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Völlig losgelöst: eine kleine Dollar-Geschichte

100 Jahre Federal Reserve: So long and thanks for all the Inflation!

Zuerst eine kleine Entschuldigung: Nach den Regeln der Blogkunst, hätte ich mich wohl vor meinem Urlaub abmelden sollen. Eine Schottland-Visite war der Grund meiner längeren Abwesenheit.

Dort kann man etwas beobachten, das ich eigentlich für Ausgestorben hielt: die Banknote! Sie lesen richtig. Bei den Euro-Scheinen in Ihrer Geldbörse handelt es sich nämlich genau genommen nicht um eine Banknote, sondern lediglich um Zahlungsmittel.

Eine Banknote (das Wort wurde nicht zufällig aus dem Englischen importiert) stellt nämlich einen "Rechtsanspruch auf eine Gegenleistung" dar. Meist war damit eine fixierte Menge Gold gemeint (Goldstandard). In Schottland herrscht heute sozusagen ein "Pfundstandard". Die drei zur Ausgabe von Banknoten berechtigten Banken begeben Scheine, die man in "echte" Pfundscheine der Bank of England eintauschen kann - wenn man will. In Gold kann man sie auch "tauschen" - aber nicht zu einem fixen Kurs (siehe "Goldpreis").

clydesdalebanknote
clydesdalebanknote

Eine der drei in Schottland von Banken herausgegebenen Pfund-Serien. Abgebildet ist eine 5-Pfund -Note der Clydesdale Bank. Die anderen berechtigten Institute: Royal Bank of Scotland und Bank of Scotland.

 

100 Jahre Federal Reserve, 40 Jahre "Major-Tom-Geld"

Der Begriff Banknote erinnert bis heute daran, dass (Papier)geld keine Erfindung der Staaten und ihrer Zentralbanken ist. Banknoten entstanden als Zertifikate (für alles mögliche, aber meist Edelmetalle) schon lange vor den heutigen Zentralbanken. Diese wiederum sind ursprünglich zur Ordnung des aus der Währungsvielfalt entstehenden Chaoses errichtet worden. Als Urgroßmutter der modernen Zentralbanken gilt gemeinhin die "Amsterdamer Wechselbank", die 1609 gegründet wurde.

Das (moderne) staatliche Geldsystem, wie wir es heute kennen, ist (grob gesagt) erst mit der Gründung der Federal Reserve im Jahr 1913 entstanden. Die "lustige" Welt des völlig lös gelösten "Major-Tom-Geldes" existiert überhaupt erst seit 1971 - also rund 42 Jahre (damals wurde die Goldeintauschbarkeit des Dollars aufgehoben). Und, fun fact: rund 40 Jahre ist sozusagen die "durchschnittliche" Überlebenszeit von komplett ungedecktem Papiergeld.

Das sind die "Kleinigkeiten", die viele hauptberufliche Postpostpostmarxisten bei ihrer Diagnose der Krise übersehen - auch weil sie sich meist nicht mit dem Geldsystem beschäftigen, wie sowieso die meisten Leute. Geld, das ist was vom Staat kommt. Schuld an der Krise? Die Deregulierung der Finanzmärkte!

 

"Mutter aller Deregulierungen"

Dass dieser Deregulierung zuerst eine geschichtlich einzigartige Regulierung dieser Finanzmärkte voranging, nämlich die Verstaatlichung des Geldes, wird geflissentlich übersehen. Genauso wie die "Mutter aller Deregulierungen", die erst die Bühne für die weiteren geschaffen hat: die Auflösung der letzten Reste des Goldstandards 1971.

Die danach folgenden Booms und Busts, die Euphorien und die Krisen, all die Deregulierungen und Derivate sind eine direkte Folge, denn das "Pyramidenspiel Dollar", das dem Währungssystem zu Grunde liegt, kennt eben nur eines: Wachstum. Und was ist Geldmengenwachstum? Inflation.

Die Teuerung ist dank der EZB in Europa derzeit weitgehend unter Kontrolle, das stimmt, ist aber auch schon alles. Inflation, das ist "bloß" die Ausweitung (inflare = lat. "aufblasen") der Geldmenge, auf Englisch nennt man das "Debasement", also "Entwertung". Teuerung (steigende Preise) sind eine Folge der Inflation. Kann man beim Dollar schön beobachten.

Inflation
Inflation

USD-Teuerung seit 1800 (und zwar laut den offiziellen(!) Zahlen). 

Warum es zu diesem "Hockeystick" wohl keinen Al-Gore-Film gibt? 

Oder zu diesem:

Währungsreserven
Währungsreserven

Währungsreserven in USD

Diese Grafik aller internationalen Währungsreserven kombiniert geht wohlgemerkt nur bis 2007, die "Epoche des großen Druckens" (Codename Quantitative Easing) ging da erst los!

 

Der Blinddarm des Geldsystems

Gut, kommen wir zu den Derivaten, sozusagen die "Babys der Deregulierung". Wie wir vom Gold-Derivate-Markt wissen, haben diese eine Eigenheit - sie beziehen sich auf einen "echten" Wert wie Aktien oder Rohstoffe, sind in diesem aber nicht auszahlbar! Sondern in? Dreimal dürfen Sie raten. In Dollar natürlich.

Diese aufgeblasenen (inflationierten!) "Finanzmärkte" sind sozusagen der Wurmfortsatz des Geldsystems - mit einem kleinen Unterschied zur medizinischen Realität. Den Blinddarm braucht kein Mensch. Den Dollar kann man sich aber als menschlichen Körper mit einem gewaltig angeschwollenen Blinddarm vorstellen, der problematischer Weise inzwischen überlebensnotwendig geworden ist. Kein schönes Bild, ich weiß. Aber hey, das Ende einer Reservewährung ist nie hübsch anzusehen gewesen. Kann nicht sein, sagen Sie? "König Dollar" regiert die Welt? Sicher, aber wie lange noch?

Reservecurrency
Reservecurrency

Alles hat ein Ende, auch das Leben einer Reservewährung.

 

Man darf ruhig ein bisschen nervös sein

Nein, das ist jetzt keine Prognose und auch kein Dollar-Bashing, es ist lediglich eine mögliche Erklärung für die Schwierigkeiten der Weltwirtschaft - eine, die politische Realitäten bei der Analyse berücksichtigt. Wie es kommen wird? Weiß niemand.

Aber in Kombination mit den aktuellen Entwicklungen an den Börsen und der "unkonventionellen" Methoden der Zentralbanken (noch mehr Geld drucken als vorher) ist ein wenig Nervosität durchaus angebracht, wie ich finde. Die Börse und die Realität entfernen sich nämlich immer weiter voneinander. Ein Umstand, der wohl nicht auf Dauer durchzuhalten ist. Nehmen Sie sich eine Stunde Zeit und sehen sie sich die folgende Präsentation von Grant Williams an. Prädikat: besorgniserregend.

Williams bietet auch eine elegante Lösung für das "Problem" der Unterscheidung zwischen Papiergold und "echtem" Gold: er spricht vom "Goldpreis" (der in den Zeitungen) und dem "Preis von Gold" (der in den Münzshops).

Was das alles mit Schottland zu tun hat? Zugegeben nicht wahnsinnig viel, aber immerhin wird dort kommendes Jahr über die Unabhängigkeit abgestimmt. Wie es um das Geldsystem dann stehen wird, wissen wir freilich nicht. Aber was wir wissen: die Schotten haben im Fall einer Unabhängigkeit alle Geldmöglichkeiten der Welt! Sie könnten im Pfund bleiben, dem Euro beitreten, eine eigene staatliche Währung erfinden oder, was gar nicht so abwegig wäre, das mit dem Geld einfach den Banken überlassen. Die "Denationalisierung der Währungen" ist ja durchaus schon Realität - vorausgesetzt Bitcoin wird nicht abgedreht...