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Krebsbehandlung: Revival eines Biosuperstars

Daniela Kandioler
Daniela Kandioler(c) Fischill PR/APA-Fotoservice/Prei (Thomas Preiss)
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Eine Wiener Medizinerin konnte nun zeigen, wie das Tumorsuppressorgen p53 bei der Krebsbehandlung als »Marker« eingesetzt werden kann.

Es ist ein lange Geschichte der Hoffnungen und Rückschläge: In den späten 1970er-Jahren wurde bei vielen Krebspatienten eine erhöhte Menge eines Proteins mit einem Molekulargewicht von 53.000 Dalton gefunden – es wurde daher P53 genannt. In den Folgejahren wurde erkannt, dass dieses Protein eine Schlüsselrolle bei Tumoren spielt: P53 erwies sich als „Wächter des Genoms“. Es tritt auf den Plan, sobald in einer Zelle eine Mutation erkannt wird: Zum einen stoppt P53 den Zellzyklus – so wird den DNA-Reparatursystemen Zeit gegeben, den Schaden zu beheben. Erweist sich der Schaden aber als zu groß, dann häuft sich immer mehr P53 an, wodurch eine Reaktionskaskade ausgelöst wird, die zum kontrollierten Zelltod („Apoptose“) führt. In jedem Fall wird verhindert, dass sich eine Zelle mit DNA-Schaden teilt und womöglich unkontrolliert zu einem Krebsgeschwür wuchert. Daher nennt man P53 „Tumorsuppressorfaktor“.

Blöderweise ist das Gen, das den Bauplan für P53 enthält, selbst häufig ein Opfer von Mutationen. Bei manchen Krebsarten weist jeder zweite Patient eine p53-Mutation auf, diese Patienten haben viel schlechtere Chancen, eine Krebserkrankung zu überleben. P53 (bzw. das Gen p53 – mit kleinem Anfangsbuchstaben) wurde daher zu einem „Superstar“ unter den Biomolekülen: 1993 wurde es von der Wissenschaftszeitschrift „Science“ zum „Molekül des Jahres“ gekürt.

Doch dann trat Ernüchterung ein: Die tausenden klinischen Studien, die rund um P53 durchgeführt wurden, kamen alle zu unterschiedlichen, teils widersprüchlichen Aussagen – sodass das Protein bzw. Gen bis heute keine Rolle in der klinischen Praxis spielt.

Die Wiener Chirurgin Daniela Kandioler ließt sich davon nicht entmutigen: Seit 1999 widmet sie sich mit ihrer Arbeitsgruppe an der Med-Uni Wien diesem Thema – und diese Woche verkündete sie beim 54. österreichischen Chirurgenkongress einen wichtigen Fortschritt: Sie konnte in mehreren klinischen Studien zeigen, dass p53 ein wichtiger „Marker“ ist, mit dem die Erfolgschancen einer Chemotherapie vorab („prädikativ“) eingeschätzt werden können. Die meisten Krebsoperationen werden durch eine Chemotherapie (häufig mit Fluorouracil) begleitet, die entweder vor der Operation durchgeführt wird (um den Tumor zu verkleinern) oder danach (um einen Rückfall zu verhindern).

Die Basis für die neuen Erkenntnisse ist ein äußerst spezifischer Test für Mutationen an p53, der auf einer kompletten Gensequenzierung beruht („MARK53“). Dass es bisher so widersprüchliche Studienergebnisse gab, wurde von Experten u.a. auf das Fehlen eines standardisierten Tests zurückgeführt. Zudem wurden in vielen Studien Patienten in unterschiedlichsten Erkrankungsstadien miteinander verglichen; Kandioler hat in ihren Studien nun Patienten mit gleichem operablen Tumorstadium verglichen.

Sie konnte klar zeigen, dass p53 kein „prognostischer“ Marker ist (der die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls anzeigt), sondern dass der Genstatus „prädikativ“ ist (also die Wirksamkeit von Chemotherapeutika misst).

Getestet wurden bisher 76 Patienten mit Lebermetastasen bei Dickdarmkrebs sowie 36 Patienten mit Speiseröhrenkrebs. Das Ergebnis: Patienten mit intaktem p53-Gen profitierten von der Chemotherapie deutlich stärker als erwartet; bei Patienten mit mutiertem p53-Gen wirkte die Therapie hingegen nicht – in vielen Fällen verschlechterte die Chemotherapie sogar die Überlebensraten.

Diese Erkenntnisse werden derzeit in einer größeren Studie an 168 Patienten mit Speiseröhrenkrebs überprüft. In Zukunft will Kandioler auch andere Krebsarten (Lunge, Brust) und weitere Chemotherapeutika auf einen Zusammenhang mit dem p53-Marker-Status durchtesten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.06.2013)