Charismatiker, Popstar und Stachel im Fleisch der Pekinger KP-Führung

Tibet's exiled spiritual leader the Dalai Lama greets the audience before his second speech during the European Tibetan Buddhist Conference in Fribourg
Tibet's exiled spiritual leader the Dalai Lama greets the audience before his second speech during the European Tibetan Buddhist Conference in FribourgREUTERS
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Am Dalai-Lama, dem religiösen Oberhaupt der Tibeter, beißt sich die chinesische Regierung die Zähne aus. Der Einfluss in seiner Heimat ist ungebrochen.

Kein anderer Buddhist hat eine so große Zahl internationaler Anhänger wie Jetsun Jamphel Ngawang Lobsang Yeshe Tenzin Gyatso. Besser bekannt als: der 14. Dalai-Lama. Der 77-jährige Friedensnobelpreisträger, Autor Dutzender Lebensratgeber-Bücher und anscheinend unermüdliche Kämpfer für die Freiheit Tibets genießt bei vielen seiner Verehrer schon beinahe ikonenhaften Status. Und obwohl er seine Heimat bereits 1959 verlassen hat, ist sein Einfluss dort noch immer ungebrochen. Peking beißt sich an dem charismatischen religiösen Anführer noch immer die Zähne aus.

Mit einer Entscheidung vor zwei Jahren hat der Dalai-Lama die Tibeter zunächst in größte Aufregung versetzt. In einer Rede erklärte er, er werde das Exilparlament, das wenige Tage später zu seiner nächsten Sitzung zusammentreten sollte, darum bitten, die Verfassung zu ändern und seine Rolle als politisches Oberhaupt abgeben. Kurz danach wählte das Parlament der Exil-Tibeter im nordindischen Dharamsala den Harvard-Absolventen Lobsang Sangay zum Premierminister der Exilregierung.

Vergleiche mit Nazis

Die bisweilen schrille Kritik der chinesischen Behörden am Dalai-Lama hat seitdem jedoch kaum abgenommen. Erst kürzlich haben Chinas Staatsmedien eine internationale Kampagne gestartet, in der der „Dalai-Lama-Clique“ vorgeworfen wurde, für die vielen Selbstverbrennungen verantwortlich zu sein, zu denen es seit etwa drei Jahren in Tibet und in den angrenzenden Provinzen immer wieder kommt.

In der Vergangenheit schreckten die chinesischen Staatsmedien auch nicht vor Nazi-Vergleichen zurück: „Die Reden des Dalai-Lama können die Leute nur an die fanatischen Nazis während des Zweiten Weltkrieges erinnern“, hieß es vor einiger Zeit in einem Kommentar. Die Forderung des Dalai-Lama nach einer kulturellen Autonomie für Tibet innerhalb Chinas, in der die angestrebte Lokalregierung auch Einfluss auf den Zuzug von Nicht-Tibetern haben soll, verglich der Kommentator mit „Hitlers Säuberungen der Juden in dieser Zeit“. Auch die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua hatte den Bericht zunächst veröffentlicht, die Meldung aber kurz darauf wieder von ihrer Website gelöscht.

Der seltsame Verbalaussetzer hat einen Grund. Chinas Behörden sind wegen der Entwicklungen in Tibet hochgradig nervös. In den vergangenen Jahren haben sich Dutzende Tibeter öffentlich in Brand gesteckt. Das Vorbild für die Verzweiflungstaten ist vermutlich die Selbstverbrennung eines jungen Tunesiers Anfang 2011, der mit seiner Tat die Protestwelle in der arabischen Welt in Gang gesetzt hat.

Wenn er nicht gerade durch alle Welt tourt, verbringt der Dalai-Lama die meiste Zeit in Indien. Dharamsala ist seit seiner Flucht vor über einem halben Jahrhundert die zweite Heimat für viele Exil-Tibeter und ein Pilgerort für Besucher aus aller Welt geworden. Denn dort befindet sich auch die Residenz des Dalai-Lama.

Mekka für Gläubige und Esoteriker

Oberstes Ziel ist dort der Erhalt der tibetischen Kultur. Es gibt ein großes, zigtausende Schriften umfassendes Archiv. Mehrere Berufsschulen sollen verhindern, dass jahrhundertealte Handwerkskünste verloren gehen. Eine andere Schule widmet sich der tibetischen Musik und dem Theater. Mehrere exiltibetische Organisationen haben in Dharamsala ihren Sitz, darunter der Tibetische Jugendkongress (den China als Terrorgruppe bezeichnet) und die Studentenorganisation „Students for a Free Tibet“. Die große Zahl an jungen Exil-Tibetern, die in solchen Organisationen aktiv sind, verdeutlicht, wie stark auch die dritte Generation von Exil-Tibetern noch immer politisiert ist.

Dharamsala ist auch ein Mekka für Gläubige und Esoteriker aus aller Welt. Das gesamte Jahr über halten sich tausende Besucher aus aller Welt in dem Ort auf. Sie versuchen, einen Platz an den Massenaudienzen beim Dalai-Lama zu erwischen, nehmen an buddhistischen Schulungen oder Yoga-Kursen teil.

Rechtlos im theokratischen Feudalstaat

Bei all der Verehrung wird jedoch häufig eines übersehen: Tibet war vor der Besetzung durch Peking keinesfalls das friedliche Shangri-La in den Bergen, das sich westliche Romantiker gern vorstellen. Tibet war ein theokratischer Feudalstaat, in dem rechtlose Bauern (viele von ihnen als Leibeigene) einem allmächtigen klerikalen Adel unterworfen waren. Bis 1913 gab es ein Gesetz, wonach Versuche, die rigide hierarchische Gesellschaftsordnung zu ändern, mit Verstümmelungen oder der Todesstrafe geahndet wurden. Die verschiedenen Sekten des tibetischen Buddhismus, unter ihnen auch der Gelbmützen-Orden des Dalai-Lama, haben jahrhundertelang brutale Kriege um die Vorherrschaft in der Region geführt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.06.2013)

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