Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

"Araber und Kurden werden viele Jahre gegeneinander kämpfen"

Symbolbild
"Araber und Kurden werden viele Jahre gegeneinander kämpfen"(c) REUTERS (HANDOUT)
  • Drucken

Im großen Bürgerkrieg tobt ein kleiner Krieg gegen die Kurden. Radikale Rebellen griffen erneut kurdische Milizen in der Grenzstadt Ras al-Ain an, offenbar mit Einverständnis der türkischen Regierung.

Kairo. Die Angreifer kamen im Schutz der Nacht und eröffneten sofort das Feuer. Seit die syrischen Kurden vergangene Woche für sich einen eigenen Platz auf der internationalen Syrien-Konferenz reklamierten, wird in der Grenzstadt Ras al-Ain wieder gekämpft und gestorben. Sie ist mit 50.000 Einwohnern eine der größten Ortschaften Nordsyriens. Elf Bewaffnete fanden diesmal den Tod, einige Wochen zuvor waren bei Gefechten zwischen Kurdenmilizen und der „Freien Syrischen Armee“ 56 Menschen gestorben – ein blutiger Kleinkrieg im großen Bürgerkrieg.

Vor allem den Liwa-al-Tawhid-Brigaden der Muslimbrüder und den radikalen Gotteskriegern der al-Nusra-Front sind die Autonomiebestrebungen der kurdischen Minderheit ein Dorn im Auge. Und so kommen ihre Bewaffneten nicht, um die Assad-Truppen zu bekämpfen. Stattdessen nehmen sie Straßenzüge und Straßensperren der Kurden unter Beschuss.

Gut zwei Millionen Kurden leben in Syrien, die Mehrzahl im Nordosten des Landes, im Dreiländereck mit der Türkei und dem Irak. Jahrzehntelang wurde die Minderheit von dem Assad-Regime diskriminiert, 400.000 Kurden die syrische Staatsangehörigkeit verweigert. Kurz nach Beginn des Volksaufstands im März 2011 stellte Präsident Bashar al-Assad ihnen erstmals syrische Pässe in Aussicht. Im Gegenzug hielten sich die Kurden im innersyrischen Machtkampf weitgehend zurück, Demonstrationen blieben selten und sporadisch. Im Herbst 2012 schließlich zog das Regime seine Truppen kampflos aus den kurdischen Regionen zurück. Seitdem nutzen die Bewohner das Machtvakuum und errichteten rund um die Provinzhauptstadt Qamishli eine quasiautonome Enklave. Auf allen offiziellen Gebäuden weht die kurdische Flagge. Schulen mit Unterricht in Kurdisch sowie Kulturzentren wurden neu eröffnet. Milizen der Partei der Demokratischen Union (PYD), eines Ablegers der kurdischen Arbeiterpartei PKK, patrouillieren auf den Straßen und haben ein Netz von Kontrollpunkten errichtet. Und die Menschen hoffen für die Zeit nach Assad auf ein Autonomiegebiet ähnlich wie im Nordirak, was auch in der Türkei und im Iran die kurdischen Träume von einer eigenen Nation anfachen könnte.

Entsprechend alarmiert ist man in Ankara, aber auch bei den sunnitischen Assad-Gegnern auf syrischer Seite. Man sei bereit, eine gewisse lokale Selbstverwaltung in den kurdischen Gebieten zu akzeptieren, so Omar Mushaweh, einer der Sprecher der syrischen Muslimbruderschaft. Die Forderung nach einem eigenen Parlament jedoch gehe zu weit. Die Kurden indes befürchten, ein von arabischen Sunniten dominiertes Post-Assad-Regime werde ihre Forderungen nach mehr Selbstbestimmung vom Tisch fegen, weil ein Großteil der syrischen Ölreserven (2,5 Milliarden Barrel) auf ihrem Territorium liegt. Und so werfen die syrischen Kurden den sunnitischen Aufständischen und der Türkei vor, ausgerechnet die radikalen Kämpfer der al-Nusra-Front auf sie zu hetzen, um alle Autonomiebestrebungen im Keim zu ersticken.

Bis zu 1500 Gotteskrieger seien seit Jänner über die türkische Grenze in ihre Enklave eingesickert, behaupten kurdische Aktivisten. Verletzte würden mit Krankenwagen zurück auf türkisches Territorium gebracht und jenseits der Grenze in Krankenhäusern versorgt. Und so sind für kurdische Kämpfer wie Abu Zaradashit die jüngsten Gefechte nur der Auftakt eines neuen, langen Konfliktes. „Ich bin sicher, Araber und Kurden werden jetzt viele Jahre gegeneinander kämpfen, auch wenn das Assad-Regime längst Geschichte ist.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.05.2013)