Wie hat sie sich geplagt: mit links und rechts, mit dem d und dem b, mit den Buchstaben überhaupt. Jetzt gehört Hannah zu den besten Schülern ihrer Klasse.
Ich habe es geahnt. Dass irgendetwas nicht stimmt, hat sich im Kindergarten schon gezeigt. Aber ich habe gedacht, es wächst sich aus: Mit fünf muss man links und rechts noch nicht unterscheiden können, oder? Und dass sie im Gegensatz zu den meisten Gleichaltrigen gerade einmal die Buchstaben ihres Namens kannte... Schreiben und Lesen lernt man doch in der Schule! Am meisten Sorgen machte mir ihre Schwerhörigkeit: „Was?“, fragte sie andauernd: „Was hast du gesagt? – „Das heißt nicht ,Was‘, das heißt ,Wie bitte‘“, erklärte ich und machte einen Termin bei einem HNO-Arzt aus.
Der fand nichts.
Merksätze für die Sechsjährige. In der Volksschule wurde die Sache dann klar. Sich Buchstaben zu merken, fiel ihr schwer. Es fiel ihr sogar schwer, die Buchstaben zu hören. Ich bastelte für meine Sechsjährige Merksätze: „Das T ist der Buchstabe, den Hannah immer vergisst.“ Das „t“ in vergisst konnte sie identifizieren, denn es stand am Ende des Wortes. Mit den Buchstaben am Anfang eines Wortes ging das nicht so leicht.
Ich habe mit ihr geübt. In der ersten Klasse das Hören, in der zweiten Klasse das Lesen, in der dritten Klasse wieder das Hören, nämlich die Unterscheidung von kurzen und langen Vokalen. Nach kurzen Vokalen folgen meist zwei Konsonanten: Hölle, Karre, Ecke. Mein Mann übte mit ihr Kopfrechnen. Seltsamer Nebeneffekt ihrer Legasthenie: Auf dem Papier rechnete sie tadellos, aber die Tatsache, dass man „Dreizehn“ sagt und nicht „Zehndrei“, wie es logisch der Fall sein sollte, machte ihr das mündliche Rechnen schwer. Wir übten spielerisch zwischendurch. Dachten wir. Hannah sah das anders: „Sogar wenn ich im Kino war, musste ich lernen!“, erzählt sie heute ihrer Schwester.
Trio statt Tirol. Es gibt Kinder, bei denen wächst sich Legasthenie aus. Bei Hannah hat sich nichts einfach ausgewachsen, sie musste üben. Aber sie hatte Glück: Sie verstand, was sie las (das ist nicht bei allen legasthenen Kindern so), und sie hatte eine Lehrerin, die ihr niemals das Gefühl gab, sie könnte es nicht schaffen (auch das ist nicht bei allen legasthenen Kindern so).
Mittlerweile ist Hannah 14 und geht ins Gymnasium. Sie gehört zu den besten Schülern ihrer Klasse und zu jenen, die am meisten lesen. Manchmal denke ich, die Legasthenie hat sie gelehrt, dass man etwas tun muss, um Erfolg zu haben. Sie ist sehr selbstständig geworden. Und sie schreibt sprühende, fantasievolle Aufsätze, weil sie keine Angst mehr vor Rechtschreibfehlern hat.
Manchmal blitzt sie noch auf, die Legasthenie, dann liest sie Trio statt Tirol auf dem Plakat. Aber darüber kann ich heute lachen.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.05.2013)