Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Schulforschung: Was uns Hattie (nicht) sagen will

Schulforschung Hattie
Schulforschung Hattie(c) Clemens Fabry
  • Drucken

John Hattie, der neue Star der Pädagogik, wird oft missverstanden. Fünf Fehlinterpretationen auf dem Prüfstand.

Für die einen ist er das ultimative Argument gegen die Gesamtschule, für die anderen der Totengräber der Reformpädagogik: John Hattie, jener Neuseeländer, der mit seiner gigantischen Bildungsstudie zum neuen Star der Pädagogik aufgestiegen ist, wird gern missinterpretiert, sei es aus Unwissen – kaum jemand hatte sein gut 400 Seiten starkes Buch in Händen –, oder weil (scheinbare) Botschaften Hatties gut in diverse ideologische Konzepte passen.

Ulrich Steffens ist einer der Erziehungswissenschaftler, die sich eingehender mit den Thesen Hatties beschäftigt haben. „Die Presse“ hat nachgefragt, was John Hattie sagen will – und was nicht.

1.Es kommt auf den Lehrer an – nicht falsch, und doch zu einfach

Es kommt auf den Lehrer an – so wird John Hattie zuallermeist zitiert. Das ist nicht ganz falsch, und doch zu einfach. Nicht nur, weil das den Lehrer, die Lehrerin tendenziell überfordert – denn wenn es um den Lernerfolg geht, gibt es ja auch noch den Schüler selbst. Sondern auch, weil viele die Botschaft auf die Lehrerpersönlichkeit münzen. „Bei Hattie geht es aber nicht um die Person des Lehrers“, sagt Ulrich Steffens. „Es geht darum, was er tut.“ Wie er lehrt, wie er mit den Schülern interagiert. „Das ist trainierbar“, betont Steffens – und hier müsse die Politik ansetzen.

2. Strukturdebatten sind irrelevant– wenn es eine Gesamtschule gibt

Ein Punkt, der hierzulande von vielen mit einer gewissen Genugtuung rezipiert wurde: Hattie zufolge sind Schulstrukturen relativ irrelevant. Hier etwas zu ändern bringt für den Lernerfolg wenig. Ergo – so die Lesart in Österreich: Die Gesamtschuldebatte ist überflüssig. „Hattie wird hier konträr zu dem interpretiert, was er eigentlich meint“, sagt Steffens. Die Studien, die Hattie analysiert hat, stammen aus dem angloamerikanischen Raum – und dort gibt es in der Sekundarstufe meist keine Differenzierung. Dass Strukturveränderungen nichts bringen, bedeutet also eigentlich: Es hat wenig Sinn, ein differenziertes Schulsystem – AHS und Hauptschule – einzuführen.

3. Es ist nicht der klassische Frontalunterricht, der klug macht

Nicht nur die „FAZ“ jubelte über ein anderes Ergebnis: „Frontalunterricht macht klug“, titelte sie. Doch was Hattie zufolge zum Lernerfolg beiträgt, sei nicht jener Unterricht, bei dem der Lehrer den Schülern vom Pult aus sein Wissen diktiert, sondern vielmehr die häufig als Frontalunterricht missverstandene „direkte Instruktion“, sagt Steffens. Das wiederum ist eine Vorgehensweise, bei der der Lehrer den Unterricht zwar von der ersten bis zur letzten Minute steuert – aber immer aus der Perspektive (und unter Einbindung) der Schüler. Es geht also nicht um einen lehrerzentrierten, sondern um einen schülerorientierten Unterricht, bei dem der Lehrer ständig Feedback gibt und auch selbst annimmt. Um einen Unterricht, bei dem sich der Lehrer als Lernender versteht.

4. Offenes Lernen bringt wenig – aber zumindest gleich viel

Der Effekt von offenem Unterricht oder freier Arbeit ist laut Hattie äußerst gering – was Kritiker der Reformpädagogik rasch für sich vereinnahmt haben. Dabei bedeute das nicht, dass die Methoden nicht wirksam seien oder schlechter als traditioneller Unterricht, sagt Steffens. Sondern nur, dass es zur klassischen Herangehensweise keinen Unterschied gibt. Und auch das nur, was den reinen Lernerfolg betrifft. Was reformpädagogische Konzepte in anderen Bereichen bringen – etwa für die Selbstständigkeit –, müsse man nochmals gesondert betrachten, sagt Steffens. Klar sei: Es komme Hattie weniger auf die Methodenfrage an, als darauf, wie der Unterricht aussehen soll. Nämlich kognitiv aktivierend.

5. Hattie hat den Gral der Pädagogik entdeckt – für einen Teilbereich

John Hattie habe den heiligen Gral der Schulforschung entdeckt, titelte einst die britische „Times“. Seine Studie sei die letztgültige Antwort auf schulpädagogische und didaktische Fragen, meinen viele. Das sei sicherlich übertrieben, so Steffens. Denn im Einzelnen seien die Ergebnisse hinreichend bekannt. Das Besondere an Hattie sei die Zusammenschau der großen Anzahl an Befunde. Und: Hattie fokussiert in seiner Arbeit (fast) immer auf den fachlichen Lernerfolg. Selbstständigkeit, Kreativität und Sozialkompetenz sind nicht Gegenstand der Untersuchung.

Trotz dieser Einschränkungen: Aus einer pädagogischen Perspektive fielen die Befunde positiv aus, sagt Ulrich Steffens. Zentral für den Lernerfolg ist das, was im Unterricht passiert. Die Schlussfolgerungen daraus sind für ihn klar: „Die Bildungspolitik muss viel stärker als bisher in das Personal investieren – in die Lehrer, ihre Ausbildung und Weiterbildung.

 

Auf einen Blick

Für seine Studie hat der Erziehungswissenschaftler John Hattie rund 800Metastudien untersucht, die auf über 50.000 einzelnen Studien basieren. Ergebnis ist eine Skala von 138Faktoren für den Lernerfolg.

Ulrich Steffens ist Erziehungswissenschaftler und seit Jänner als Direktor am hessischen Landesschulamt in Wiesbaden tätig. Auf Einladung der Initiative BildungGrenzenlos war Steffens kürzlich in Wien. Der Hattie-Experte referierte vor rund 270 Gästen zum Thema „Lernen sichtbar machen“. Der Vortrag samt Podiumsdiskussion war der erste Teil einer gemeinsamen Veranstaltungsserie von BildungGrenzenlos und „Presse“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.06.2013)