihr geschwant, dass die Polizei gleich da sein werde. Also verabschiedete sie sich und stieg ein. Die Frage, ob sie irgendetwas für sie tun könne, hätten die Männer verneint.
„Nach zehn Sekunden im Bus schrie jemand ,Runter! Runter!‘“,so Loyau Kennett. „Ich sah das erste Polizeiauto kommen. Die zwei Schwarzen rannten auf die Beamten los.“ Dann wurde geschossen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.05.2013)