Ulrich Reinthaller: "Mir war die Welt der Kunst zu klein"

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In der Josefstadt spielt Ulrich Reinthaller gerade den Axtmörder. Davor hat er als erfolgreicher Fernseharzt viel Geld verdient – das er nun investiert: in ein "Dialogikum" im Pielachtal, wo er sich den großen Fragen widmen will.

Wie waren Ihre ersten Abende als Axtmörder an der Josefstadt?

Ulrich Reinthaller: Es ist ein herausforderndes Stück, denn Peter Turrini stellt Gott im abgewrackten Frack auf die Bühne. Der Turrini-Gott kann das Geschehene nicht ändern. Er wirkt selbst ratlos und traurig. Im Publikum hinterlässt das Betroffenheit und Stille. Ich sehe das als gutes Zeichen: Je mehr wir Gott zu einem abgewrackten Clown machen, desto größer wird der Ruf nach ihm, die Sehnsucht nach Geborgenheit. Ein literarisch großartiger Umkehreffekt.


Es geht also nicht nur um menschliche Abgründe, sondern auch um die Gottesfrage?


Ich glaube, viele der Amokläufe, die wir derzeit sehen, resultieren aus einer Art nihilistischer Gottlosigkeit. Wo man sagt, ich spiele selber Gott. Wenn es solche Gedankenmodelle gibt, die uns erlauben, dass wir uns an die Stelle eines allmächtigen Gottes setzen, dann kann ich nachvollziehen, dass es Menschen gibt, die sagen, ich erspare meiner Familie ein schlechtes Leben. Wenn es Schulden gibt und kein Geld und eine kalte Wohnung, dann bringe ich eben alle um, damit sie nicht leiden. Aber wie konnte es überhaupt so weit kommen, das ist die Frage. Wenn wir sagen, wir sind die Gesellschaft, dann sind wir ein Tausendfüßler, und zwei Füße gehören dem Mörder. Das Mörderische ist ein Teil des gesellschaftlichen Körpers. Es bedarf eines gewissen Muts, sich mit ihm zu beschäftigen, aber ich glaube, es ist notwendig und zahlt sich aus. Denn dann ist die Arbeit der Befriedung mit den Schattenseiten, die wir in uns selbst tragen, der nächste Programmpunkt.


Sie haben als Schauspieler an der Josefstadt begonnen, zwischendurch als Fernseharzt in „Hallo, Onkel Doc!“ Karriere gemacht, jetzt sind Sie zurück. Schließt sich ein Kreis?

Als Kreis sehe ich es nicht, sondern als Spirale. Der Fernseharzt ist mir passiert. Der plötzliche Bruch im Alter von 29 Jahren war die gesunde Notwendigkeit, mich aus einer falsch patriarchalen Struktur im Burgtheater zu befreien. Aus der Zeit mit Peymann, der seine von ihm formulierten Vergewaltigungsfantasien an Schauspielern ausgelebt hat. Dass mich dann das Fernsehen aufgenommen und mir noch dazu so einen Erfolg beschert hat, das habe ich nicht voraussehen können. Es war etwas, das ich angenommen habe und auch wirtschaftlich annehmen musste. Aber es war mir lieber, als mit Fesselungstechniken an ein Theater gebunden zu sein, an dem ich so nicht mehr sein wollte.


Hat Sie der Erfolg verändert?

Nach fünf Jahren hab ich jedenfalls gespürt, ich muss weitergehen. Damit habe ich mir Feinde gemacht beim damaligen Sender in Deutschland, weil die gesagt haben, das ist ein Raketenstart gewesen und jetzt machst du das noch zehn Jahre weiter. Es hieß, du kannst reiten auf dem Pferd, und jetzt reitest du bis der Gaul nicht mehr kann. Da musste ich auch dort weggehen. Ich merke, dass ich Bindungen lösen muss, wenn sie drohen, mich zu verschlingen.


Wie ist es weitergegangen?

Ich hatte ausgewählte Engagements, ein paar Filme und habe mich auf einer Art zweitem Bildungsweg philosophisch weitergebildet. Hab gelesen, bin herumgereist, hab Vortragende besucht und gemerkt, dass diese ganze Welt der Schauspielerei eine große Blase ist, in der die Kunst ihre einsamen Kreise dreht. Man trifft sich in der Kantine, man muss sich unsägliche Anekdoten anhören, aber die Auseinandersetzung mit den Themen der Stücke ist in der Tiefe kaum möglich. Mir war diese Welt der Kunst allein zu klein. Ich merke, dass Schauspieler gern sagen: Ich erzähle nur eine Geschichte, den Reim darauf sollen sich die anderen machen. Wenn ich selbst eine Geschichte erzähle, möchte ich dafür Verantwortung übernehmen, indem ich zu den inhaltlichen Kontexten einen Dialog mit dem Publikum initiiere. Wie in meinem „Dialogikum Phönixberg“, das ich gerade gründe.


Für das Sie im Pielachtal schon ein eigenes Haus gebaut haben.

Ja, ich habe beim Film gut verdient und wusste, ich werde mir nicht drei Ferraris kaufen, sondern in diese Richtung gehen. Derzeit wird das Seminarhaus an Firmen vermietet. Aber zusätzlich entsteht das „Dialogikum“, das einem modernen Bildungsinstitut gleichkommt. Ich möchte, dass das Pielachtal spätestens zur Landesausstellung 2015 ein großer Salon wird, in dem sich die Menschen mit nachhaltiger Landwirtschaft auseinandersetzen können, aber auch mit den großen Themen: Was ist Zeit? Was ist Ewigkeit? Was ist Liebe? Und mit der Frage, was Glauben bewirken kann.


Kann er denn etwas bewirken?

In der Welt der Quantenmechanik ist die Frage des Glaubens tatsächlich eine erschaffende Kraft. Sie ist das Gegenteil der sattsam bekannten Dummgläubigkeit – das Wissen um die Kraft unserer Gedanken und Vorstellungen und ihrer Auswirkungen auf die Welt. Ich liebe die Welt der Quantenmechanik. Man weiß mittlerweile, dass es eine geheimnisvolle Verbindung zwischen allem gibt. Wir können sie noch nicht verstehen und werden sie vielleicht nie verstehen können. Doch löst sie das Weltbild Newtons ab, und wird, wie es aussieht, auch Einsteins Thesen überflügeln. Wir erschaffen unsere Umwelt durch das, was wir neuronal als Gedankenimpulse, als elektrische Energie aussenden. Der aktive Glaube beeinflusst bereits das Ergebnis. Das gibt uns die Würde der Verantwortung zurück, die wir vor Langem abgegeben haben.


Wenn Sie sich als Gestalter Ihrer Umwelt sehen, was ist dann Ihr Anspruch?

Einen Veränderungsprozess in Gang zu bringen. Die alten Chinesen haben gesagt, das Einzige, was Dauer hat, ist die Veränderung. Eigentlich eine Binsenweisheit. Aber in dem Moment, wo wir als Menschen versuchen, etwas festzuhalten und zu konservieren, worin wir uns gut fühlen – in dem Moment läuft der Veränderungsprozess subkutan weiter. Und wenn wir ihn aufhalten wollen, dann bricht er irgendwann mit Gewalt durch, wie bei einem Dammbruch. Wenn wir aber sagen, Veränderung ist der universale Atem, dann werden wir uns in fließenden Veränderungen wiederfinden, nicht in schmerzhaften Katastrophenszenarien.


Haben Sie das Gefühl, dass Veränderung in der Luft liegt?

Wer hat das im Moment nicht? Aber es traut sich kaum jemand, reinen Wein einzuschenken, dass wir zumindest wirtschaftlich geradewegs auf eine Betondecke zusteuern, an der wir zerschellen werden. Dann gibt es ein neues Aufsetzen der Spielregeln und viele Menschen werden sehr, sehr viel von ihrem Vermögen und damit von ihrem Gutgehen verloren haben. Im derzeitigen Szenario wird es sich nicht ausgehen ohne griechische Katharsis. Daher bleibt die Frage: Ist die schmerzhafte Verwandlung in Form einer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Explosion vorgeschrieben, oder gibt es noch andere letzte Auswege?

Wann ist Ihnen klar geworden, dass Sie mehr wollen als Schauspieler zu sein?

Seit ich denken kann, habe ich das Gefühl, es geht hier um mehr als nur sein Leben höflich zu Ende zu bringen. Wie Rilke sagt: zu lernen, einmal die Fragen lieb zu haben. Und vielleicht kommen eines Tages Antworten. Aber nicht zu sagen, ich hab' ein Recht auf Antworten. Ich glaube auch nicht, dass wir ein Recht auf Leben haben. Es platzt eine Ader und es ist vorbei. Wen will ich jetzt anblaffen?


Ähnliches ist Ihrer heutigen Lebensgefährtin widerfahren. Sie hat bei einem Unfall an einem Bahnübergang ihren Mann und ihre Kinder verloren. Das war wohl auch für Sie nicht leicht.


Ich würde es so sagen: Ich habe Barbara Pachl-Eberhart lange, bevor ich sie kannte, offenbar in mein Leben geholt, weil mich diese Themenbereiche interessiert haben. Was ist, wenn einer von heute auf morgen alles verliert? Was ist, wenn ein Anruf kommt und alles ist weg? Wirst du dann zum Lebenshasser? Musst du das werden? Und dann merke ich, zwischen Viktor Frankl und Barbara Pachl-Eberhart: Es gibt einen Ausweg über das Sich-nicht-Beklagen. Und obwohl sie weiß, was leiden und weinen heißt, liebt diese Frau das Leben.


Würden Sie sagen, dass Sie an das Gute glauben?

Insofern, als ich mich aktiv dazu entscheiden möchte, und damit meine ich in erster Linie mich selbst. Indem ich mich infrage stelle und mich auf einer Wanderschaft sehe, auf einer Experimentierreise. Und mich nicht in Blockade und in Widerstand stellen möchte gegen die Schöpfung. Insofern glaube ich an eine Evolution. Und das fühlt sich gut an, da bin ich jetzt ganz banal. Deswegen glaube ich an das Gute. ?



Herr Reinthaller,
darf man Sie
auch fragen . . .

1 . . . was Ihre dunkelste Seite ist?
Ich ahne die persönliche Dunkelheit meist rechtzeitig, bevor der schöpferische Vorgang der Melancholie in Niedergeschlagenheit umzuschlagen droht – ob das eigene Tun zu wenig sei. In diesen Stunden ist die Wahrnehmung der Welt und ihrer schmerzlichen Vorgänge von tiefer Traurigkeit erfüllt.

2 . . . wovor Sie am meisten Angst haben?
In einer Wiederholungsschleife festzustecken und nicht zur rechten Zeit das Notwendige vollbringen zu können.

3 . . . welche Sache Sie nur ungern zugeben?
Ich bin schlecht im Rechnen, in Mathematik ein notorischer Durchfaller gewesen. Aber ich liebe Zahlen wie Buchstaben, ich liebe die Schönheit höherer Mathematik, die Quantenexperimente, zum Beispiel das Doppelspaltexperiment. Irgendwie scheint das ein Widerspruch zu sein, von außen betrachtet.