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Wo bleibt da der Mann? Sprache wird weiblich

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bleibt Mann Sprache wird(c) istock
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Die Uni Leipzig kennt keine Professoren mehr, nur mehr Professorinnen - zumindest auf dem Papier. Ein kleiner Exkurs über den Segen und Fluch von Schrägstrich, Binnen-I und Gender Gap.

Es waren wieder einmal diese vermaledeiten Schrägstriche, die an der Universität Leipzig für Diskussionen sorgten – bzw. die Satzungetüme, die entstehen, wenn man einen Text nach den Regeln der feministischen Kunst gendern will: „Die Universitätspräsidentin/der Universitätspräsident ist oberste Dienstbehörde und Dienstvorgesetzte/Dienstvorgesetzter für alle Beamtinnen und Beamten.“ So steht es im deutschen Universitätsgesetz, so ähnlich sollte auch die neue Grundordnung klingen, über die der Leipziger Uni-Senat diese Woche abzustimmen hatte.

Elegant ist anders.

Vor allem die Juristen waren es leid, sich durch solche Texte zu quälen – vielleicht, weil sie als Einzige die Grundordnung auch lesen und nicht nur zur Kenntnis nehmen. Sie argumentierten also im Senat für die Abschaffung des Schrägstrichs: Schluss mit Gendern! Es drohte sich also eine zeitraubende Grundsatzdebatte zu entspinnen, was angeblich einem Physikprofessor gegen den Strich ging. Um das Prozedere abzukürzen, schlug er vor, doch in Hinkunft ganz generell nur die weibliche Form zu verwenden, dann gebe es eben nur mehr Professorinnen und Studentinnen, Rektorinnen und Präsidentinnen – man nennt es: das generische Femininum.

 

„Liebe Wählerinnen und Wähler“

Das generische Maskulinum ist in unserem Sprachgebrauch die Regel: Man nimmt die männliche Form, meint aber die Frauen gleich mit. Das ging über Jahrhunderte so, die Frauenbewegung hat diese Praxis infrage gestellt. Seither wurden immer wieder neue Anstrengungen unternommen, die Frauen im Text „sichtbar“ zu machen.

Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten, und wer besonderes Geschick an den Tag legt, nutzt gleich mehrere und sorgt so für Abwechslung. Man (wobei das „man“ aus einem gegenderten Text schon getilgt werden müsste) wählt eine neutrale Form: „die Studierenden“ statt „Studenten“. Man verwendet die männliche und die weibliche Form, wie es Politiker gern machen: „Liebe Wählerinnen und Wähler“. Dass in Reden fleißig gegendert wird, hängt damit zusammen, dass Politiker sehr wohl wissen, was Feministinnen immer wieder betonen: dass sich Frauen weniger angesprochen fühlen, wenn man ihnen mit dem generischen Maskulinum kommt.

Besonders umstritten sind jene Varianten, die später entwickelt wurden: der Schrägstrich (die Bürger/innen), das Binnen-I (die BürgerInnen) und der Gender Gap (die Bürgerinnen). Das Binnen-I soll Anfang der 1980er-Jahre von Christoph Busch erfunden worden sein, der den Begriff „HörerInnen“ in einem Band über Freie Radios einführte. Der Autor lieferte außerdem gleich zwei Interpretationen mit: Das kleine i sei geschlechtsreif geworden und dabei gewachsen, so die eine. Die zweite: Das i sei mit dem Schrägstrich verschmolzen.

Das Binnen-I blieb auch unter Feministinnen umstritten. Manche Frauen stießen sich an der „phallischen Form“, andere wiesen darauf hin, dass gegenderte Texte an der Diskriminierung von Frauen nichts ändern – ja möglicherweise gar das Gegenteil des Erwünschten bewirken. „Heutzutage wird die Sprachgerechtigkeit den Frauen von den Männern als Geschenk dargebracht, ist aber bloß ein Ablenkungsmanöver“, schrieb die Wiener Ethnologin Ingrid Thurner in der „Welt“: Sie erwähnte insbesondere die Universitäten. Die Frauen „bekommen die Binnenversalien“, die Männer „bescheiden sich mit den Ordinarien“, so Thurner sarkastisch.

Dem Schrägstrich und dem Binnen-I einen diskriminierenden Effekt zuzuschreiben, geht dann doch zu weit – und misst dem Binnen-I eine Bedeutung zu, die es vermutlich gar nicht hat. Was man nämlich konstatieren kann: Das Gendering hatte bisher wenig bis keinen Effekt. Vielleicht auch, weil das Binnen-I es in über 30 Jahren nie aus den Amtsstuben und aus der Nische der feministischen Literatur hinausgeschafft hat. Unter den relevanten Zeitungen rückt lediglich die „taz“ regelmäßig gegenderte Texte ins Blatt, wobei es den Autoren freigestellt ist, ob sie gendern wollen oder nicht. Sehr viele wollen nicht. Vermutlich, weil es schwer genug ist, komplexe Zusammenhänge in einen gut lesbaren Text zu fassen. Da ist das Gendern nur eine zusätzliche Hürde.

Zudem lässt sich Sprache nun einmal schwer von oben herab verordnen – und sie hat eine Tendenz zur Vereinfachung, zumindest dort, wo die Vereinfachung keine Information kostet. Komplizierte Formen, wie etwa starke Verben, werden tendenziell durch simplere ersetzt, nicht umgekehrt.

 

Mörderinnen, Betrügerinnen

Wie ist es nun mit dem generischen Femininum, das der Leipziger Physikprofessor vorgeschlagen hat? Das wird sich zwar in der Alltagssprache ebenfalls nicht durchsetzen, auch hier gilt das Gesetz der Knappheit, und die weibliche Form ist nun einmal länger als die männliche, immerhin leitet sie sich (meist) davon ab.

Was aber Gesetzestexte, Formulare oder Grundordnungen wie die der Uni Leipzig betrifft, hätte die Verwendung des generischen Femininums Vorteile – und einen gewissen Charme. Es berücksichtigt die Frauen, stört den Fluss des Textes nicht, erleichtert die Formulierung. Netter Nebeneffekt: Endlich wäre auch von Mörderinnen und Betrügerinnen die Rede, wie das von Gegnern des Genderns immer wieder – höhnisch – gefordert wird.

Im Leipziger Senat fand das generische Femininum jedenfalls eine Mehrheit. In der Folge beschwerten sich einige Studenten, Absolventen und Professoren, das generische Femininum diskriminiere Männer. Und das generische Maskulinum?

Interessant, wie oft sich Männer diskriminiert fühlen von Dingen, die Frauen von jeher ertragen mussten – und die angeblich niemals diskriminierend waren, solange sie nur die Frauen betrafen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.06.2013)