Wenn Grünraum in Stimmung kommt

Gute Nachrichten für unzufriedene Gartenbesitzer: Selbst aus kleinen Flächen lässt sich ein grünes Kleinod kreieren. Bei der stilsicheren Umsetzung helfen Experten.

In Zeiten großer Unübersichtlichkeit wenden die Menschen den Blick gern nach innen – oder dem eigenen Garten zu. Der Garten als privates Rückzugsrefugium, als geschützter, einzig dem Wechsel der Jahreszeiten unterworfener Ort, hat eine lange Tradition, und gerade eben erlebt er eine überwältigende Renaissance. „Es genügt ein Blick in die Regale der Buchhandlungen, um eine Ahnung davon zu bekommen, welcher Stellenwert dem eigenen Grünraum derzeit beigemessen wird“, sagt Alexandra Dallinger, Geschäftsführerin von Freiraum* Gartenarchitektur.

 

Ideal und Wirklichkeit

Wer jedoch glaubt, die Explosion der Gartenliteratur sei einzig der Ausdruck eines neuen, grünen Biedermeiers, der liegt falsch. Denn tatsächlich reflektieren sich in den Verkaufszahlen oft die Ahnungslosigkeit und die Komplexe, mit denen viele Neo-Gartenbesitzer zu kämpfen haben, wie eine deutsche Studie vor ein paar Jahren festgestellt hat. Lediglich 30 Prozent sind mit ihrem Garten „sehr zufrieden“, haben die Marktforscher herausgefunden, die übrigen 70 Prozent hingegen konstatierten eine große Lücke zwischen Idealvorstellung und Realität. Und: Je höher das Einkommen, desto größer die gestalterische Unsicherheit. Es sind vor allem Letztere, die schließlich bei professionellen Gartengestaltern wie Freiraum* landen, „Kunden, die mit ihrem Garten unglücklich sind und vage Wunschvorstellungen mitbringen, die sie aus Gartenbüchern oder aus Beobachtungen auf Reisen bezogen haben“, erzählt Dallinger. Das wahre Ausmaß des Unglücks zeige sich dann meist beim Lokalaugenschein, „oft ein wilder Stilmix, der in schreiendem Kontrast zur Architektur des Hauses steht“.

Ähnliches hat Gertraud Monsberger von Monsberger Gartenarchitektur beobachtet – „Menschen, die sich bei der Planung des Hauses penibel mit jedem Detail beschäftigt und darob den Garten aus dem Blick verloren haben“. Idealerweise sollte die Gartenanlage bereits mit dem Haus mitgeplant werden, empfiehlt sie, etwas, das in der Realität aber eher selten der Fall ist. „In der Regel kommt man als Gartenarchitekt erst einige Jahre nach Fertigstellung des Hauses zum Einsatz. Wenn dann wesentliche Umgestaltungen vorgenommen werden müssen, kommt das meist wesentlich teurer als bei frühzeitiger Planung“, warnt die Expertin.

Zu den Verfechtern besonders strenger ästhetischer Maßstäbe bei der Gartengestaltung gehört Wolfgang Schmid von Living Garden. Wie Monsberger betont er die Notwendigkeit einer architektonischen Symbiose des Gartens mit dem Haus, geht aber gleichzeitig darüber hinaus: Auch das Innere des Hauses müsse sich stilistisch im Äußeren fortsetzen, betont der Gartendesigner mit Verweis auf die großen Glasfronten moderner Architektenhäuser, die den Außenbereich blickfeldmäßig ins Innere holen. „Daher versteht es sich von selbst, dass beispielsweise der Bodenbelag des Wohnzimmers im Garten seine Fortsetzung finden sollte.“ Zu berücksichtigen seien darüber hinaus Lebensstil und Charakter des Besitzers, betont Schmid: „Ruhigere Typen haben andere Vorlieben und Gewohnheiten als aktivere“, so seine Begründung.

 

Stimmung durch Funktion

Zuallererst müsse man sich allerdings auf eine Funktion festlegen: Soll der Garten der Abgrenzung zu den Nachbarn oder als Sommerküche dienen? Sollen die Pflanzen im Vordergrund stehen oder von den Kindern als Spielwiese genutzt werden? „Versucht man drei, vier Funktionen gleichzeitig zu verwirklichen, geht die Stimmung unweigerlich verloren“, warnt der Fachmann. Bei den Materialien hingegen hat man mehr Möglichkeiten. Beliebt sind etwa hochwertige naturbelassene Bodenplatten, erzählt Schmid, moderne Architektur könne aber auch mit einer Betonbeplattung in den Garten mitgenommen werden: „Zäune aus Sichtbetonplatten etwa sind sehr schön.“ Eine gewisse Variationsbreite hat man auch bei der Bepflanzung, ergänzt Monsberger. „Während noch vor zehn Jahren vor allem reduzierte Heckenkörper und reduzierte Pflanzenarten in Grüntönen en vogue waren, darf es heute auch schon einmal etwas üppiger und farbiger sein. Dafür eignen sich etwa Wildgehölze wie die Felsenbirne aber auch Solitärpflanzen, die nach Gewürzen duften.“

 

Alle wollen Wasser

Zu den Gartenelementen, auf die nahezu niemand verzichten will, gehört Wasser. „90 Prozent der Auftraggeber stellen sich zumindest einen Quellstein oder ein kleines Biotop vor, im Idealfall wird es ein Schwimmteich oder Pool“, berichtet Monsberger. Solche Wünsche stellen Gartendesigner zuweilen aber vor ernste Herausforderungen. Dallinger berichtet etwa von einem Bauherrn, der unbedingt einen Wasserspeier mit dazugehöriger Wasserfläche in seinem neuen Garten unterbringen wollte. Nur dafür fehlte eigentlich der Platz. „Wir haben das dann so gelöst, dass wir über der Wasserfläche einen Gitterrost angebracht haben, den man hochheben kann wie eine Zugbrücke.“ Das Beispiel zeige, betont Dallinger, dass es bei der Gartengestaltung weniger auf die Größe der verfügbaren Fläche als vielmehr auf die stimmige Umsetzung des Konzeptes ankomme.

 

(K)Eine Frage der Größe

Letztlich kann die Expertin dann aber doch ihre Vorliebe für größere Anlagen nicht verhehlen. Denn nur dort vermag sich eine Gartendesignerin so richtig auszutoben, zumal wenn sie dabei auch noch auf fachlich affine Kollegen stößt. Ihr spektakulärstes Projekt, so erzählt sie, habe sie bei einem ausgebauten Bauernhaus in Oberösterreich verwirklichen dürfen, in dem sich ein vermögendes Architektenpaar eingerichtet hatte. „Da war alles dabei, was sich das Herz wünscht: händisch geschichtete Natursteinmauern, Terrassierung, Sitzplätze auf verschiedenen Ebenen, Naturteich und Naturpool, Skulpturen- und Gemüsegarten und Ruheplätze, die von Schirmplatanen beschattet wurden.“

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