Ich bin die verkniffene Hausfrau, die den Mann ankeift, weil er vergessen hat, die Posaune einzupacken. Ja, das bin ich.
In jeder zweiten Familienserie gibt es diese Figur: Oft ist sie blond, meistens hat sie eine überdurchschnittlich hohe Stimme, immer hat sie Kinder – und genauso immer ist sie enorm vernünftig, während ihr Mann phänomenal unvernünftig ist und darum irgendwann im Laufe der Serie, spätestens aber in der dritten Staffel, mit einem frisch erworbenen Sportwagen nach Hause kommt. Einem Zweisitzer, natürlich! Dabei zieht so eine Serienmutter mindestens zwei Kinder auf, meistens sogar drei, weshalb das Gekeppel beginnt.
Jetzt.
Mir gehen diese Serienmütter enorm auf die Nerven, weil sie mir zu sehr Klischee sind mit ihren fuchtelnden Händen – und auch die Männer mit ihrem Autofetischismus und mit ihren löchrigen Hirnen, die sich nicht merken können, dass sie vom Supermarkt eine Zucchini mitbringen sollten, und wenn sie es sich doch merken, erkennen sie die Zucchini nicht und bringen eine Gurke.
Klischees, es sei geklagt, haben ja manchmal ihre Gründe, darum habe ich meinem Mann, bevor ich am Mittwoch das Haus verließ, noch einmal eingeschärft, die Posaune nicht zu vergessen, wenn er mit Töchterchen über das lange Wochenende zu Oma und Opa fährt. „Liebster“, habe ich gesagt, „Marlene hat am Montag Posaunenprüfung.“ „Vergiss nicht, mein Schatz“, habe ich erklärt, „dass sie das neue Stück üben muss.“ „Das ist wichtig, mein Süßer“, habe ich erklärt und sicherheitshalber noch das Metronom auf den Notenständer gestellt. Dann bin ich mit Hannah nach Oslo geflogen, wo das Wetter mild ist und die Tage lang, und wo Hannah unbedingt hinwollte: Wie ich jetzt erfahren habe, nicht wegen der grandiosen neuen Munch-Ausstellung oder wegen der Fjorde, sondern weil Hannah es sich in der ersten Klasse nicht hatte merken können, dass Oslo in Norwegen liegt. Das habe sie neugierig gemacht.
Also sind Hannah und ich jetzt hier im Norden, und mein Mann und Marlene sind im Süden (Steiermark). Am Donnerstag rufe ich an und frage ihn – meinen Schatz, meinen Liebsten, meinen Süßen –, wie es mit dem Üben so gehe und ob Marlene auch das Metronom verwende. „Reg dich nicht auf“, sagt er, „wir haben da was vergessen, aber das ist nicht schlimm. Sie übt halt nur mit dem Mundstück.“ Woraufhin die Verbindung abreißt. Zehn Sekunden, mein Blutdruck steigt, zwanzig Sekunden, er steigt noch weiter, dreißig Sekunden, ich werde rot wie Rumpelstilzchen, dann ist die Verbindung wieder da, und Stephan sagt: „Hast du dich schon abgeregt?“
Jetzt weiß ich wenigstens, wie gut mein Mann mich kennt.
In der Folge wurde meine Stimme so schrill, dass ich schon glaubte, es quietscht in der Leitung, und die Wörter „Süßer“ und „Liebster“ kamen nicht mehr vor. Also im Fernsehen hätten sie so etwas nicht gesendet.
bettina.eibel-steiner@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.06.2013)