Die Arbeitslosigkeit unter den Jugendlichen in der EU ist so hoch wie nie zuvor – und doch vereint sie der Glaube an das gemeinsame europäische Projekt, das von Geburt an offenkundiger Teil ihres Lebens war.
Wien. Es ist ein widersprüchliches Bild, das sich bei Betrachtung von Europas Jugend im ersten Moment offenbart: Mutlosigkeit und wenig Hoffnung auf eine bessere Zukunft charakterisieren diese Bevölkerungsgruppe ebenso wie das bedingungslose Bekenntnis zum europäischen Projekt, das von Geburt an Teil ihres Lebens war. Die Einstellung zur Europäischen Union ist nirgendwo so positiv wie bei den Jungen. Mehr als zwei Drittel der 14- bis 22-jährigen Österreicher glauben, dass die EU ihnen zahlreiche Chancen bietet. Dies zeigt eine Umfrage der Gesellschaft für Europapolitik (ÖGfE).
Angesichts steigender Jugendarbeitslosigkeit und der damit verbundenen Zukunftsängste auch in den von der Krise weniger betroffenen EU-Staaten muten solche Ergebnisse paradox an. In den Straßen von Madrid und Athen, wo sich die Finanzkrise mit aller Wucht Bahn gebrochen hat und über 50 Prozent der Jungen auf Jobsuche sind, lösten die von der Troika verordneten Sparmaßnahmen massive Proteste aus. Doch selbst in Griechenland, Spanien und Portugal hat sich bei vielen unter 30-Jährigen die Überzeugung durchgesetzt, dass Europa nur mit vereinten Kräften gestärkt aus der schweren Krise hervorgehen kann.
Während Ältere eine besorgniserregende Situation eher dazu veranlasst, in historischen Alternativen zu denken – der Ruf nach einer Rückkehr zum Nationalismus wurde in den vergangenen Jahren wieder laut –, suchen Junge in jenem System nach Lösungen, in dem sie groß geworden sind – und das sich mit ihnen ständig weiterentwickelt. Sie sträuben sich nicht gegen den Wandel, wenngleich Eltern und Großeltern stets die „guten alten Zeiten“ bemühen. Tatsächlich hatten Angehörige der letzten Generationen meist keine Not, einen Arbeitsplatz zu finden. Dabei waren sie oft lange nicht so gut ausgebildet wie heute ihre Kinder und Enkelkinder, von denen Hunderttausende trotz Universitätsabschluss auf der Straße stehen. Insgesamt sind EU-weit 5,7Millionen Menschen im Alter von 15 bis 24 Jahren arbeitslos.
„Dies ist die erste Generation in der Geschichte der Menschheit, der es schlechter geht als der vorhergehenden“, heißt es. Berichte über Demonstrationen wütender Jugendlicher beherrschen die Medienwelt quer über den Kontinent. 35-Jährige ziehen wieder bei ihren Eltern ein, weil sie sich ein Leben allein nicht leisten können. Die EU-Kommission versucht gegenzusteuern: Sechs Milliarden Euro aus europäischen Töpfen sollen künftig in Praktika, Arbeit und Ausbildung investiert werden. Mit der sogenannten Jugendgarantie verpflichten sich die EU-Länder, Männern und Frauen unter 25 Jahren innerhalb von vier Monaten einen Arbeitsplatz, eine Praktikumsstelle oder eine andere Weiterbildungsform zu garantieren. Die entsprechenden Mittel sollen, verspricht Sozialkommissar László Andor, sofort nach Inkrafttreten des neuen Haushaltsrahmens der Jahre 2014–2020 zur Verfügung stehen. In den Ohren vieler Jugendlicher vor allem in den südeuropäischen Krisenstaaten mag das Vorhaben wie ein frommer Wunsch klingen – zumal ein Budget von sechs Milliarden Euro die hohe Jugendarbeitslosigkeit kaum in befriedigendem Maße eindämmen wird.
Privileg: Freiheit zur Mobilität
Als weitgehend erfolgreich hat sich indes das europaweite Online-Jobportal Eures erwiesen, das auf den Ausgleich unterschiedlicher Arbeitslosenraten in den Mitgliedstaaten abzielt. Es ist das Privileg der Jugend von heute, das anderen Generationen nicht vergönnt war: die Freiheit, ohne großen Aufhebens an einem anderen Ort zu studieren, zu arbeiten und zu leben. Dies bringt nicht nur zahlreiche Vorteile wie Sprachenvielfalt und das Verstehen anderer Kulturen mit sich. Wer einmal im Ausland gelebt hat – und sei es auch nur für einige Monate –, wird die Dinge nie mehr nur aus einem Blickwinkel, sondern stets aus verschiedenen Perspektiven betrachten. Zahlreiche EU-Programme unterstützen Jugendliche auf ihrem Weg in die Ferne. Das weitaus bekannteste – Erasmus – ist ein Erfolgsmodell: Vor 26 Jahren mit einer Teilnehmerzahl von 3244 Studenten ins Leben gerufen, absolvieren heute über 250.000 junge Menschen jährlich ein Semester an einer Universität im europäischen Ausland oder ein Auslandspraktikum in einem Unternehmen. Allein in Österreich sind es jedes Jahr 5000 Studenten, die das Angebot, an einer der 4000 Erasmus-Partneruniversitäten zu studieren, nützen. Andere Programme wie „Jugend in Aktion“ forcieren die Zusammenarbeit Jugendlicher aus verschiedenen Mitgliedstaaten bei Projektarbeiten zu einem gesellschaftspolitisch brisanten Thema.
Integrationsschritte miterlebt
Junge Franzosen, Niederländer oder Spanier betrachten die Welt heute nicht mehr aus der Sicht einzelner Nationalstaaten. Sie sind „geborene Europäer“ – im Gegensatz zu ihren Vorfahren, die den europäischen Gedanken erst erlernen mussten. Die Jugend von heute ist somit die erste Generation, die das Projekt Europäische Union als positive Errungenschaft begreift und erlebt: Auf ihrem Weg zum Erwachsenwerden haben Österreicher, die im Jahr des EU-Beitritts, 1995, geboren wurden, viele Integrationsschritte wie die Teilnahme am grenzfreien Schengen-Raum, die Wirtschafts- und Währungsunion, die Ost-Erweiterungen und den Lissabon-Vertrag miterlebt. Ein Europa ohne Europäische Union ist für sie nicht vorstellbar.
Umso mehr liegt es nun an der Politik, die positive Einstellung der jungen Generation nicht zu enttäuschen. Die Krise hat gezeigt, dass sie als schwächster, aber besonders wichtiger Teil der Gesellschaft auf ein Europa angewiesen ist, das sie durch – demokratisch legitimiertes – gemeinsames Handeln auf wirtschaftlicher und politischer, aber auch auf sozialer Ebene besser vor künftigen Missständen schützen kann.
Auf einen Blick
Die Jugend Europas wird aufgrund der hohen Arbeitslosenzahlen mitunter als „verlorene Generation“ bezeichnet. In Ländern wie Spanien oder Griechenland sind mehr als die Hälfte aller unter 25-Jährigen ohne Job. Die europäische Jugendgarantie– aus EU-Töpfen in Höhe von sechs Mrd. Euro gespeist – soll Abhilfe schaffen. Doch obwohl Frust und Zukunftsängste herrschen, sind die Jungen immer noch jene Bevölkerungsgruppe mit der positivsten Einstellung zur EU.
Die europäische Gemeinschaft war von Geburt an Teil ihres Lebens. Und gerade wegen der aktuellen Missstände durch die Finanz- und Wirtschaftskrise streben sie nun auch nach ihrer Vervollständigung.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.05.2013)