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"In Wahrheit geht es nicht um den Zorn der Moslems"

Laut dem englischen Terrorexperten Ramsay kommen Attentäter meist nicht aus der Mitte der islamischen Gesellschaft.

Die Presse: Welche Hinweise gibt es, dass der brutale Mord in London ein Terrorakt war?

Gilbert Ramsay: Ich bin skeptisch, ob das Wort Terrorismus nützlich ist, solche Taten zu beschreiben. In der Vergangenheit hatten wir es mit Organisationen wie Hamas, IRA oder al-Qaida zu tun, die eine Ideologie und eine Struktur hatten. Heute verwenden wir den Begriff oft reflexhaft: Wenn jemand einen Mord begeht und dann „Allah akhbar“ schreit, ist es Terrorismus. Wenn jemand in Finnland eine Gruppe von Schulkindern ermordet, ist es die Gewalttat eines Verrückten.

Gerade weil Täter wie jene von London ohne Organisation zu agieren scheinen, spricht man von „einsamen Wölfen“.

Die Figur des „einsamen Wolfs“, der im Alleingang das angeblich dem Islam angetane Unheil rächt, ist dem Diskurs der al-Qaida nicht fremd. Aber wenn sie irgendwo Fuß fasste, dann in Gesellschaften, in denen Moslems eine Minderheit stellen und sich als Underdogs stilisieren können. Die Schwächung der Zentrale von al-Qaida hat sicherlich zu einem strategischen Schwenk zu Einzelattacken geführt, der sich an einem anhaltenden Gefühl der Unterdrückung des Islam zu nähren versucht.

Was genau sind die Triebkräfte dieses Jihad?

Dafür gibt es nicht ein einzelnes Motiv, sondern eine ganze Reihe von Gründen von Afghanistan bis Irak. In Wahrheit geht es aber nicht um den Zorn der Moslems. Unsere Forschung zeigt, dass die Terrorattentäter üblicherweise nicht aus der Mitte der islamischen Gesellschaft kommen, sondern oft Neuankömmlinge und Konvertiten ohne festere und längere Bindungen sind, die sich Beschwerden der Moslems zu eigen machen. Daher ist es gefährlich, wenn Medien und Politik die Stereotypen perpetuieren und ein selbsterhaltendes System entsteht, in dem sich Vorurteile gegenseitig bekräftigen.

Wie gefährlich sind solche „Terroristen im Selbstlehrgang“?

Schwer zu sagen. Generell zeigen alle Untersuchungen, dass die gefährlichsten Attentäter jene sind, die eine Terrorausbildung hatten. Diese Menschen sind es aber auch, über die wir am meisten wissen. Sie reisen, sie sind in Kontakt mit anderen, sie interagieren mit ihrer Organisation. Der „Terrorist im Selbstlehrgang“, der sich im Internet radikalisiert und zum Täter schult, um eine Massengewalttat zu verüben, stellt eine Gefahr dar, aber er bleibt höchst ungewöhnlich. Solche Menschen machen meistens Fehler, und sie haben Probleme mit jeder Art der sozialen Interaktion.

Kann beides nicht nebeneinander bestehen?

Im Grunde sehen wir heute zwei Ausformungen des Jihad: Eine Richtung ist die Bestrafung der Ungläubigen. Dafür stehen Terroristen bereit, die weltweit zuschlagen können. Das kann in Boston ebenso geschehen wie in London. Die zweite ist der Kampf um ein fiktives Heimatland, eine imaginierte Moslemgesellschaft außerhalb der bestehenden Weltordnung, der nicht notwendigerweise mit Gewalt geführt wird.

Drohen Großbritannien mit dem Champions-League-Finale am Samstag und dem G8-Gipfel im Juni weitere Anschläge wie in Woolwich?

Ich halte das für unwahrscheinlich, dafür bedarf es jemandes mit mehr Fähigkeiten und Organisation, als mit Messer und Hackbeil auf einen Einzelnen loszugehen.

Ist al-Qaida immer noch die maßgebende Kraft im islamischen Terror?

Al-Qaida lebt und ist aktiv. Sie brauchen nur nach Syrien schauen oder nach Somalia. Es wäre schön, wenn wir die Organisation abschreiben könnten. Doch auch wenn sie personell und organisatorisch geschwächt ist, bleibt sie ideologisch einflussreich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.05.2013)