Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Commenda: "Wir sind am Golan, weil es gefährlich ist"

Commenda sind Golan weil
Archivbild: Othmar Commenda(c) APA/HELMUT FOHRINGER (HELMUT FOHRINGER)
  • Drucken

Der neue Generalstabschef Othmar Commenda will trotz des Bürgerkriegs "nicht davonrennen". Im Verteidigungsministerium möchte er die Bürokratisierung zurückschrauben und für "Teambildung" sorgen.

Die Presse: Wie gefährdet sind unsere Soldaten am Golan wirklich?

Othmar Commenda: Ich glaube, dass sie genauso gefährdet sind wie vor einem halben oder drei viertel Jahr. Gerade jetzt vielleicht sogar weniger, weil alle Parteien bemüht sind, dass dort nichts passiert. Es hat ja niemand etwas davon, weder die Rebellen noch die Regierung. Auch Israel hat ein hohes Interesse, dass es dort sehr ruhig bleibt. Es zeigt sich, dass bei Konflikten am Beginn immer das größte Gefahrenpotenzial da ist, weil alles unorganisiert ist.

 

Die Aufregung in Österreich ist völlig umsonst?

Nein, das ist sie nicht, weil sich die Situation jede Sekunde ändern kann. Minister Klug hat ja gesagt, wir müssen uns auf alle Eventualitäten vorbereiten, das tun wir auch.

 

Waffenlieferungen an die Rebellen würden die Sicherheitslage dramatisch verschlechtern?

Das kann sein. Wir bereiten uns jedenfalls darauf vor, wenn die Politik sagt, wir müssen herausgehen, damit wir das in kürzester Zeit tun können.

 

Irgendwie klingt das alles so, als seien österreichische Soldaten nicht in der Lage, auch mit gefährlicheren Situationen umzugehen.

Nein, denn der Grund, dass man Soldaten dort hat, ist ja, dass es gefährlich ist. Es war immer ein Kriegsgebiet, es gab ja immer nur einen Waffenstillstand, deshalb wurden unsere Soldaten in den Raum geschickt. Dass wir in der Vergangenheit so viel Glück hatten, dafür muss man immer wieder dem Herrgott danken. Aber wir rennen jetzt nicht davon, die Entscheidung wird letztlich auf politischer Ebene getroffen.

Was müsste passieren, dass Sie sagen, es ist zu gefährlich für uns?

Wenn eine Situation eintritt, in der die Politik sagt, es ist uns das Risiko nicht mehr wert, werden wir den Auftrag bekommen, herauszugehen. Es könnte sich ja das Schwergewicht der Kampfhandlungen auf den Golan verlagern. Das ist aber nicht zu erwarten. Ich bin Soldat, unsere Männer und Frauen dort sind es genauso, und wir sagen: Wir sind dafür ausgebildet, mit gefährlichen Situationen umzugehen. Die Politik wird die richtigen Entscheidungen für uns treffen, ich bin da sehr optimistisch.

Wie lange würde ein Abzug dauern?

Das geht relativ schnell, weil wir ja nur einen Schritt machen müssten, über die Alpha-Linie nach Israel. Im Notfall kann der ganze Verband in einer Stunde drüben sein. Genauso kann es sein, dass man einen geordneten Abzug über mehrere Wochen macht.

Es hat immer geheißen, das österreichische Bundesheer sei für den Ernstfall nicht ausgerüstet. Ist das der Beweis, dass das nicht so ist?

Das hat einfach nie gestimmt. Das Bundesheer ist in einzelnen Segmenten im höchsten europäischen Standard ausgerüstet. Wir haben gewusst, wir können nicht das gesamte Bundesheer auf Top-Niveau ausrüsten, daher haben wir jene ausgerüstet, die in den Einsatz gehen. Und das waren in den letzten Jahren die Auslandseinsätze. Unsere Kiop-Soldaten in Bosnien werden oft von den anderen militärisch reicheren Ländern bewundert.

Das heißt, das Bundesheer besteht aus einer top-ausgerüsteten und ausgebildeten Profitruppe und aus einem großen Rest der Wehrpflichtigenarmee, der kaum einsatzbereit ist.

Wir haben die Wehrpflichtigen für Inlandseinsätze, da reden wir in erster Linie von Katastrophenschutz und Objektschutz, der immer mehr zu unserer Hauptaufgabe in Österreich wird. Und die Wehrpflichtigen sind eine gute Rekrutierungsbasis für unsere Berufssoldaten. Ich werde von sehr vielen europäischen Generälen angesprochen, die sagen, Österreich hat letztendlich die richtige Entscheidung getroffen, weil die Berufsarmee zwar militärisch das Optimum ist, sie aber alle Rekrutierungsprobleme haben.

Hätten Sie lieber ein Berufsheer gehabt?

Ein Profifußballverein spielt besser als die Amateure. Aber wenn du dir die Profis nicht leisten kannst oder nicht die richtigen bekommst, hilft das nichts. Ich habe immer gesagt, sagt uns, was ihr von der Armee wollt, und ich sage euch, was die bessere Lösung ist.

Sie gelten als Reformer. Wie sieht Ihre Vision von einem Bundesheer in fünf Jahren aus?

Wir sind in einigen Bereichen über viele Jahre extrem langsam geworden. Unsere Prozesse sind extrem kompliziert. Ich weiß, dass ich mir da intern keine Freunde mache, aber ich bin nicht da, um beliebt zu sein, sondern um effizient zu sein. Ich will diese Verbürokratisierung des Systems Bundesheer radikal zurückschrauben. Da nehme ich mir bis zu 50 Prozent Geschwindigkeitszunahme vor. Als zweites wünsche ich mir, dass wir nach fünf Jahren sagen können, wir sind ein Team. Über alle Befindlichkeiten hinweg gibt es nur ein Ziel, das Vorwärtskommen dieser Firma. Wobei ich klarstellen muss: Ich rede von der strategischen Ebene. Draußen bei der Truppe funktioniert es.

Beim Berufsheer wäre geplant gewesen, die Personalstruktur radikal zu ändern und auf junge Zeitsoldaten zu setzen. Ist das jetzt abgesagt?

Wir haben einige Baustellen, wobei so eine Riesenfirma wie wir immer Baustellen haben wird. Eine davon ist der von der Bundesregierung vorgegebene Personalabbau. Wir haben jetzt knapp 26.000 Planstellen, systemisierte Arbeitsplätze, im Jahr 2016 sind es noch etwas mehr als 21.000. Diese Leute fehlen dann natürlich ganz unten. Das heißt: Ich habe keine Truppe mehr. Daher müssen wir jetzt nachsteuern und quer durch das gesamte System vernünftig reduzieren. Sonst tummelt sich im Büroturm das Volk und die Produktiven unten gibt es nicht mehr.

 

Wie wollen Sie da etwas ändern? Sie haben ja in erster Linie pragmatisierte Beamte.

Indem wir zumindest einmal einen Plan machen, wie wir nachbesetzen. Da gibt es viele Dinge, die wir in den nächsten zwei Jahren machen müssen. Ausbildung, Laufbahn und Berufsbild sind neu zu entwickeln. Den pragmatisierten Schützen alter Kategorie wird es bei uns nicht mehr geben. Aber das ist eine der großen Herausforderungen der Zukunft.

Bei der letzten Bundesheerreform waren ja Golden Handshakes geplant, damit sich ältere Soldaten verabschieden. Dazu ist es dann nie gekommen.

Die Tools, um so einen Weg zu gehen, die haben wir alle entwickelt. Es liegt an der Politik, zu sagen, welches Werkzeug sie nehmen will. Das kann ich nicht beeinflussen. Genauso ist es mit dem Budget: Ich kann mir wünschen, was ich will. Faktum ist, ich muss mit dem arbeiten, was ich bekomme. Ich bin ein Pragmatiker: Ich verwende das Baumaterial, das ich habe, und nicht das, das ich gern hätte.

Zur Person

Othmar Commenda (59) ist in der Vorwoche von Verteidigungsminister Gerald Klug (SPÖ) zum Generalstabschef und so zum höchstrangigen Soldaten des Bundesheers ernannt worden. Commenda war bei verschiedenen Ministern in Führungspositionen tätig: Kabinettschef bei Herbert Scheibner (damals FPÖ, jetzt BZÖ), Leiter des Bundesheerreform-Managements bei Günther Platter (ÖVP) und Vize-Generalstabschef bei Norbert Darabos (SPÖ). Er folgt als Generalstabschef Edmund Entacher nach, der in Pension ging.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.05.2013)