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Johannesburgs Herz schlägt wieder

Die Stadt hatte ihr Zentrum aufgegeben. Doch private Initiativen trotzten der Gewalt.

Central Business District, das hat einen Klang nach Geld, nach Menschen in Nadelstreif und Business-Kostüm, nach trendigen Sushi-Bars und schicken Nobel-Italienern.

Für die Johannesburger klang Central Business District, kurz CBD, jahrelang nur nach einem: nach Kriminalität, Drogen und Gewalt. Johannesburg hat sich in den 1990er-Jahren den zweifelhaften Ruf einer Mordhauptstadt erarbeitet, besonders das Zentrum. In den 1980er-Jahren, unter dem Apartheid-Regime, siedelten immer mehr Firmen ihre Sitze ab, immer schneller drehte sich die Abwärtsspirale, die Immobilienpreise verfielen. Johannesburgs CBD und die umliegenden Viertel wie Braamfontein in den letzten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts sind ein anschauliches Beispiel für die „Broken-Window-Theorie“. Wohnraum wurde schließlich nicht mehr gemietet oder gar gekauft, er wurde schlicht besetzt, nicht zuletzt von Menschen aus Elendsvierteln. Und die Ordnungsmacht? Die traute sich in manche Gebiete der Innenstadt überhaupt nur mehr mit größerem Aufgebot. Johannesburg hatte sein Herz als unheilbar aufgegeben.

Doch Menschen wie Adam Levy oder Gerald Olitzki wollten das nicht weiter hinnehmen. Beide sind Anwälte, beide haben persönlichen Bezug zur Innenstadt, lebten, studierten oder arbeiteten dort. Und beide – Olitzki schon in den 1990er-Jahren, Levy nach der Jahrtausendwende – taten etwas, was ihre Bekannten und Verwandten für völlig verrückt hielten: Sie kauften als weiße Johannesburger eine Immobilie an einem Ort, der weißen Johannesburgern schon bei der schieren Nennung das Gruseln verschaffte.

„Ich hatte das Glück, viel reisen zu können“, erklärt Levy lapidar im Gespräch mit der „Presse am Sonntag“, was ihn auf die scheinbar abwegige Idee brachte. Denn durch das Reisen kamen ihm die Defizite seiner Heimatstadt so richtig zu Bewusstsein. Und als er ins heruntergekommenen Zentrum Johannesburgs zurückkehrte, sah er nicht Verfall, sondern Potenzial: „Da waren so viele tolle Häuser.“ Und man konnte sie verdammt billig kaufen.


Kultstatus. Genau das tat Levy. Er hatte das Glück, über genug privates Kapital zu verfügen, denn Kredit hätte ihm dafür keine Bank gegeben, man hätte ihn wohl ausgelacht für das Ansinnen, das Gebäude 155 Smit Street kaufen zu wollen. Wer sollte da schon hinziehen wollen? Zunächst einmal Levy selbst. Doch als das Gebäude renoviert war – es genießt mittlerweile Kultstatus – und sechs weitere Lofts zum Verkauf standen, gab es rund 100 Interessenten. Levy hatte den Preis nicht zu hoch angesetzt: „Ich wollte einfach meine Kosten hinein bekommen.“

Und das nächste Haus kaufen. Bald sind es zehn, und es ist nicht nur Wohnraum, der entsteht. Es gibt einen Markt, ein Theater und einen „Strand“ auf dem Dach eines Wohnhauses. „Play Braamfontein“ nennt sich das ganze Projekt mittlerweile. Play, das Wort steht für einen zentralen Punkt des Konzepts: Man kann in Braamfontein wieder Spaß haben. Levy organisierte Partys: „Die Leute begannen zu spüren, dass das eine coole Gegend ist.“ Die Folge: Sie wollten nicht mehr nur zum Feiern kommen, sie wollten dort auch wohnen: „Dann machten auf einmal schöne Geschäfte und ein schickes ,Deli‘ auf, es entstand eine ,creative community‘ von Leuten, die etwas verändern wollten.“ Und die notfalls auch selbst anpacken, wenn die Stadtverwaltung sich nicht engagieren will.


Und die Gangs? Die zogen sich sukzessive zurück. „Du kannst zunächst an der Sicherheit nichts ändern, aber du kannst an der Einstellung der Leute etwas ändern“, sagt Levy. Braamfontein 2003 und heute: Der größte Unterschied liegt für ihn nicht im Erscheinungsbild, sondern im Mentalen: „Vor zehn Jahren waren die Leute sehr ängstlich, es war alles polarisiert, Weiße und Schwarze haben sich kaum durchmischt.“ Das sei heute ganz anders. Gewalt gebe es noch immer, aber wenn man eine Umgebung schaffe, wo die Menschen offener miteinander umgehen, könne man viel erreichen.

Ob der Aufschwung bereits irreversibel ist? Schwer zu sagen. Eines jedenfalls ist für Levy gewiss: „Vor 20 Jahren hat man nur über die Gewalt hier geredet. Heute ist die Gegend zu einer richtigen Touristenattraktion geworden.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.05.2013)