Schwedisch-Lapplan: Wem mitternachts die Sonne lacht

Schwedisch-Lappland.
Schwedisch-Lappland.(C) www.m-klueber.de
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„Sápmi-Land“ nennen die Ureinwohner dieses grenzübergreifende Siedlungsgebiet. Magisches Licht, endlose Weiten und tiefe innere Ruhe.

Axel ist an diesem Morgen nicht gut gelaunt. Mit verquollenen Augen und geschwollener Lippe erscheint er zum Frühstück. Er sei heute Nacht von einer Gelse geküsst geworden, erklärt er gequält und fügt einen herzhaften Fluch hinzu. Aber auch andere Mitglieder der kleinen Reisegruppe weisen seltsame Flecken auf Stirn und Nacken auf – Indizien dafür, dass es sich bei der oft kolportierten Stechmückengefahr im hohen Norden nicht nur um einen Mythos handelt.

Nils Torbjörn Nutti hört solche Touristenklagen nicht das erste Mal. Er empfiehlt eine Radikallösung: „Die chemischen Mittel taugen allesamt nichts. Am besten, man setzt sich einen Nachmittag lang nackt an einen See, dann ist man für den Rest seines Lebens immun“, grinst er sardonisch.

Nils ist Same. Als Angehöriger eines Volkes, dessen Lebensweise seit jeher engstens mit der Natur verschränkt ist, werden einem solche Überlebensrezepte in die Wiege gelegt. Das Siedlungsgebiet der Samen erstreckt sich im äußersten Norden von Norwegen über Schweden und Finnland bis nach Russland. Insgesamt knapp 70.000 gibt es von ihnen, rund 20.000 leben in Schweden, 40.000 in Norwegen, 6000 in Finnland und geschätzte 2000 in Russland – alle miteinander verbunden durch eine gemeinsame Sprache, eine eigene Kultur und Tradition.

„Sápmi-Land“ nennen die Ureinwohner dieses grenzübergreifende Siedlungsgebiet, den gängigeren Begriff „Lappland“ mögen sie nicht so gern, weil er eher negative Assoziationen hervorruft.

Einen – wenn auch nur rudimentären – Eindruck vom rauen, entbehrungsreichen Leben der skandinavischen Ureinwohner erhält man im kleinen Freilichtmuseum, das Nils gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin im nordschwedischen Jukkasjärvi, einem Dorf rund 200 Kilometer nördlich des Polarkreises, betreibt. Seine Besucher empfängt er in der farbenfrohen samischen Tracht, an der Kundige ablesen können, aus welcher Gegend er kommt, zu welchem Stamm er gehört und ob er verheiratet ist oder nicht.

Das Gelände direkt neben der Kirche von Jukkasjärvi war einst ein großer Versammlungsplatz der Samen während der Wanderungen mit ihren Rentierherden. Heute finden sich darauf die Rekonstruktionen alter, samischer Behausungen, vom Erd-Iglu über einfache Holzunterschlüpfe bis hin zum Tipi-Zelt, das in der Sami-Sprache „Lávvu“ genannt wird. In einem umzäunten Pferch grast eine kleine Rentierherde, die allerdings keineswegs so ansehnlich wie auf Prospektfotos ist, da die Tiere im Sommer ihr dichtes Fell büschelweise verlieren.

Wer das karge Leben der Samen anno dazumal für eine Nacht oder mehr ausprobieren möchte, kann das in Nils' Rentier-Lodge im Lávvu-Zelt tun. Geschlafen wird auf einem mit Rentierfellen gepolsterten Reisighaufen im Schlafsack, gekocht auf einer offenen Feuerstelle. Weniger robuste Charaktere werden aber eher eines der kleinen Blockhäuschen vorziehen, die zumindest mit einem Bett, Tisch, Stühlen und einem kleinen Kamin ausgestattet sind.

Wenn das Hotel zerfließt

Komfortabler nächtigt es sich im ein paar Steinwürfe entfernten, weltbekannten Icehotel – dem Original, wie das Management gern betont. Vom Eispalast mit seinen frostig-kristallenen Zimmerfluchten, der dem Hotel zu Namen und Berühmtheit verhalf, ist im Sommer allerdings wenig zu sehen – er wird jedes Jahr erst ab Mitte November errichtet, um im nächsten Frühjahr wieder zu ordinärem Wasser zu zerfließen. Das Baumaterial steht aber schon bereit: riesige, im März aus dem nahen Fluss Torne geschnittene und sauber gestapelte Eisblöcke, die den Besuchern nebst einigem – ebenfalls bereits aus dem Eis gefrästen – Mobiliar (Betten, Bartheke) in einer großen Kühlhalle präsentiert werden.

Sind es die Sami-Gene oder einfach die Lust am Experiment? In Nordschweden scheint man jedenfalls ein Faible für ungewöhnliche Unterkünfte zu haben. Rund 300 Kilometer südlich von Jukkasjärvi, in Harads, wohnt man in – Bäumen! „Tree Hotel“ nennt sich das Ensemble aus fünf Baumhäusern mitten im Wald, die – von Designerarchitekten konzipiert – einem Vogelnest, einem Sami-Zelt, einem UFO, einer Seilbahnkabine und einem futuristischen Spiegelkubus nachempfunden sind. Zwei weitere sind in Planung, für eines davon ist man mit den österreichischen Architekten von Coop Himmelb(l)au im Gespräch. Die Idee dahinter: „Die Menschen den Pulsschlag der Natur spüren zu lassen“, sagt Kent Lindvall, der das Konzept gemeinsam mit seiner Frau Britta entwickelt hat.

Um diesen Puls zu fühlen, muss man aber nicht unbedingt in einem Baumhotel einchecken, man spürt ihn in überall im schwedischen Lappland. Das beginnt schon auf dem regionalen Flughafen von Lulea. Während man anderswo beim Verlassen der Flugzeughalle in einer umtosten Verkehrshölle landet, findet man sich hier mitten in einem idyllischen Kiefernwäldchen wieder.

Lulea liegt in einer Bucht am nördlichen Ende des Bottnischen Meerbusens. Bekannt ist das rund 74.000 Köpfe zählende Städtchen vor allem durch das Weltkulturerbe von Gammelstad, einer Ansammlung von etwa 400 kleinen Holzhäuschen, die um die spätmittelalterliche Steinkirche gruppiert sind. Ihre Besitzer nutzten sie einst als Unterschlupf an kirchlichen Feiertagen, für die sie oft weit anreisen mussten.

Vor der Stadt erstreckt sich eine spektakuläre Schärenlandschaft mit mehr als 1300 Inseln, in die man mit der Fähre wie in ein Bilderbuch hineintuckert. Jeder Einwohner, der es sich leisten kann, hat hier irgendwo sein Ferienhäuschen stehen.

Je weiter man nach Norden fährt, desto intensiver wird das Gefühl wundersamer Entschleunigung, das man schon beim Verlassen des Flughafens verspürt hat. Endlos weite Waldlandschaften prägen das Bild, nur unterbrochen von Weilern mit den für Schweden typischen roten Holzhäusern. Das Grün der Mischwälder ist heller als in unseren Breiten und das mag wohl auch an diesem magischen, durchscheinenden Licht liegen, das die Sonne hier verstrahlt, die sich im Mittsommer höchstens mal für eine Stunde hinter einem Hügel versteckt. Diese nachtlosen Tage haben auf den Körper einen ungeahnten Energieeffekt: Ans Schlafengehen erinnert höchstens die Vernunft, nach einem erschrockenen Blick auf die Uhr.

Mitternachtssonnenwandern

Um die Mitternachtssonne sehen zu können, muss man aber ein bisschen höher hinauf. In einer gemächlichen, dreistündigen „Nacht“-Wanderung von Björkliden aus, einem kleinen Skiort etwa 70 Kilometer vor der norwegischen Grenze, erreichen wir kurz vor Mitternacht die Aurora-Sky-Station auf dem Berg Nuolja. Das Panorama auf rund 1000 Meter Meereshöhe ist überwältigend: Zu Füßen und im Schatten der Tornetråsk, Schwedens sechstgrößter See. Im Nordosten, knapp über dem Horizont eine blutrote Sonne, die Felsen, Rentierweiden und in der Ferne die berühmte Bergformation des Lappentors in ein kupfernes Licht taucht. Wir können uns nicht sattsehen an diesem Naturschauspiel.

Man könnte jetzt durch das Lappentor auf den Spuren der Rentierherden von Hütte zu Hütte durch den 450 Quadratkilometer großen Nationalpark von Abisko weiterwandern. Wir aber wollen nur schauen – und sterben.

Lappland-Reisen

Pauschal: u. a. mit Dertour, zum Beispiel „Imposantes Lappland“ mit Dertour: achttägige Mietwagenrundreise ab/bis Kiruna; sieben Nächte im Doppelzimmer mit Frühstück inklusive Mietwagen (Kat. Ford Focus o. Ä.); Anreise z. B. tägl. vom 1. 7.–27. 8. 2013;
Preis pro Person, ohne Flug ab 862€. Weitere Informationen, tagesaktuelle Flugpreise mit SAS und Buchung in Ihrem Reisebüro oder unter www.dertour.at
Die Kosten dieser Reise trugen Dertour Austria und SAS.

Infos: www.visitsweden.com/de
www.nutti.se; www.icehotel.se
www.treehotel.se

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.06.2013)


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