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Mehr registrierte Prostituierte in Wien als je zuvor

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Fast 3300 Frauen sind bereits als Sexarbeiterinnen offiziell angemeldet. Sogenannte Laufhäuser sind im Aufwind. Derzeit gibt es in Wien 185 polizeilich bewilligte Prostitutionslokale.

Wien. Noch nie zuvor waren in Wien so viele Prostituierte offiziell registriert: 3278 Frauen und 76 Männer sind es aktuell. Tendenz steigend. Zum Vergleich: Mit Ende des Vorjahres wurden 2913 Frauen und 67 Männer gezählt – 2011 noch deutlich weniger Frauen, nämlich 2431 (92 Männer). Warum diese Zuwächse? Hauptursache für immer mehr offizielle Registrierungen ist wohl das neue, seit eineinhalb Jahren geltende Wiener Prostitutionsgesetz (WPG, Inkrafttreten: November 2011).

Dieses verbannt die Straßenprostitution aus dem städtischen Wohngebiet. Nur noch Flächen, die als Grünland oder Industrie-/Gewerbezone gewidmet sind, dürfen genutzt werden. Der Effekt: Frauen, die nicht in hoffnungslos entlegenen Gebieten – ohne Infrastruktur – stehen wollen, übersiedeln in Lokale. Das ist ganz im Sinne des Gesetzgebers.

 

Der Boom der Laufhäuser

Sogenannte Laufhäuser (Frauen können dort für ca. 400 Euro die Woche Zimmer anmieten, um Kunden zu empfangen) sind im Aufwind. Hier schließt sich der Kreis zu den Registrierungen: Wer in einem klar ausgewiesenen Rotlichtlokal arbeitet, sich also (manchmal buchstäblich) in der Auslage präsentiert, ist leicht zu kontrollieren – und daher gut beraten, sich gleich „freiwillig“ anzumelden.

Derzeit gibt es in Wien 185 polizeilich bewilligte Prostitutionslokale. Bei 101 läuft gerade ein Bewilligungsverfahren. 330 bis 350 genehmigte Lokale soll es hochgerechnet bis Jahresende geben. Vor der Gesetzesnovelle gab es jedoch laut Schätzung der Polizei um die 400 Rotlichtlokale „mit Straßenzugang“, wie es früher hieß. Das scheint paradox: Früher gab es mehr Lokale – und doch waren weniger Frauen offiziell registriert. Dieser scheinbare Widerspruch ist aufzulösen: Die Rotlichtlokale von heute müssen viel strengere Auflagen erfüllen. Es wird mehr auf Hygiene geachtet, es muss Rückzugsbereiche für die Frauen geben etc. Betreiber, die hier nicht mitkommen, müssen zusperren. Oder sie tauchen mit „erfinderischen“ Lokalkonstruktionen in die Illegalität ab.

Neue Schlupflöcher tun sich auf, andere sind verschlossen: Vor der WPG-Novelle war die (Lokal-)Szene verzweigter. Unübersichtlicher. So bestand in den Augen etlicher Frauen kein unbedingter Zwang, sich offiziell als Prostituierte anzumelden. Zudem galten bestimmte Lokaltypen (etwa ganz gewisse „Massagesalons“) noch nicht als Prostitutionslokale, weshalb auch keine Notwendigkeit gesehen wurde, den Behörden die Karten auf den Tisch zu legen. Fazit: Ein Teil der „Inoffiziellen“ von früher ist mittlerweile also angemeldet. Aber nur ein Teil. Etliche Frauen, die ihre angestammten Lokale verloren haben, weil die Betreiber die strengen Auflagen (verbunden mit teuren Investitionen) nicht erfüllen können oder wollen, sind hingegen ebenfalls in die Illegalität abgetaucht. Laut Schätzungen gibt es in Wien derzeit insgesamt mindestens 6000 Frauen, die zumindest gelegentlich der Prostitution nachgehen; also etwa doppelt so viele, wie offiziell registriert sind.

Noch eine Novität hat das Prostitutionsgesetz gebracht: Freier, die Sexarbeiterinnen in verbotenen Zonen (Wohngebieten) ansprechen, können nunmehr – so wie die Frauen selbst – mit Verwaltungsstrafen (Geldbußen) belegt werden. Im ersten Quartal 2013 wurden insgesamt 2191 Verstöße gegen das WPG gezählt.

Mehr als die Hälfte (1150) der Strafen wurde wegen „Nichtbeachten des Wohngebietes“ verhängt. Bei diesem Tatbestand gebe es derzeit weit mehr Anzeigen als früher, bestätigt Wolfgang Langer von der Landespolizeidirektion Wien/Meldestelle für Prostitutionsangelegenheiten. Wie fällt nun die politische Bilanz zum neuen Gesetz, einem Produkt der rot-grünen Rathauskoalition, aus? „Das Gesetz hat geschafft, was es sich zum Ziel gesetzt hat“, teilt das Büro der SP-Frauenstadträtin Sandra Frauenberger durchaus zufrieden mit.

Frauenberger selbst meint: „Die Wohngebiete wurden entlastet. Das neue Gesetz hat für rechtliche Klarheit für alle Beteiligten gesorgt.“ Und weiter: „Im Zentrum aller Überlegungen muss die Sicherheit der Frauen stehen. Es geht darum, Rahmenbedingungen zu schaffen, wie Frauen sicher und selbstbestimmt in dieser Stadt leben können.“ Auch „beratende“ Streetworker würden eingesetzt.

Jedoch ging es in den zuletzt heftig geführten Debatten nicht nur um die Sicherheit der Frauen. Erboste Straßenstrich-Anrainer, etwa in der Felberstraße im 15. Bezirk, die sich gestört fühlten, hatten die Politik durch fortgesetzte Proteste unter Druck gesetzt. Und auch die Rotlichtszene selbst scheint vom Argument „mehr Sicherheit“ keineswegs überzeugt zu sein.

Der aktuelle Stand der Dinge wird mitunter gar als „Katastrophe“ gesehen. So unverblümt sagt es Christian Knappik vom Sexarbeiterinnen-Internetforum „sexworker.at“. Und: „Die Situation ist schlimmer als zuvor.“ Der Straßenstrich sei angesichts des Wohngebietsverbots für viele Sexarbeiterinnen keine Option mehr. Dieser findet derzeit legal noch in der Perspektivstraße (2. Bezirk), in der Brunnerstraße (23.) und im Bereich Auhof (14.) statt. Illegal rund um einen Abschnitt der Hütteldorfer Straße (15.) und im Stuwerviertel (2.).

Doch auch die Situation „indoor“ sei angespannt. Es gebe zu wenige Lokale. Potenzielle Betreiber hätten in der Praxis mit „absurden Auflagen“ zu kämpfen. Knappik: „Eine Betreiberin sollte zum Beispiel einen Esstisch statt ihres Couchtischs kaufen.“ Die Konsequenz: Prostitution suche sich neue Wege. Dass mittlerweile in Kaufhaus-WC-Anlagen heimlich dem Gewerbe nachgegangen werde, sei keine Seltenheit mehr.

Luise, 38 Jahre alt, seit 15 Jahren „im Geschäft“, vor dem Inkrafttreten der WPG-Novelle auf der Linzer Straße (15.) aktiv, beklagt einen Preisverfall, da durch eine „Zusammenballung“ der Prostitution nun die direkte Konkurrenz stärker spürbar sei. Und auch jene zuletzt nur noch selten gesehenen „Aufpasser“ würden wieder auf den Plan treten. Zum Beispiel beim Auhof. 50Euro „Standgebühr“ pro Tag werde den Frauen dort bereits abverlangt – von bekanntlich eher weniger zimperlichen Männern.

 

Bordell als „Altersvorsorge“

Apropos Aufpasser: Wer zieht im Rotlichtmilieu eigentlich die Fäden? Mussten die alten Wiener Rotlichtkönige tatsächlich Ost-Mafia-Gruppen – etwa „den Russen“ – das Feld überlassen? Das ist eine „Urban Legend“, sagt Wolfgang Langer von der Bundespolizeidirektion. „Wir kennen praktisch alle Lokalbetreiber.“ Da gebe es Unternehmer, die sich ein gutes Geschäft erhoffen, oder zum Beispiel einen Pensionisten, der „fünf, sechs“ kleine Lokale „zur Altersvorsorge“ betreibe. Es gebe viele kleine „Familienbetriebe“ oder jene, die von Ex-Prostituierten geführt werden. Die Szene sei weder an bestimmten Figuren noch an bestimmten Nationalitäten festzumachen. Langer: „Viele Betreiber sind einfach Geschäftsleute. Auch Rechtsanwälte sind dabei.“

Und Luise? Sie hat wegen der neuen Regeln die Bundeshauptstadt verlassen. „In den Wiener Laufhäusern hätte ich überhaupt keine Chance. Die Konkurrenz ist viel zu groß.“ Und jetzt? „Ich arbeite jetzt in Innsbruck.“ Sagt Luise.

Auf einen Blick

Prostitution in Wien. Seit dem Inkrafttreten der Novelle zum Wiener Prostitutionsgesetz, also seit eineinhalb Jahren, ist in Wien die Zahl der offiziell registrierten Sexarbeiterinnen deutlich angestiegen. Die beabsichtigte Verlagerung der Prostitution von der Straße in Rotlichtlokale findet zwar statt, sorgt in der Praxis aber für Probleme. So wurde etwa der „Presse“ bestätigt, dass Frauen im Bereich Auhof (14.Bezirk) von „Aufpassern“ gezwungen werden, „Standgebühren“ zu entrichten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.05.2013)