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Deutschland: Zu gut für Europa?

EURO 2008 - Public Viewing in Hamburg
Deutsche FahneAPA
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FC-Bayern-Vorstand Rummenigge gab vor dem Champions-League-Finale die Parole „Demut“ aus. Die Deutschen sind sich ihrer heiklen Dominanz in Politik, Wirtschaft – und Sport – bewusst.

Wir gegen uns“ heißt es am Samstagabend für die Deutschen. Der Spruch kam ihnen früher nur mit bitterer Ironie über die Lippen, wenn BRD und DDR im Fußball gegeneinander antraten. Heute steckt Stolz dahinter: Zum ersten Mal haben es zwei deutsche Mannschaften ins Finale der Champions League geschafft. Im Londoner Wembley-Stadion kämpfen der FC Bayern und Borussia Dortmund um den europäischen Pokal, nachdem sie den FC Barcelona und Real Madrid aus dem Bewerb geschossen haben. Und die Europäer müssen sich daran gewöhnen, dass die Deutschen nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch im Klubfußball den Ton angeben.

Die Sphären sind sich gar nicht so fern. 2005 stand Borussia kurz vor der Insolvenz, und Deutschland hatte über fünf Millionen Arbeitslose. Heute steht der Verein finanziell sauber da, und der „kranke Mann Europas“ ist wieder unumstrittene Führungsmacht. DAX-Konzerne wie VW, Daimler oder Bayer können sich generöses Sponsoring locker leisten.

Volle Kriegskassa

Der FC Bayern hat seit jeher eine solide Haushaltsführung, die Kriegskassa ist voll. Anders bei den verschuldeten spanischen Gegnern. Wer weiß, ob ihre Stars nicht bald nach Deutschland gehen. Eine Dynamik droht, die den Starken stärker macht, während die Schwachen ausbluten – wie in der Wirtschaft. Niemandem bereitet die neue Hegemonie mehr Unbehagen als den Deutschen selbst. Stets waren sie bemüht, die Schuld zweier Weltkriege vergessen zu machen. Der Tonfall hat sich seit der Wende kaum geändert. Nur einmal freute sich Volker Kauder, dass Europa nun „Deutsch spricht“. Doch der Unions-Fraktionschef wirkt nach innen. Kanzlerin Merkel, Finanzminister Schäuble und Außenminister Westerwelle vertreten ihr Land nach außen meist dezent diplomatisch. Und sie schließen Kompromisse. Schon Kanzler Kohl verzichtete bei der Euro-Einführung auf eine politische Union. Die ordnungspolitische Ersatzregel, die eine gemeinsame Haftung für einen Staat in Zahlungsnot verbietet, hat Merkel aufgegeben. Die wesentlichen Maßnahmen gegen die Eurokrise kommen heute von der Europäischen Zentralbank, in der die Deutschen mit nur zwei von 23Stimmen vertreten sind. Bundesbank-Chef Jens Weidmann ist dort wegen seiner „Orthodoxie“, sprich Regeltreue, fast isoliert. Die Deutschen schultern das größte Risiko bei den Hilfsprogrammen. Dennoch sind sie, anders als die Franzosen, mittlerweile mehrheitlich dafür und sogar bereit, Kompetenzen nach Brüssel abzugeben – als Einzige, laut Umfrage des Pew-Instituts, von acht EU-Staaten.

Die neue eurokritische Partei halten sie für keine „Alternative für Deutschland“: Sie liegt in Umfragen klar unter der Fünf-Prozent-Hürde. Die Forderung an Krisenstaaten, zu sparen und Strukturreformen anzugehen, kommt auch von Brüssel und EZB und wird von allen nördlichen Eurostaaten geteilt. Dass Merkel trotzdem als Sündenbock dient, vermiest den Deutschen nicht den Urlaub in Italien und Griechenland.

Die neuen „sanften“ Jungs

Ähnlich steht es um andere Vorwürfe. „Spardoktrin“? Die Deutschen haben ihre Ausgaben kaum eingeschränkt, ihre Defizite sinken wegen üppig sprudelnder Einnahmen. „Zu wettbewerbsfähig, auf Kosten der anderen?“: Die Lohnzurückhaltung ist großzügigen Tarifabschlüssen gewichen, die Kaufkraft und Binnenkonsum stärken – wie von den Kritikern gewünscht. Was sich die Deutschen leisten können, leisten sie sich auch.

Nicht einmal im Sport schaffen sie es mehr, unsympathisch zu wirken. Bayern-Vorstand Rummenigge gibt die Parole „Demut“ aus. Die Generation der Machospieler von Lothar Matthäus bis Oliver Kahn wich netten, sanften Jungs wie Philipp „Fipsi“ Lahm, Bastian Schweinsteiger oder Marco Reus. Merkel will am Samstag für keine der beiden Mannschaften Daumen drücken. So ist sie eben, ein wenig unentschlossen. Und sehr deutsch: Nur keine Feinde machen, denn diese hat man sowieso.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.05.2013)