Rosen im Schnee

In „Mörikes Schlüsselbein“ schildert die in Nordsibirien geborene Olga Martynova boboeske Lebenswelten von heute – geprägt von äußerst komplizierten Beziehungen und von Geräten, die Nähe nur simulieren.

In vielen bunten Bildern erzählt Olga Martynova in dem Roman „Mörikes Schlüsselbein“ vom Leben schreibender Bobos. Mit ihrem zweiten Roman ist der Bachmann-Preisträgerin 2012 ein hochkomplexes Sprachkunstwerk gelungen, das dennoch federleicht wirkt.

„Rosengarten im Schnee. Einige Blumen, die ihre Blütenblätter zu geeigneter Zeit nicht fallen ließen, lassen sich jetzt vom Schneestaub die Nase pudern und halluzinieren den Sommer.“ Das ist kein Auszug auseinem Gedicht, sondern ein Satz aus Martynovas „Mörikes Schlüsselbein“. So poetisch und gleichzeitig so gewitzt kann deutschsprachige Prosa klingen – wenn Olga Martynova sie schreibt. Vielleicht klingt sie deshalb so, weil die gebürtige Russin, Jahrgang 1962, eigentlich vor allem Lyrikerin ist. Lyrik schreibt sie allerdings auf Russisch, Prosa auf Deutsch – und das sehr erfolgreich.

Ihr erster Roman, „Selbst Papageien überleben uns“ (2010), war auf der Shortlist des Aspekte-Preises und auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Mit einem Auszug aus dem zweiten Roman überzeugte Martynova 2012 die Jury in Klagenfurt und gewann den Ingeborg-Bachmann-Preis. Und, um das gleich vorwegzunehmen: Das Lob, das dort der Romanauszug erhalten hat, gebührt auch dem Roman. Witzig, dabei klug, leicht und zugleich tiefsinnig, unangestrengterzählt, aber gleichzeitig meisterhaft komponiert, das ist „Mörikes Schlüsselbein“ – und ein sprachliches Kunstwerk sowieso.

Einfach nachzuerzählen ist der Roman dagegen nicht. Es gibt nicht den einen roten Faden, der alles ordnet, es werden mehrere Geschichten parallel erzählt, die ineinandergreifen, miteinander verwoben sind, auf direkte oder indirekte Weise. Meist finden die Episoden auch gleichzeitig statt, spielen an verschiedenen Orten.

Die Figuren, aus deren Perspektive erzählt wird, stehen dabei alle miteinander irgendwie in Beziehung: Andreas, Slawist, lebt in Berlin, schreibt an einem neuen Buch und leidet immer wieder an Atemnot (Burn-out!), wozu sicherlich auch die angespannte private Situation beiträgt (Andreas ist seit Kurzem wieder mit Marina, seiner Studentenliebe, zusammen, hat nebenbei aber auch noch eine Affäre mit einer Studentin); Marina, für einen Kulturfonds in Frankfurt am Main tätig, der Übersetzungen sponsert, bemüht sich, ihrer neuen Rolle als Patchwork-Mutter gerecht zu werden.

Andreas' Sohn, Moritz, der bald Abitur macht, überlegt die meiste Zeit, wie er das Mädchen, das Eis verkauft, ansprechen könnte, und schreibt die restliche Zeit über an seinem ersten Roman, der als Roman im Roman auch Eingang in „Mörikes Schlüsselbein“ findet und eine – anfangs vielleicht leicht verwirrende – fantastische Erzählebene beisteuert, die von amerikanischen Geheimagenten und russischen Schamanen handelt.

Der russische Dichter Fjodor Stern dagegen kehrt erschöpft von einer Lesereise aus den USA (wo er Marina hätte treffen sollen) zurück nach St. Petersburg und nimmt Abschied von der Welt, wodurch seine Frau Natascha, Computerprogrammiererin und damit auch irgendwie im „Sprachbusiness“ tätig, damit konfrontiert wird, sich wieder einmal neu zu orientieren, diesmal als junge Witwe. John, Fjodors Übersetzer und Freund von Andreas und Marina, der nebenbei auch Moritz als Romanheld dient, wird ihr dabei helfen.

Was zunächst etwas verwirrend klingt, ist tatsächlich aber gar nicht so kompliziert. Vielleicht kann man sich den Roman so vorstellen wie ein Gemälde eines alten Meisters, das ja oft in mehreren Szenen gleichzeitig verschiedene Geschichten erzählt, bei dem aber doch alles miteinander zu einem größeren Ganzen verbunden ist. So funktioniert auch „Mörikes Schlüsselbein“, als verbindendes Element fungiert die Sprache, die Literatur, die Macht des Wortes.

Zweifellos ist der Roman damit zunächsteinmal ein Künstlerroman, ist Literatur über Literatur – intellektuell-ironisch, voller intertextueller Anspielungen, hochliterarisch. Da formuliert Fjodor in Gedanken ein neues Gedicht, Andreas hinterfragt das Thema seines Buches, Moritz macht sich Gedanken darüber, wie sein Roman ausgehen wird. Das muss man mögen, darauf muss man sich einlassen (können). Da Schreibende diverser Provenienz und Literatur-Adepten aber auch (nur) Menschen sind, wird einem einiges, was der Roman thematisch aufgreift, aber auch manches aus dem eigenen Alltag bekannt vorkommen. Im Grunde gleicht der Roman einem Kompendium überdas Leben einer ganz bestimmten, inzwischen relativ breiten Gesellschaftsschicht von heute.

So leben bourgeoise Bohemiens am Beginn des 21.Jahrhunderts: ständig gestresst und dadurch gesundheitlich gefährdet, in komplizierten privaten Konstellationen, die sie sich selbst eingebrockt haben, immer auf der Suche nach Selbstverwirklichung im Beruf, der ja tatsächlich oft mit Literatur beziehungsweise dem Schreiben, mit Kunst und/oder Wissenschaft zu tun hat, räumlich weit entfernt voneinander, was nichts einfacher macht, dafür immer irgendwie in Verbindung über iPad oder iPhone, was manchmal leider erst recht nichts einfacher macht. Wie Martynova es gelingt, dieses boboeske Lebensgefühl einzufangen, ist beeindruckend.

Dass es ihr gelingt, hat zum einen mit ihrer sprachlichen Meisterschaft zu tun – Martynova verfügt über das rare Talent, sprachlich präzise und originell zu sein –, zum anderen wohl auch an der komplexen Romankonstruktion, die tatsächlich literarisch den Eindruck von Gleichzeitigkeit erweckt und das Fragmentarische des Lebens quasi naturgetreu, nämlich in fragmentarischen Geschichten, abbildet. Und vielleicht ist das überhaupt das Erstaunlichste: Martynova schafft es auch noch, alles völlig unangestrengt und wie zufällig wirken zu lassen. Dabei ist der Text hochkomplex, präzise konstruiert und sorgfältig zusammengefädelt, aber eben so kunstvoll, dass man die Nähte in diesem federleicht erscheinenden Wortgewebe kaum mehr erkennen kann.

Gut, kognitive Mitarbeit ist bei der Lektüre von „Mörikes Schlüsselbein“ sicher gefragt, möchte man den Roman wirklich ganz durchschauen. Aber nachdem die einzelnen Szenen mit so viel feinem (Sprach-)Witz, so viel Poesie und so wunderbaren Motiven durchsetzt sind, ist es auch ein Vergnügen, sich einfach in die einzelnen Geschichten hineinfallen zu lassen, ohne unbedingt alle Andeutungen dechiffrieren zu müssen. Eben wie bei Gemälden alter Meister: Da erfreut sich das Auge ja auch am reinen Betrachten einzelner Szenen ebenso wie beim konzentrierten Studium des ganzen Opus. Die Lektüre lohnt sich – so oder so. ■


Kurz vor den 37. Tagen der deutschsprachigen Literatur liest die Bachmann-Preisträgerin 2012, Olga Martynova, am 18.Juni um 19.30 Uhr im Klagenfurter Musilhaus, Bahnhofstraße 50, aus ihrem Roman.

Olga Martynova

Mörikes Schlüsselbein

Roman. 320 S., geb., € 22 (Droschl Verlag, Graz)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.06.2013)

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