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Österreichs klebriger antisemitischer Bodensatz

Vor allem die Kulturproduktion ist seit den 1960er-Jahren bemüht, sich mit der österreichischen Selbstlüge auseinanderzusetzen und die Mosaiksteinchen der vielschichtigen, auch jüdischen, Identitäten wieder zusammenzufügen.

Die Verfechter eines weltoffenen Österreich, das integrativ mit seinen vielschichtigen historischen Identitäten sowie auch dem gegenwärtigen „Anderssein“ umgehen kann, haben in den letzten Monaten viel erreicht: Der 8.Mai, der in ganz Europa unzweideutig als Datum des Endes von Nazi-Terror und Zweitem Weltkrieg begangen wird, ist endlich auch in Wien auf dem Heldenplatz ein von Wiener Symphonikern und dem Bundesheer würdig gefeierter Tag des Friedens, der Freude und der Freiheit.

Nach 68 Jahren ist es spät, aber doch gelungen, diesem politisch und kulturell so aufgeladenen Ort einen neuen Sinn zu geben.

Auch jüngste Veröffentlichungen und Diskussionen zur Nazi-Vergangenheit der Wiener Philharmoniker und der Akademie der Wissenschaften sollten sehr positiv gewertet werden, da nun auch die Jahrzehnte andauernden Vertuschungsstrategien und Komplizenschaften der Nazi-Täter und -Sympathisanten aufgedeckt und auch geächtet werden.

 

Harte Stereotype

Dennoch ist erschreckend, dass es im öffentlichen Diskurs noch heute antisemitische Äußerungen geben kann, deren Verurteilung manchmal sogar bis hinauf zum Bundespräsidenten reichen muss. Hanno Loewy, Direktor des Jüdischen Museums in Hohenems, hat einige davon in einem erstaunlichen Überblick zusammengestellt.

Wir müssen uns heute vor allem die Frage stellen, wie Politik, Kultur, aber auch die Wissenschaft mit dem spezifisch österreichischen Phänomen eines hartnäckig brodelnden, antisemitischen Bodensatzes umgehen soll. Als Voraussetzung dafür erscheint uns, dass dieser als ebensolcher – eigenständiger österreichischer – Postnazismus erkannt und auch benannt werden muss.

Vorbei sind die Zeiten der 1950er- bis 1980er-Jahre, als die Devise noch lautete, die Nazis seien keine Österreicher, sondern Deutsche. Vorbei sind aber auch die 1990er-Jahre, als das „andere Österreich“ des Lichtermeers versuchte, sich als zivilgesellschaftliche Alternative von Staat und rechtem Bodensatz moralisch zu distanzieren. Österreich muss sich heute endlich gänzlich aus eigener Anstrengung und ohne Erinnerung aus dem Ausland mit diesem problematischen Teil seiner Identität auseinandersetzen und damit auch fertigwerden.

Denn diese Erinnerungen gibt es mehr denn je. Als zum Beispiel Christoph Waltz in der NBC-„Saturday Night Live Show“ im März 2013 gefragt wird, ob er Deutscher sei, ist seine Antwort klar: Zu seinem Bekenntnis, Österreicher zu sein, werden (bayerisch) gekleidete Trachtenträger sowie ein mit „Heil“ salutierender Jungnazi gezeigt. Dass dieses Bild bereits zum harten Stereotyp Österreichs geworden ist, zeigen auch die problematischen Kommentare und Berichte in der „New York Times“ 2008, wonach die Affären Fritzl und Kampusch mit der postnazistischen Kondition Österreichs in Zusammenhang zu bringen seien.

Auch die internationale politische Berichterstattung über den Aufstieg der FPÖ in den 1990er-Jahren wurde immer wieder mit Querverweisen auf die Nazi-Vergangenheit versehen. Vieles an Aufarbeitung wäre in Österreich seit Kurt Waldheim und Jörg Haider auch wirklich nicht geschehen, wenn nicht auch massive internationale Kritik auf Österreich niedergeprasselt wäre.

 

Antifaschismus nicht kleinreden

Trotzdem sollten wir auch die Leistungen des Antifaschismus nicht unterbewerten. Ebenso wie der Antisemitismus in Österreichs Geschichte stark verankert ist, sind es auch seine gegnerischen Geschwister: alle diejenigen, die um eine demokratisch verfasste Rechtsstaatlichkeit gekämpft haben und weiterhin kämpfen.

Der teilweise philosemitische katholische Antifaschismus der Christlichsozialen sowie der Widerstand von Sozialisten, Kommunisten und Partisanen waren nicht nur ideologisch motiviert, sondern auch Ausdruck einer demokratischen Grundhaltung, wonach die Zugehörigkeit zu einer „bestimmten“ Rasse oder Glaubensgemeinschaft nicht zur Diskriminierung vor dem Gesetz führen dürfe. Das Staatsgrundgesetz 1867 mit seiner Glaubens- und Gewissensfreiheit und der formalen Gleichheit vor dem Gesetz ist auch heute noch für das offizielle Österreich eine solide Grundlage.

Die Beteiligung der Kommunisten an der Regierung nach 1945, die lange Wirkungsgeschichte des Dokumentationsarchivs des Widerstands sowie die Diskussion in der Affäre um den nationalsozialistischen Historiker Taras Borodajkewycz in den 1960er-Jahren sind frühe Meilensteine einer politischen Aufarbeitung.

Dazu kommt, dass sich ein Großteil der österreichischen Kulturproduktion ab den 1960er-Jahren in der einen oder anderen Form mit der Kritik an Österreichs Selbstlüge auseinandersetzte. Ingeborg Bachmanns Freundschaft mit Paul Celan (ab 1948) widerspiegelt auch das Interesse und die Sehnsucht einer jungen Dichterin, die ihre familiäre und kulturelle Verflechtung mit dem Nationalsozialismus überwinden will.

 

Helden der säkularen Entwicklung

Auch die radikale, aggressive wie autoaggressive Haltung von Künstlern wie Günter Brus, Rudolf Schwarzkogler, Hermann Nitsch und dem jüngst verstorbenen Otto Muehl müssen als künstlerische Reaktion auf den Phantomschmerz eines abgeschnittenen, zentralen Teils der österreichischen Identität verstanden werden. Die kompromisslose Agitation des Wiener Aktionismus muss als wichtiger Beitrag zur Konstruktion einer offenen, demokratischen Gesellschaft verstanden werden.

Weitere Helden dieser säkularen Entwicklung sind Peter Handke, Elfriede Jelinek und Peter Turrini, die mit ihrer Rebellion gegen das reaktionäre Nachkriegsösterreich den Weg vorzeigten. Dem Multitalent André Heller und dem Filmemacher Axel Corti gelang es bereits frühzeitig, Mosaiksteinchen der vielschichtigen, auch jüdischen, Identitäten wieder zusammenzufügen.

Diese Namen stehen aber nur symbolisch für alle diejenigen, die darum kämpfen, Österreich als Teil einer westlichen Moderne zu definieren, die sich nun am multireligiösen und -ethnischen Vorbild der USA statt an der eigenen, immer noch umstrittenen transnationalen Vergangenheit orientiert.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zu den Autoren

Andreas Stadler (*1965 in Mürzzuschlag) studierte in Wien, Florenz und Warschau Politikwissenschaft, Internationale Beziehungen und slawische Sprachen. Nach dem Eintritt in den diplomatischen Dienst war er auf Posten in Kroatien und Polen, danach Wissenschafts- und Kulturberater des Bundespräsidenten. Seit 2007 ist er Direktor des Österreichischen Kulturforums New York. [Privat]

Eric Kandel (*1929 in Wien) musste 1939 mit seiner Familie in die USA emigrieren. Er studierte Medizin in New York und spezialisierte sich auf Neurobiologie. Im Jahr 2000 erhielt er den Nobelpreis für Physiologie/Medizin. Am Donnerstagabend wird er in Wien mit dem Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch für sein Werk „Das Zeitalter der Erkenntnis“ ausgezeichnet. [M. Pauty]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.06.2013)