Das siebte Flittchen

Welch literarischer Mehrwert rauskommen kann, wenn man den alten Beziehungsroman auf links dreht und mit Elementen des sozialkritischen Romans aufpeppt, zeigt Isabella Straub in ihrem Debüt „Südbalkon“. Vorsicht: lustig!

Die Beziehungskiste. Ein gern verwendetes Utensil des Unterhaltungsromans. Man kann sie mit Blümchen und Herzchen verzieren wie weiland Hedwig Courths-Mahler, man kann ihr eine an die elektronische Kommunikation angeglichene Sprache verpassen wie Daniel Glattauer, oder man kann sie dazu verwenden, um Dinge hineinzupacken, die das einschlägige Publikum nicht unbedingt darin sucht. Letzteres macht Isabella Straub in ihrem Debütroman „Südbalkon“.

Beim Öffnen der Kiste reckt sich der Leserin erst einmal ein einschlägiger männlicher Körperteil entgegen. Etwas weniger deftig und explizit als Robert Menasses Roman „Don Juan de la Mancha“, aber ebenso unromantisch beginnt auch „Südbalkon“ mit einer Sexszene: Der Gewinn des Spiels „Wo ich niemals sterben möchte“ ist ein Blowjob, den Ruth Raoul macht. Damit schreckt Isabella Straub jene Leserinnen, die sich bunte Bändchen, vergilbte Fotos, altes Blechspielzeug und Ähnliches in der Kiste erwarten, gleich einmal ab. Schließlich will die 1968 in Wien geborene Autorin von Beginn weg klarmachen, dass „nichts hier hält, was es verspricht“. Deshalb sind die Zwillingsbademäntel nicht flauschig, auch wenn sie so aussehen, die Wandhaken nicht stabil, obwohl sie sich diesen Anschein geben, und das Shampoo nicht exklusiv, auch wenn das draufsteht. Die Wirklichkeit von Ruth und Raoul ist eben nicht so wie in den Bühnenwerken Franz von Suppés beschrieben, sondern: 56Quadratmeter im zwölften Stock des Bruno-Kreisky-Hochhauses, Laminat, Raufasertapete, immerhin Westbalkon.

An dieser Stelle könnte die p.t. Leserin versucht sein, die Kiste wieder zuzuschlagen. Damit würde sie sich allerdings des Vergnügens berauben, einigen Dingen zu begegnen, die es vielleicht wert wären, entdeckt zu werden: etwa Beschreibungen von Gesprächen in der „Gesellschaft für Wiedereingliederung“. So nennt Ruth eine Art privates Arbeitsamt für arbeitslose Frauen, die älter als 35 und kinderlos sind, „ihren gesellschaftlichen Auftrag also in dreifacher Hinsicht verfehlt haben“. Ruth Barbara, wie sie der Herr Othmar, ihr Gesprächspartner in ebendieser Gesellschaft nennt, hat bloß ein abgebrochenes Medizinstudium sowie ein Langzeitpraktikum in einer Todesanzeigenredaktion als Eingliederungsbemühungen vorzuweisen.

Dementsprechend muss sie genau aufpassen, was sie sagt, um tunlichst zu vermeiden, „aus dem Wiedereingliederungsprogramm heraus und in das Selbstständigentraining hinein“ katapultiert zu werden, „denn dort wird man dem freien Markt zum Fraß vorgeworfen“. Dort, „im Sibirien der Ökonomie“, landen die vielen Ich-AGs, von denen man nie wieder etwas hört. Und Raoul, der so gern „das siebte Flittchen“ spielt, sagt doch immer, dass sie „ein zweites Einkommen benötigen“, ganz so, als hätten sie bereits eines, mit dem auszukommen wäre. Das ist mit dem, was er bei seinen Internetprojekten lukriert, keineswegs der Fall. Die beiden sind deshalb auf die Unterstützung der Gesellschaft angewiesen.

Der Alltag einer durchschnittlich alten, durchschnittlich ausgebildeten und durchschnittlich begabten Frau ist es also, was Isabella Straub in „Südbalkon“ beschreibt. Hätte sie das im appellativen Stil des sozialkritischen Romans der 1970er-Jahre getan, sie wäre literarisch damit ebenso gescheitert wie Ruth beruflich. Aber die ehemalige Journalistin und heute als Allroundtexterin in Klagenfurt lebende Autorin hat geschickt die alte Kiste des Beziehungsromans mit modernen gesellschaftskritischen Gegenständen ausstaffiert, zu einem skurrilen Setting drapiert und auf dem Südbalkon ausgestellt. Dort funkelt sie jetzt in völlig neuem Licht.

Eine ganze Weile waren die Auswirkungen der Wirtschaftspolitik auf den Alltag ganz durchschnittlicher Menschen literarisch kein Thema (mehr). Plötzlich taucht der sozialkritische Roman – von Frauenhänden runderneuert – wieder auf. Im Herbst des Vorjahres erschien Anna Weidenholzers erstaunliches Debüt „Der Winter tut den Fischen gut“, in dem der Lebens- und Leidensweg einer arbeitslosen Textilverkäuferin unpathetisch, ja sogar mit Humor und in eindringlichen Bildern beschrieben wird. Überraschenderweise wurde der Roman sogar für den Leipziger Buchpreis nominiert. Und nun folgt Isabella Straubs „Südbalkon“, in dem auch mit viel Ironie geschildert wird, dass das gemeine Leben kein Wellnessklub ist.

Was das Leben hingegen zu bieten hat: „ein ständiges Pendeln zwischen Überdruss und Unterversorgung“. Und zwar bei so gut wie allem. Klug wählt Isabella Straub deshalb eine „Magenbuch-Klinik“ als Symbol für eine Gesellschaft, die alle mit ihrer scheinheiligen Aura, „die krank macht, nicht gesund“, verbiegt. Dorthin wird Raoul nämlich eingeliefert, nachdem er zu Hause zusammengebrochen ist. Um ihm eine Freude zu machen, taucht Ruth im Spital als „das siebte Flittchen“ auf, stark geschminkt mit Wimperntusche, Kajal und einem Lippenkonturenstift. Bei diesem Spiel ist es ihre Aufgabe, sechs Fantasiehuren auszustechen, die ebenfalls auf Raoul als Freier warten. Ein Spiel wie das Leben, in dem eben nichts hält, was es verspricht. Solcherart treibt Isabella Straub der Beziehungskiste alles Verstaubte, Modrige und Muffelnde aus. Ja, sie befüllt sie sogar mit Elementen der Patchworkfamilie, die sich zu einem witzigen Schlussbild arrangieren.

Denn wie es sich in einer Soap-Opera gehört, gibt es auch Nebenpärchen. Dazu zählen nicht nur Ruths Freundin Maja, die sie im Verdacht hat, sich an Raoul heranzumachen (während das eine ganz andere tut), sondern auch ihre Mutter, die ihren Liebhaber in Ruths Mädchenzimmer ansiedelt. Solcherart lässt Isabella Straub kaum ein Versatzstück aus, um es auf links zu drehen. Denn sie scheint mit Ruth der Ansicht zu sein, „dass sich ein Leben womöglich nicht an der Anzahl der gelösten Rätsel misst, sondern an der Anzahl der Geheimnisse, die man hinterlässt“.

Es gibt Passagen in diesem Buch, die an den großen amerikanischen Roman erinnern. Dessen Größe besteht ja nicht darin, den Lesern mit sphinxischen Rätseln Kopfzerbrechen zu bereiten, sondern seine Tiefe möglichst weit oben anzusiedeln. Dazu dient auch eine Sprache, die nicht verrätselt, sondern mit der gespielt wird. Ein solch spielerischer Umgang geht hier einher mit unverkrampften alltagsphilosophischen Betrachtungen. Etwa folgende Überlegung: „Lebensglück? Schon die schiefe Wortverbindung verursacht mir Übelkeit, ein großes Wort, mit eisernen Scharnieren befestigt an ein noch größeres Wort, ich möchte nicht wissen, wie viel Unglück diese Koppelung schon erzeugt hat.“ Eine Brise Amerikanismus bekommt der deutschsprachigen Literatur gar nicht schlecht. ■

Isabella Straub

Südbalkon

Roman. 254S., geb., €19,60 (Blumenbar Verlag, Berlin)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.05.2013)


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