Die Sintflut am Euphrat, am Mississippi und an der Donau

Darf man die Flut 2013 als „Jahrhundertflut“ bezeichnen? Streng genommen nein. Aber die Suche nach gewaltigen Wörtern für gewaltige Ereignisse ist nur zu verständlich.

Es ist ein Running Gag in der medialen Aufarbeitung von Fluten, Stürmen, Beben, Frösten, Hitzen, ja, aller irgendwie aus der Norm fallenden Naturereignisse: „Jahrhundertflut“, „Jahrhundertsturm“, „Jahrhundertwinter“ etc. titeln die Boulevardblätter, worauf die Besonnenen in den klugen Zeitungen tadelnd die Zeigefinger heben: Was für eine verwerfliche, marktschreierische Übertreibung! Wer weiß, sinnieren sie, wer weiß überhaupt, was das Jahrhundert noch bringt...

Ich sage: Senkt die Zeigefinger. Ja, wir wissen, ein Jahrhundertereignis ist streng definiert als ein Ereignis, das im Durchschnitt nur einmal pro Jahrhundert vorkommt. Aber der Volksmund, auf den wir doch auch hören wollen, versteht unter einer Olympiade, auch wenn's den Schulmeistern nicht passt, die Olympischen Spiele, und unter einer Jahrhundertflut eben die bisher größte des laufenden Jahrhunderts.

Und das ist diese offenbar, wenigstens in einigen Regionen Österreichs. Sie hat der Flut von 2002 den Rang abgelaufen. Natürlich wird sie ihn mit großer Wahrscheinlichkeit nicht bis 2099 behalten, aber so ist das halt einmal mit den Rekorden, sie sind vorläufig. In diesem Sinn wäre es auch okay, sie als Jahrtausendflut zu bezeichnen, es spricht für die natürliche Zurückhaltung unserer Boulevardpresse, dass sie darauf verzichtet.

Überhaupt ist es verständlich, dass Menschen nach großen, gewaltigen Wörtern suchen, wenn ihnen Großes, Gewaltiges, vor allem Naturgewaltiges widerfährt. Und eine Flut, die wir jetzt erleben, ist unsere Rekordflut, in dem Sinn, in dem Sigmund Freud 1939 stoisch auf die Frage antwortete, ob er nicht glaube, dass das nun der letzte Krieg sei: „Mein letzter Krieg.“

Zugleich kann man in jeder Flut alle Fluten sehen, man muss auch nicht für jede neue Lieder schreiben. „If it keeps on raining, the levee's gonna break“, sang Bob Dylan 2006, ein Jahr, nachdem in New Orleans die vom Hurrikan Katrina ausgelöste Flut beinahe die Dämme des Mississippi zerrissen hätte. Die Zeilen waren nicht von ihm, schon 1929 hatten sie in „When The Levee Breaks“ Kansas Joe McCoy and Memphis Minnie gesungen, zwei Jahre nach der großen Mississippi-Flut 1927, aber wer weiß, vielleicht sind sie noch älter.

Wann war die ganz große, die älteste Flut, nach der die Taube das Ölblatt im Schnabel trug? Und wo? „Die Sintflut spielte also am Euphrat, aber in China spielte sie auch“, schreibt Thomas Mann in „Höllenfahrt“, dem Vorspiel zu seiner Romantetralogie „Joseph und seine Brüder“. Doch beide seien – wie der Atlantis-Untergang – „nur eine Wiederholung“ gewesen, „das Gegenwärtigwerden von etwas tief Vergangenem, eine fürchterliche Gedächtnisauffrischung“. So verteidigt er das „Denken, welches in jeder Heimsuchung durch Wassersnot einfach die Sintflut erkannte“.

H.C.Artmann hat das in „med ana schwoazzn dintn“ in eine lapidare Zeile gefasst, die vielleicht den einen oder die andere trösten kann, den oder die das Wüten der Donau nicht ganz so schlimm getroffen hat:

„Noch ana sindflud san olawäu de fenztabreln fafäud.“

E-Mails an: thomas.kramar@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.06.2013)

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