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Alfred Gusenbauer: Zwischen Autokrat und Automat

Alfred Gusenbauer
Alfred Gusenbauer(c) Clemens Fabry
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Wegen seiner Tätigkeit für den kasachischen Präsidenten Nasarbajew und den Glücksspiel-konzern Novomatic geriet der Ex-Kanzler ins Zwielicht. Seine Beraterkollegen, auch die bürgerlichen, verteidigen ihn.

Wien. Ihn umtriebig zu nennen, wäre eine Untertreibung. Neben seiner eigenen Firma, der Gusenbauer Projektentwicklung und Beteiligung GmbH, hat er als Beteiligter der Cudos Advisors GmbH jüngst etwa das Traditionsunternehmen Backhausen übernommen. Er ist Europadirektor des chilenischen Investmentfonds Equitas, zudem sitzt er in den Aufsichtsräten von Strabag und RHI, im Beirat von René Benkos Signa-Holding und so weiter und so fort.

Für größere Aufregung sorgte vor allem Alfred Gusenbauers Beratertätigkeit für den autokratischen kasachischen Präsidenten Nursultan Nasarbajew – was ihm nun Ermittlungen der Staatsanwaltschaft eintrug. Gusenbauer weist die Vorwürfe, er habe den kasachischen Geheimdienst mit parlamentarischen Dokumenten zur „Causa Alijew“ versorgt, allerdings strikt zurück.

Fast noch übler nahmen es ihm die eigenen Genossen, dass er ein Aufsichtsratsmandat der deutschen Tochter des österreichischen Glücksspielkonzerns Novomatic angenommen hat. In Wien haben die Sozialdemokraten das „kleine Glücksspiel“ auf Druck ihrer Basis verboten.

Was darf ein Politiker a.D. also – noch dazu, wenn er Bundeskanzler war und Sozialdemokrat ist?

 

Wolfgang Rosam: „Eine Hetzjagd“

Wolfgang Rosam, namhafter Gusenbauer-Kollege aus der Beraterbranche, der eher dem bürgerlichen Lager zugerechnet wird, spricht von einer „Hetzjagd“ auf den ehemaligen SPÖ-Vorsitzenden und findet die Debatte scheinheilig: „Als Kanzler wurde Gusenbauer abgesetzt, in Brüssel durfte er nichts werden, also hat er von null auf ein Geschäft aufgebaut. Und weil er fleißig ist, verdient er auch gutes Geld.“

Nun gehe man her und analysiere seine Kunden, das würde man bei anderen nicht machen. „Dann dürfte man Nasarbajew ja auch nicht als Staatschef empfangen.“ Rosams Conclusio: „Wer geht heute noch in die Politik, wenn er sieht, wie mit ehemaligen Politikern umgegangen wird?“ Da dürfe man sich nicht wundern, dass die Elite sich nicht mehr politisch engagiere.

Ähnlich sieht das Heidi Glück, früher Pressesprecherin von Gusenbauer-Kontrahent Wolfgang Schüssel, heute selbstständige PR-Beraterin: „Alles, was ethisch nicht verwerflich ist, ist grundsätzlich erlaubt. Es ist halt die Frage, ob ich als Demokrat jemanden berate, der kein Demokrat nach unseren Standards ist.“ Und da neigt Glück zur Antwort: „Wer, wenn nicht ein Demokrat, soll jemandem, der bisher nicht den demokratischen Standards entsprach, diese beibringen.“ Wenn das der Auftrag sei, jemanden an demokratische Standards heranzuführen, „dann kann das ja auch ein Fortschritt sein“, meint die frühere ÖVP-Kanzler-Sprecherin. Laut Alfred Gusenbauer ist genau das auch der Auftrag.

Josef Kalina, heute ebenfalls Inhaber eines Beratungsunternehmens und als SPÖ-Bundesgeschäftsführer seinerzeit im Unfrieden von Alfred Gusenbauer geschieden, hält die Debatte wie Rosam für scheinheilig. „Und ich fühle mich nicht berufen, hier Vorschriften und Benimmregeln aufzustellen. Den Rahmen setzen die Gesetze. Wer sich innerhalb dieser in unserem Wirtschaftsgefüge bewegt, bewegt sich eben dort.“

Er habe es auch stets für „jenseitig“ gehalten, Wolfgang Schüssel vorzuwerfen, dass er für einen deutschen Energiekonzern tätig sei. Das wäre nur verwerflich, würde er gleichzeitig Energiesprecher im Parlament sein. „Und wie Schüssel ist auch Gusenbauer aus der Politik ausgeschieden – und hat nun ein neues Betätigungsfeld gefunden.“

Branchenkollege Thomas Hofer sieht das ein wenig kritischer: „Es ist nicht verboten, was Gusenbauer macht – aber mit den Grundwerten der SPÖ ist das schon schwer kompatibel. Da muss er sich die Kritik gefallen lassen.“ Das Engagement für den kasachischen Präsidenten sei jedenfalls „demokratiepolitisch heikel“, so Hofer. „Aber es kann andererseits auch nicht verboten sein, wirtschaftlichen Erfolg zu haben.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.06.2013)