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Getrennte Eltern, eine Familie

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Wenn Paare sich trennen, gibt es kein Patentrezept für den richtigen Umgang mit Scheidungskindern. Manchen Eltern gelingt es dennoch, den Kindern das zu geben, was sie brauchen.

Worüber redet ihr, Mama?“, fragt Nina. „Darüber, wie du und der Papa miteinander umgeht?“ – „Ja“ – „Aso.“ Das siebenjährige Mädchen ist zufrieden mit der Antwort, mehr will sie nicht wissen. Sie wendet sich lieber ihrem Stoffpony und Winnie Puuh zu, während ihre Mutter gemeinsam mit ihrem Vater in der Essecke Platz nimmt. Nett ist es hier in einem Reihenhaus in Wien Floridsdorf, das Haus ist hell und freundlich, im Garten blüht es und die beiden Eltern machen einen harmonischen Eindruck.

Der trügt nicht, die beiden harmonieren auch – als Eltern, als Paar nicht mehr. Vor drei Jahren haben sie sich nach einer zehnjährigen Beziehung getrennt, verheiratet waren sie nie. Da sie ihren Namen lieber nicht öffentlich machen wollen, nennen wir sie Robert und Martina. Nina war damals vier Jahre alt, als sie von ihren Eltern erfuhr, dass sie sich trennen. „Natürlich war das schwer, wir haben uns gemeinsam hingesetzt und ihr erklärt, dass der Papa bald woanders wohnt, sie ihn aber trotzdem jederzeit sehen kann und wir sie beide lieb haben. So gut man das eben einer Vierjährigen erklären kann“, sagt Martina. Die erste Reaktion war Bestürzung. „Natürlich hat sie geweint, es ging dann aber bald ganz gut“, sagt der 46-jährige Robert. Über den Kindergarten bekamen sie den Tipp zur Beratungsstelle Rainbows. Nina hat dort ein paar Monate lang eine Gruppe besucht, in der Kinder gemeinsam spielerisch lernen, die Trennung zu verarbeiten. „Es gab da immer ein Thema wie Wut, Gefühle, Angst oder Familie, aber immer in Kombination mit Spielen. Eine Art Selbstfindungstrip mit Anleitung. Das hat ihr gutgetan, sie ist entspannter geworden“, sagt Robert. Wenn die beiden über die Zeit der Trennung und den Alltag danach sprechen – wie alles geregelt wurde, wie offen sie der Tochter gegenüber sind, dass sie niemals den anderen schlechtmachen würden und ihre eigenen Befindlichkeiten hinter das Wohl der Tochter stellen – hat man schnell den Eindruck, hier handelt es sich um ein Elternpaar, das instinktiv alles richtig macht. Robert erklärt sich das mit der Offenheit der Tochter. „Sie hat mir bei einem Spaziergang einmal gesagt: ,Mein Herz ist entzweit, ein Teil gehört dir, einer der Mama.‘ Das hat mir ein schlechtes Gewissen gemacht. Ich hatte das Gefühl, weil ich es nicht geschafft habe, muss sie leiden.“ Nicht nur deshalb will er, dass es ihr gut geht.


Wissen, wie es nicht geht. Auch für Martina ist das selbstverständlich. „Auch wenn es mir schlecht ging, habe ich versucht, mich in sie hineinzuversetzen.“ Da die 41-jährige Niederösterreicherin selbst ein Scheidungskind ist, fiel ihr das nicht schwer. Den „Rosenkrieg“ ihrer Eltern, wie sie es nennt, wollte sie ihrer Tochter nie antun. Als sie mit ihrem Ex-Partner nicht einmal mehr sprechen konnte, wurde das Familiäre – also alles, was die Tochter betrifft – eben per E-Mail besprochen und die „Übergaben“ fielen auch schon einmal ohne Worte aus. Gestritten wurde nie vor ihr – lediglich einmal nach der Trennung. Auch Robert ist vorbelastet und weiß, wie man es nicht macht. Er hat bereits eine 16-jährige Tochter, mit deren Mutter es nach der Trennung nicht so gut verlief. „Da gab es viele Konflikte“, sagt er. Heute funktioniere das besser, auch Nina hat ein gutes Verhältnis zu ihrer Halbschwester und deren Halbbruder.

Die Art und Weise, wie Robert und Martina die Situation gemeistert haben, mag außergewöhnlich wirken. Allein ist Nina als Trennungskind bei Weitem nicht. Genaue Zahlen dazu gibt es nicht. Denn während die Zahl der Scheidungskinder erhoben ist – 2012 lag sie in Österreich bei 19.334 – ist das bei Kindern unverheirateter Eltern nicht der Fall. Seit Februar hat sich übrigens nicht nur die Gesetzeslage für die gemeinsame Obsorge geändert (siehe Artikel unten), es gibt auch bei einvernehmlichen Scheidungen eine verpflichtende Elternberatung, bei der die Bedürfnisse der Kinder thematisiert werden. Rainbows ist einer jener Vereine, der diese bereits seit den 1990er-Jahren anbietet. „Es hat sich über die Jahre einiges geändert. Das Bewusstsein, dass Kinder Unterstützung brauchen und dass eine Trennung ein Einschnitt für sie ist, ist kontinuierlich und sukzessive gestiegen“, sagt Rainbows-Geschäftsführerin Dagmar Bojdunyk-Rack. Während früher fast ausschließlich Mütter Beratungen in Anspruch nahmen, werden seit ein paar Jahren auch immer mehr Väter erreicht – sie kommen von selbst oder werden vom Verein kontaktiert.

Für die Tochter eine Einheit sein. Das war bei Robert und Martina nicht notwendig. Ihr war es ein Anliegen, nach der Geburt die gemeinsame Obsorge zu beantragen, die ohne Ehevertrag nicht automatisch gegeben ist. Er hat sich, als Selbstständiger, von Anfang an viel Zeit für seine Tochter genommen. „Wir haben immer versucht für Nina eine Einheit zu sein“, sagt Robert. Für beide ist es selbstverständlich, das noch immer zu sein. Sie vertrauen und respektieren einander. Es gibt eine Basis – eine, die nach der Trennung aber erst hergestellt werden musste. Heute funktioniert es gar so gut, dass sie sich gegenseitig am Alltag mit der Tochter teilhaben lassen. „Wenn ich einen Ausflug mit Nina mache, schicken wir ihrem Papa die Fotos und umgekehrt.“ Auch gemeinsame Ausflüge gibt es. „Das genießt sie sehr, aber man muss aufpassen, sie macht sich dann schnell Hoffnungen, dass wir wieder zusammenkommen.“ Denn das, was zwar den Eltern gut gelingt, klappt bei der Siebenjährigen noch nicht so gut: die klare Trennung zwischen Partnerschaft und Familie. Während Ersteres beendet ist, bleibt Letzteres ein Leben lang.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.05.2013)