Da der neue Börne-Preisträger Peter Sloterdijk ein „Terrorversteher“ sei, gibt der deutsche Publizist Henry M. Broder seinen Börne-Preis zurück.
„Ich will keinem Zirkel angehören, der einen Terrorversteher und Massenmordverkleinerer aufnimmt.“ Henryk M. Broder ist wie immer ein Freund von starken Worten. Mit dem „Zirkel“ sind die Träger des Börne-Preises gemeint, darunter Marcel Reich-Ranicki, Hans Magnus Enzensberger, Joachim Gauck und eben Broder selbst. Als „Terrorversteher und Massenmordverkleinerer“ bezeichnet Broder den Philosophen Peter Sloterdijk, der am 16.Juni in der Paulskirche zu diesem illustren Kreis der Preisträger stoßen soll.
Was hat Peter Sloterdijk getan? Laut Broder habe er gegenüber der „Welt am Sonntag“ die Anschläge vom 11.September in die Kategorie „schwer wahrnehmbare Kleinzwischenfälle“ eingeordnet. Und in der Zeitschrift „Focus“ habe er eine rhetorische Frage gestellt, die darauf hinweise, dass er Verständnis für die Anschläge aufbringe. Sloterdijk: „Haben wir immer noch nicht verstanden, dass die westliche Demokratie jene Lebensform ist, in der man für seinen Feind verantwortlich ist – weil dieser die eigene Praxis widerspiegelt?“
„Gefühlskälte gegenüber den Opfern“
In seinem Artikel für „Die Welt“ erzählt Broder von dem Entsetzen, das ihn angesichts der einstürzenden Twin Towers ergriffen hat – und von jener „Beletage der deutschen Intelligenz“, die dieses Entsetzen nicht geteilt hat. „9/11 war furchtbar. Die Reaktionen auf die Anschläge waren es nicht weniger. Schadenfreude über eine blamierte Weltmacht, die es vor der eigenen Tür erwischt hatte, gepaart mit einer Gefühlskälte gegenüber den Opfern, die sich kein Tierfreund erlaubt hätte, wäre irgendwo ein Laster mit 3000 Küken an Bord vom Weg abgekommen und umgestürzt.“ Broder erwähnt den Moraltheologen Drewermann, der erklärt hat, Terror sei „die Ersatzsprache der Gewalt, weil berechtigte Anliegen nicht gehört werden“, und die damalige Berliner Kultursenatorin, die wenige Tage nach dem Anschlag darüber sinniert hat, dass das World Trade Center nicht für die Zivilgesellschaft stehe, sondern „für den Kapitalismus, für die Weltmacht“. Außerdem seien die Türme „phallisch“.
Im Wesentlichen gab es drei Strategien, den Anschlag zu relativieren. Erstens, man erklärte, die CIA oder der Mossad hätte die Hände im Spiel gehabt. Zweitens: Man machte zwar nicht direkt die USA oder Israel verantwortlich – indirekt aber doch. Beide hätten den Terror provoziert. In dieses Horn blies Sloterdijk, wenn er meinte, die Demokratie sei für ihren Feind „selbst verantwortlich“. Noch eine dritte Variante gibt es, den Vergleich: Da werden die Toten in den Twin Towers etwa mit den Toten in der Dritten Welt aufgerechnet. Tenor: Habt euch nicht so.
Was freilich verwundert: Von all jenen, die Broder in seinem Artikel zitiert, ist Sloterdijk noch der harmloseste. Vielleicht will Broder deshalb nicht offiziell „protestieren“: „Ich tue nur das, was Heino getan hat, nachdem Bushido einen Bambi bekommen hat: Er gab seinen Bambi zurück.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.06.2013)